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Das Bewusstsein ändert sich

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Von: Tatjana Coerschulte

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Kampagne gegen Zwangsheirat des Landes Nordrhein-Westfalen.
Kampagne gegen Zwangsheirat des Landes Nordrhein-Westfalen. © Rolf Vennenbernd/dpa

Frauen, die sich gegen eine Zwangsheirat wehren, lehnen nicht nur einen Partner ab. Sie gehen einen lebensverändernden Schritt

Wenn die Welt so einfach wäre, wie es sich die rheinland-pfälzische AfD vorstellt, hätte Maria Decker deutlich weniger zu tun. Die rechte Partei bemühte eigens eine formelle Große Anfrage an die Landesregierung in Mainz, um zu erfahren, dass in dem Bundesland ein bis drei Zwangsheiraten pro Jahr aktenkundig werden. Eine solche Statistik bildet aber nur einen Teil der Wirklichkeit ab – mit dem anderen Teil befasst sich Maria Decker. Die Vorsitzende der Frauenhilfsorganisation Solwodi sagt: „Wir haben in diesem Bereich in den vergangenen zwei Jahren einen deutlichen Anstieg gesehen. Das ist auch ein Corona-Nachholeffekt.“

Auf bundesweit 1847 Fälle von angedrohten oder vollzogenen Früh- und Zwangsverheiratungen kam in diesem Sommer eine anonyme, nicht-repräsentative Online-Umfrage von Terre des Femmes. Betroffen sind demnach zu rund 88 Prozent Mädchen, zu elf Prozent Jungen, zu 1,2 Prozent diverse Personen. Befragt wurden Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter:innen, und zwar vor den Sommerferien.

„Dann stehen Reisen in die Herkunftsländer an, die Mädchen wissen, was dort passieren soll“, sagt Maria Decker. Häufig nutzten die Familien die Ferienaufenthalte, um ihre Kinder mit von ihnen ausgewählten Partnern zu verheiraten. Während der Corona-Lockdowns waren Reisen kaum möglich. Nach den Lockerungen nimmt der Bedarf an Beratung zu.

Decker bestätigt, dass es oft Lehrer:innen sind, denen sich Betroffene zuerst anvertrauen. „Die Zunahme bedeutet aber nicht unbedingt, dass es tatsächlich mehr Zwangsehen gibt, sondern dass sich das Bewusstsein geändert hat“, sagt sie. Darin sieht sie auch einen Erfolg der Aufklärungsprogramme: „Die Mädchen zeigen mehr Selbstbewusstsein.“ Die Frauen wüssten, dass es nicht in Ordnung sei, gegen den Willen verheiratet zu werden.

Offizielle Zahlen zu Zwangsheiraten hierzulande gibt es nicht; die letzte Statistik des Bundesfamilienministeriums datiert aus dem Jahr 2008. Um gegen Kinderehen vorzugehen, verschärfte die Bundesregierung im Jahr 2017 das Gesetz: Seitdem müssen beide Brautleute mindestens 18 Jahre alt sein. Nach ausländischem Recht geschlossene Ehen jüngerer Paare sollen nur noch in Ausnahmefällen anerkannt werden.

Eine arrangierte Ehe, mit der das Paar einverstanden ist, ist keine Zwangsheirat. Diese definiert Paragraf 237 des Strafgesetzbuchs als Verbindung, in die eine:r der Partner:innen gegen seinen oder ihren Willen mit Gewalt oder Drohungen gedrängt wird. Darauf stehen bis zu fünf Jahre Haft. Laut Statistik-Portal Statista wurden im vergangenen Jahr 73 Fälle angezeigt (2012: 56 Fälle).

Die Istanbul-Konvention

Die Istanbul-Konvention ist das Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt. Sie wurde 2011 im türkischen Istanbul ausgearbeitet und ist seit 2014 in Kraft. 45 Länder haben sie unterzeichnet, aber erst 37 Parlamente haben dem Vertrag zugestimmt (ratifiziert). Die Türkei ist 2021 aus dem Abkommen wieder ausgetreten.

Das Übereinkommen soll für einheitliche Rechtsnormen bei der Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und von häuslicher Gewalt sorgen. Es schreibt Hilfsangebote und öffentliche Aufklärungskampagnen vor. Ausdrücklich fordert der Vertrag, dass ausreichend Frauenhäuser als Schutzmöglichkeit geschaffen werden sollen. Die Konvention listet als Gewaltformen unter anderem Stalking, Zwangsheirat und Genitalverstümmelung vor.

Deutschland hat Ende Oktober zwei Vorbehalte gegen die Konvention zurückgezogen, die sich auf den Aufenthaltstatus ausländischer Gewaltopfer und die Ahndung im Ausland von Deutschen begangener Straftaten bezogen. Damit gilt die Konvention ab Februar 2023 hierzulande uneingeschränkt. coe

Wie weit der Weg bis zur Anzeige ist, weiß Maria Decker. Solwodi unterhält bundesweit zehn Wohnplätze für Mädchen ab 16 Jahren. „Sie sind ständig belegt. Es gibt mehr Nachfrage als Plätze“, sagt Decker. In den Schutzwohnungen werden Mädchen und Frauen anonym untergebracht, die akut bedroht werden, weil sie sich zum Beispiel einer Zwangsheirat widersetzen. Dann müsse zur Sicherheit jeder Kontakt zur Familie abgebrochen werden, sagt Maria Decker: „Für die Mädchen ist das eine harte Sache.“ Sie seien bis dahin eng in die Familie eingebunden gewesen, viele hätten Selbstständigkeit nicht gelernt, weswegen sie intensive Betreuung bräuchten.

In den Schutzwohnungen werden sie von Sozialarbeiter:innen unterstützt. „Die Mädchen sollen in die Schule gehen, eine Ausbildung machen, sich ein soziales Leben aufbauen“, sagt Decker. Um die Gefahr zu senken, dass sie in ihrem neuen Umfeld erkannt werden, würden sie möglichst weit entfernt vom Wohnort untergebracht – und auch, um Kontaktaufnahmen der Familie zu unterbinden.

„Dass die Mädchen von sich aus zu ihren Familien zurück möchten, ist selten“, hat Decker festgestellt. Sie schildert den Fall einer Schülerin, die Physik studieren möchte und deren Brüder gedroht hätten, sie umzubringen, falls sie sich an einer Universität einschreibe. Die Ratsuchenden bei Solwodi sind in der Regel 15 und 16 Jahre alt, es kämen aber auch Frauen zwischen 30 und 40 Jahren, die älteste Betroffene sei über 50 Jahre gewesen, sagt Maria Decker.

Häufig kämen die Familien aus dem Irak, dem Iran, Syrien, Afghanistan und der Türkei. Viele Betroffene seien muslimischen Glaubens, einfach, weil dies die Mehrheitsreligion in den Herkunftsländern sei. Decker warnt: „Das sollte man nicht über einen religiösen Kamm scheren.“ Zwangsheiraten entsprängen nicht einer religiösen Prägung, sondern einer patriarchalisch geprägten Kultur. Das Phänomen komme zudem in allen sozialen Schichten vor.

Diese Erfahrung bestätigt das muslimische Zentrum für Mädchen, Frauen und Familie Rahma in Frankfurt. Zwangsehen seien ein patriarchalisches Problem, sagt eine Mitarbeiterin gegenüber der Frankfurter Rundschau. Die Politik solle dieses Thema ernst nehmen, aber nicht instrumentalisieren. Die meisten Ratsuchenden bei Rahma seien Frauen, die sich wegen familiärer Konflikte meldeten. Zwangsehen seien eher selten Thema, öfter aber eine Partnerwahl, die den Eltern nicht gefalle.

Der Beratungsstelle wurden in den vergangenen Jahren nach eigenen Angaben (angedrohte) Zwangsheiraten im jeweils unteren einstelligen Bereich bekannt. Es müsse aber nicht immer zum Äußersten kommen, sagt die Mitarbeiterin: So habe in einem Fall, in dem der Bräutigam schon bei der ungefragten Braut und ihren Eltern eingezogen war, das Jugendamt erreichen können, dass er wieder auszog.

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