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Darf man bei der Arbeit lächeln?

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Gibt es etwas, das typisch ist für die Begegnung von Afrikanern und Deutschen?

Ein Bekannter von mir aus Äthiopien, der in Frankfurt promoviert, hat mir folgendes erzählt: Er komme morgens immer freundlich lächelnd zu seinem Arbeitsplatz ins Institut und sei völlig verunsichert, weil die Kollegen ihn irritiert nach dem Grund seiner Fröhlichkeit fragten. Dabei, so berichtete er mir, wolle er doch nur höflich sein und wisse nun gar nicht mehr, wann er denn lächeln solle und wann nicht und ob er generell aufhören solle zu lächeln.

Warum irritiert dieses Lächeln?

Bei uns ist in der Kommunikation viel stärker die Sachebene gefragt. In einer Arbeitsbeziehung geht es vorwiegend darum, Aufgaben zu lösen oder abzuarbeiten, und nicht so sehr um den persönlichen Kontakt. Das ist für Afrikaner schlimm. Der Mensch selbst erscheint weniger wichtig. Es fragt bei uns im normalen Geschäftsbetrieb kaum jemand, wie geht es Ihnen, kommen Sie hier zurecht, oder kommen Sie uns doch mal besuchen.

Sie haben drei Jahre in Benin in Westafrika gelebt. Was haben Sie von dort mitgebracht?

In der Kleinstadt Djougou, in der ich als Lehrerin gearbeitet habe, kam in einer der ersten Wochen eine entfernte Bekannte auf der Landstraße auf mich zu. Sie hat meine Hände genommen und wollte wissen, wie es mir geht, der Familie, den Kindern, wie die Reise war. Traditionell geht man bei einer Begrüßungszeremonie ein bisschen in die Hocke. Das Ganze kann bis zu eine Viertelstunde dauern. Dafür ist dann aber die Beziehung gestärkt. Mir kam das schon merkwürdig vor, der enge Körperkontakt und die lange Dauer, nur für eine Begrüßung. Ich habe erst später verstanden, warum das wichtig ist.

Welche Strategien können Mitarbeiter von internationalen Unternehmen, Sachbearbeiter im Ausländeramt oder auch Lehrer aus Ihren afrikanischen Erfahrungen entwickeln?

Nicht mit der Tür ins Haus zu fallen, indem man geradeheraus ein Problem anspricht. Sondern zu sehen, es ist wichtig, im Arbeitskontakt zunächst eine persönliche Beziehung herzustellen. Dann kann man auch über ein Problem sprechen und die Lösung gemeinsam anpacken. Traditionell spricht man etwa in Benin sehr lange gemeinsam über ein Problem, es gibt ein regelrechtes Palaver, alle Sichtweisen werden für eine Lösung des Problems einbezogen, bis man sich schließlich einigt. Wenn die Beziehung stimmt, gelingt auch die Lösung.

Wie hat sich Ihr Leben seit Ihrer Zeit in Benin verändert?

Es hat mich offener dafür gemacht, mir Zeit für andere zu nehmen. Leider nehmen in unserem Alltag die Fähigkeit und die Gelegenheit ab, guten Kontakt zu Kollegen oder Bekannten zu halten. Weil in einem Raum wie dem Rhein-Main-Gebiet immer öfter Menschen aus allen Teilen der Welt zusammenarbeiten, ist das Aufeinanderzugehen wichtiger geworden. Die Zeit muss man sich auch in großen Firmen nehmen, denn dann kam man Synergieeffekte erzielen aus der unterschiedlichen Art und Weise, eine Aufgabe oder ein Problem anzugehen, um erfolgreich sein zu können.

Nehmen Sie sich diese Zeit?

Ich habe gelernt, dass nicht alles sofort erledigt werden muss. Manchmal hilft es abzuwarten, einen Plausch zu halten oder Musik zu hören, um einen Schritt weiter zu kommen.

Interview: Peter Hanack

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