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Mai 2026: Eine katastrophale Hitzewelle walzt durch Indien.
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Mai 2026: Eine katastrophale Hitzewelle walzt durch Indien.

Science-Fiction

Das Buch zur Katastrophe

  • Peter Rutkowski
    VonPeter Rutkowski
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Kim Stanley Robinsons „Das Ministerium für die Zukunft“

Ein Science-Fiction-Roman spielt immer in einer Zukunft, die eine bequeme Zeitdistanz entfernt ist von dem Augenblick, in dem man das Buch aufschlägt. Kim Stanley Robinson ist ein US-amerikanischer Science-Fiction-Autor, 20 Romane hat er bis dato auf dem Buckel, zig Genrepreise dazu. Sein jüngstes Werk von vor knapp einem Jahr, „Das Ministerium für die Zukunft“ ist ein Science-Fiction-Roman, der JETZT spielt. Eher heute denn morgen. Bequeme zeitliche Distanz? Gibt es nicht. Nicht, wenn wir tagtäglich versuchen, unseren eigenen Planeten zu zerstören.

COP 26 ist bei Robinson längst Geschichte, eine der vielen nutzlosen Zusammenkünfte, bei denen nur heiße politische Luft generiert wurde. „Jetzt“ ist Januar 2025 (das ist wirklich nicht unvorstellbar weit weg) und es ist COP 29 in Bogotá. Aus zwei Klauseln des Pariser Abkommens von 2015 formulieren die wohlmeinenden Akteurinnen und Akteure eine neue UN-Agentur, die damit beauftragt wird, „alle jetzt und künftig lebenden Organismen, die nicht ihre eigenen Interessen vertreten können“ (weil sie teils noch gar nicht existieren, noch nicht geboren sind), zu schützen.

Sechs Monate später, Mai 2026, walzt eine nie gekannte Hitzewelle durch Teile Indiens. Binnen einer Woche sterben 20 Millionen Menschen. „Die schrecklichste Woche der Menschheitsgeschichte.“

Bevor jetzt irgendwer denkt: Mai 2026, Indien, weit weg, was soll’s? Diese Hitzewelle könnte JETZT und ÜBERALL AUF DER WELT Abermillionen von Menschen dahinraffen. Jetzt. Nicht irgendwann. Hier. Nicht irgendwo.

Wird es Terror geben?

Die neue UN-Agentur, die im Volksmund alsbald „Ministerium für die Zukunft“ heißt, gerät unter immensen politischen und zeitlichen Druck. Immer mehr Menschen erleben am eigenen Leib, was Klimawandel wirklich heißt. Die Zeiten, in denen Konflikte so kompetenten wie langweiligen Bürokrat:innen überantwortet wurden - es gibt diese Zeiten jetzt nicht mehr. Ganze Staaten nehmen den Klimaschutz als nationale Aufgabe in die eigene Hand. Indien beispielsweise, das sogar mehrere Kriege riskiert, um sein Volk vor der todbringenden Hitze zu schützen. Ökoterroristische Gruppen schlagen weltweit, unkoordiniert, skrupellos und effektiv zu. Erst nur Nadelstiche, bald aber die Gewissheit, dass die Reichen, Mächtigen und Ignoranten sich nicht werden einigeln können und alles überstehen und nach ihnen die Sintflut. Währenddessen denken kompetente langweilige Bürokrat:innen, internationale Bankvorstände und zum Aktivismus gedrängte Wissenschaftler:innen das Undenkbare. Und machen es schlussendlich möglich.

Alles Science-Fiction? Nein, Wissenschaft liefert Robinson satt, von der Geldwirtschaft bis zur Atmosphärenphysik, alles dazwischen und alles jenseits davon. Er liefert das (zumindest im englischsprachigen Original) in einer gleichermaßen eindringlichen wie eingängigen Sprache.

Kim Stanley Robinson: „Das Ministerium für die Zukunft“, 720 Seiten, 17 Euro

Robinson nimmt die unwahrscheinlichsten Erzählperspektiven ein, nutzt zig narrative Formen (inklusive Konferenzprotokoll und Medienbericht), lässt sich auch ein wenig Zeit für grimmigen Sarkasmus, aber gibt niemals seinen utopischen Optimismus auf. Robinson führt uns allen vor, dass Aufgeben nicht gilt, dass alle mitmachen müssen. Ja, Robinson sieht sich selbst als einen Sozialisten (US-Version), aber als einen, der die Realität als Herausforderung annimmt. Einer, der mit stahlhartem Humor es mit der Welt aufnimmt und sich nicht von der individualistischen Bequemlichkeit korrumpieren lässt.

Kein Platz für Heilslehren

Und weil der Autor in jeder Zeile der bald 700 Seiten, in jedem der 106 (zum Teil nur halbseitigen) Kapitel den unverstellten Blick auf eine für zu viele überwältigend komplexe Welt erfolgreich erkämpft, ist „Das Ministerium für die Zukunft“ selbst in seinen dunkelsten Momenten ein Sieg des Optimismus. Um Winston Churchill zu zitieren: „Ich sehe mich als Optimist – was anderes macht auch nicht viel Sinn.“

„Das Ministerium für die Zukunft“ ist keine leichte Kost, aber dafür ist sie umso lebensnotwendiger. Und als geschmacksverstärkenden Bonus fehlt ihr jeder Anflug von Messianismus („Ich, der Autor, und Ihr, die Lesenden, stehen auf der Seite des Guten“).

Auch wenn die aktuellen G20 beim Thema Klimaschutz wieder so gut wie nichts zustande gebracht haben, auch wenn jetzt alle Medien sich in Untergangsszenarien überschlagen und COP 26 in seinen ersten Minuten totreden – das macht Robinsons Buch als Fahrplan in eine bessere Zukunft nur noch wichtiger. Bei aller Angst und Verzweiflung zeichnet die Menschen am Ende doch Unbeugsamkeit und Kampfesmut aus.

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