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Verkehrsspiegel sollen helfen.

Darmstadt

Tod im toten Winkel: Die Stadt Darmstadt reagiert mit zusätzlichen Spiegeln auf Unglücke

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Die Stadt Darmstadt montiert Spiegel, damit Lastwagenfahrer sehen können, was neben und hinter ihnen auf dem Radweg passiert.

Der tragische Unfall ereignete sich vor anderthalb Jahren an einem verregneten Novembermorgen in der Darmstädter Innenstadt: Ein Berufskraftfahrer hält seinen Sattelzug an einer roten Ampel an. Als die Ampel Grün zeigt, tritt der Mann behutsam auf das Gaspedal, um mit dem von ihm gesteuerten Sattelzug nach rechts auf die Bundesstraße 3 abzubiegen. Der Lastwagen setzt sich langsam in Bewegung. Aus der entgegengesetzten Richtung ertönt plötzlich das Warnsignal eines herannahenden Krankenwagens. 

Der Lastwagenfahrer verlangsamt seine Fahrt, weil der Rettungswagen seinen Fahrtweg kreuzen könnte. Doch der Krankenwagen biegt zuvor ab, so dass der Fahrer des Sattelzugs den Abbiegevorgang fortsetzt. In einem großen Bogen schwenkt er die Zugmaschine nach rechts. Plötzlich Geschrei. Der Lastwagen beginnt zu hüpfen. Die Zugmaschine erfasst eine 38-jährige Radfahrerin, die neben dem Lastwagen auf einem Radweg fährt und geradeaus fahren will. Die Frau wird überrollt. Eine Ärztin ist sofort zur Stelle und will die Frau reanimieren. Als sie mit ihren Kräften am Ende ist, bemüht sich auch der Lastwagenfahrer, das Leben der Radlerin noch zu retten. Doch die dreifache Mutter stirbt noch an der Unfallstelle.

Vor dem Darmstädter Amtsgericht beteuerte der inzwischen 55-jährige Lastwagenfahrer in der vorigen Woche, er habe die Radfahrerin nicht gesehen, obwohl er regelmäßig in die Außenspiegel geschaut habe. „Ich kann nichts rückgängig machen, aber es tut mir wahnsinnig leid, was geschehen ist“, sagt er mit Tränen in den Augen und entschuldigt sich bei den Hinterbliebenen.

Appell des Witwers

Der Mann, der auch nach einer Rehabilitation nicht mehr als Fahrer arbeiten kann, trifft auf eine milde Richterin, die ihn wegen fahrlässiger Tötung verurteilt, aber nur verwarnt. Die angedrohte Strafe von 90 Tagessätzen à 15 Euro wird zur Bewährung ausgesetzt. Der Mann muss allerdings 400 Euro an die Verkehrsunfallopferhilfe zahlen. Die Richterin begründet ihre Milde auch mit der geringen Schuld des Angeklagten.

Nach Einschätzung eines Sachverständigen hätte der Lastwagenfahrer die Radlerin mangels eines Assistenzsystems nur etwa zehn Sekunden in seinem Außenspiegel sehen können, als sie sich auf dem Radweg von hinten dem Sattelzug näherte. Der Unfall wäre laut Gutachter vermeidbar gewesen, wenn der Fahrer noch vorsichtiger und nur mit Schrittgeschwindigkeit in die Straße eingebogen wäre. Die vom Fahrtenschreiber aufgezeichneten 17 Kilometer pro Stunde seien noch immer zu schnell gewesen.

In einem Brief, den die Anwältin der Hinterbliebenen im Gerichtssaal verliest, appelliert der Witwer, „alles Menschenmögliche zu tun, um derartige (Abbiege-)Unfälle künftig zu verhindern“. Das Schreiben endet mit dem Satz: „Wenn ein Abbiegeassistent ein Menschenleben retten kann, sollte es uns dies in jedem einzelnen Fall wert sein.“

An der Kreuzung und einer weiteren, wo ebenfalls ein Radler von einem Lastwagen angefahren und getötet wurde, hat die Stadt Darmstadt inzwischen Spiegel montiert, damit Lastwagenfahrer sehen können, was neben und hinter ihnen auf dem Radweg passiert.

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