Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Menschen versammeln sich vor der Polizeistation, wo die mutmaßlichen Attentäter inhaftiert sind.
+
Menschen versammeln sich vor der Polizeistation, wo die mutmaßlichen Attentäter inhaftiert sind.

Jovenel Moïse

Attentat auf Präsidenten in Haiti hinterlässt ein gefährliches Vakuum

  • Klaus Ehringfeld
    VonKlaus Ehringfeld
    schließen

Wer profitiert vom Tod des Präsidenten auf Haiti, wer tötete ihn? In der Chaosrepublik gibt es nach der Tat viele Fragen.

Haiti — Der Präsident ist ermordet, das Volk erschrocken. Die Opposition, die Jovenel Moïse so sehr bekämpft hat, ist ratlos und weist alle Verantwortung für das Attentat an ihm von sich. Aber wer war es, der den Staatschef mit zwölf Kugeln tötete, seine Frau schwer verwundete und die Kinder traumatisiert zurückließ?

Politische Gegner, Drogenbanden oder die kolumbianische Mafia? Am Donnerstag, einen Tag nach dem Attentat, präsentierten die haitianischen Sicherheitskräfte 15 festgenommene Kolumbianer und zwei US-Haitianer. Insgesamt seien 28 Menschen an dem Präsidentenmord beteiligt gewesen, drei seien getötet worden. Die festgenommenen Kolumbianer sind offenbar ehemalige Armee-Angehörige.

Haiti: Nach dem Attentat auf den Präsidenten sind viele Fragen offen

In der Chaosrepublik gibt es nach der Tat viele Fragen, aber keine Antworten. Wer profitiert vom Tod von Moïse? Und vor allem, wer führt nun dieses unregierbare Land, das in 35 Jahren 20 Regierungen hatte, wo Präsidenten abgesetzt wurden oder flüchteten? Menschen haben in diesen Jahren Diktaturen, Staatsstreiche sowie vom Ausland eingesetzte Staatschefs gesehen.

Aber ein Präsidentenmord ist für die westliche Hemisphäre in diesen Zeiten ja eher ungewöhnlich. Doch wenn er irgendwo vorstellbar war, dann wohl im Armenhaus Amerikas, wo 60 Prozent der elf Millionen Menschen im Elend leben, ein Viertel in extremer Armut. Auch der Experte Robert Fatton von der Universität von Virginia in den USA ist ratlos: „Selbst für ein Land wie Haiti ist eine solche Tat außergewöhnlich und besorgniserregend,“ sagt der in Haiti geborene Professor für Internationale Beziehungen.

Wer regiert Haiti nach dem Attentat auf den Präsidenten?

„Aus politischer Sicht gibt es niemanden, der daraus Nutzen zieht“, unterstreicht Fatton in der BBC. Weder die Banden oder die Opposition noch Teile der Regierung. Niemand profitiere von noch mehr Chaos, noch mehr Unsicherheit, Gewalt und einer möglichen neuen ausländischen Intervention in dem Inselstaat.

Laut US-Medien wurden im Süden Floridas zwei US-Haitianer festgenommen, die in den Mord verstrickt sein sollen, darunter ein Unternehmer. Zuvor hatte bereits die Polizei in dem Inselstaat vier mutmaßliche Mittäter erschossen und zwei weitere festgenommen.

Unterdessen geht es weiterhin um die Frage, wer eigentlich Haiti jetzt regiert. Böse Zungen sagen, das täten ohnehin schon lange die knapp hundert Banden, die mal mehr und mal weniger mit der Regierung verbunden sind. Aber eine verfassungsmäßige, politische und juristische Nachfolge für Moïse ist nicht in Sicht.

Nach dem Attentat in Haiti: Ex-Premier Claude Joseph hat die Macht an sich genommen

Im Chaos des Moments hat der bereits entlassene Ex-Premier Claude Joseph die Macht an sich genommen, was der noch von Moïse designierte, aber nicht mehr eingesetzte neue Premier, Ariel Henry, scharf kritisiert. Er wirft dem Ex-Außenminister und Ex-Botschafter Joseph, der selbst erst vor drei Monaten ernannt wurde, Amtsanmaßung vor.

Auch die Opposition und Menschenrechtler kritisieren, dass er schon kurz nach der Tat für zwei Woche den Ausnahmezustand über Haiti verhängte, was ihm neue Machtbefugnisse gibt. Die UN-Gesandte für Haiti, Helen La Lime, betonte, Joseph solle bis zur Abhaltung von Neuwahlen im Amt bleiben. Auch die USA als traditionelle Schutzmacht für Haiti machen sich für Wahlen als „Übergang zu einer friedlichen Machtübergabe“ stark.

Ohnehin wäre laut dem haitianischen Grundgesetz der Vorsitzende des Obersten Gerichtshofs als Nachfolger von Moïse an der Reihe gewesen. Aber Gerichtspräsident René Sylvestre verstarb vergangene Woche an Covid. Auch der dann folgende Parlamentspräsident kann den Staatschef nicht ersetzen, da es keine gewählte Nationalversammlung derzeit gibt. Also taumelt die Karibikrepublik in ein gefährliches politisches und verfassungsrechtliches Vakuum. „Es gibt keine klar regelbare Amtsübergabe“, sagt Robert Fatton. „Es gibt eine politische Leerstelle, die verfassungsgemäß nicht gefüllt werden kann“.

Immer mehr Bandengewalt in Haiti – Attentat auf Präsidenten verschlimmert Situation

Es droht also noch eine Verschlimmerung der Situation, die ohnehin schon apokalyptisch ist. Haiti versinkt seit Kurzem in einer selbst für das Land ungewohnt großen Bandengewalt. Bewaffnete Gruppen terrorisieren mit Entführungen und territorialen Konflikten die Menschen in der Millionenhauptstadt Port-au-Prince. Die eskalierende Gewalt der Milizen schlug im vergangenen Monat mehrere tausend Betroffene in die Flucht und machte sie zu Binnenvertriebenen.

Die Zustände vor allem in der Hauptstadt, aber auch dem ganzen Inselstaat gleichen zunehmend denen im afrikanischen Somalia und der Hauptstadt Mogadischu während der 1990er-Jahren, als praktisch Milizen das Land beherrschten und unter sich aufgeteilt hatten. Von Januar bis Juni fielen laut der Vereinten Nationen in Haiti 159 Menschen der Bandengewalt zum Opfer. Die Nichtregierungsorganisation „Défenseurs Plus“ zählt sogar mehr als 400 Tote. (Klaus Ehringfeld)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare