Dank der Milde der Sieger

Zivilisationsprozesse nach 1945: Konrad Jarausch über "Die Umkehr" der Deutschen

Von ELKE SCHUBERT

Die Frage, wie es gelingen konnte, die Deutschen nach dem Nationalsozialismus wieder in ein "zivilisiertes" Volk zu verwandeln, ist vielfach untersucht worden, auch unter dem Gesichtspunkt, ob das deutsche Modell für andere besiegte Länder wie aktuell Irak vorbildlich sein könnte. Der Zeithistoriker Konrad Jarausch ist bereits als Schüler in die USA gegangen, wo er heute in Chapel Hill als Professor für European Civilization lehrt; nun hat er mit seinem Buch Die Umkehr eine weitere Untersuchung über die "gelungene Resozialisierung" der Deutschen vorgelegt.

Eine "transatlantische Doppelperspektive", schreibt der Autor im Vorwort, erlaube es ihm, die deutsche Nachkriegsgeschichte aus der Sicht sowohl von Siegern als auch von Besiegten zu betrachten. Weil Jarausch in beiden Ländern zu Hause ist, bestimmt dann auch eine Mischung aus Distanz und Sympathie den Ton des Buches, das als weitere Besonderheit die Geschichte beider deutscher Staaten gleichermaßen berücksichtigt.

Drei Etappen haben nach Jarausch die Hinwendung zu einer Zivilgesellschaft entscheidend geprägt: das Potsdamer Abkommen mit der Aufteilung Deutschlands, die Studentenrevolte von 1968 und schließlich der Fall der Mauer im November 1989. In seiner Darstellung wird weniger Wert auf politische Entscheidungen, sondern vielmehr auf soziokulturelle Veränderungen gelegt. Als Quellen für die Untersuchung von Anschauungen und Verhaltensänderungen dienen Tagebücher, Autobiographien, Gespräche und Artikel aus den Printmedien.

Entnazifizierung

Detailreich schildert Jarausch im ersten Teil des Buches die Maßnahmen zur Entnazifizierung der Deutschen. Während im sowjetisch besetzten Teil des Landes die berechtigte Angst vor Rache verbreitet war - hatten die Deutschen doch in der Sowjetunion Millionen von Toten hinterlassen -, konnte man in den von den westlichen Alliierten besetzten Gebieten auf die "Milde" der Sieger hoffen. Diese Milde wurde dennoch nicht als selbstverständlich wahrgenommen, sondern in fast allen Zeitzeugenberichten mit Erstaunen registriert.

Für Jarausch bedeutet die Entnazifizierung im Westen aber auch die Abkehr vom Nationalismus, eine starke Westbindung und ein daraus resultierendes gestörtes Verhältnis zum Nationalstaat, das als "traumatischer Bezugspunkt" bis in die Gegenwart hineinwirkt, während der Osten sich zu einem Volk von Widerstandskämpfern stilisierte. Das Programm der Alliierten wird bei Jarausch, anders als in vielen anderen Untersuchungen, nicht als gescheitert bewertet, sondern als erfolgreiches Resozialisierungskonzept, das in großen Teilen seine Ziele erreichte: die Auflösung der NSDAP, die Entfernung prominenter Nazis aus dem öffentlichen Leben und die Diskreditierung des Nationalsozialismus als Ideologie.

Diese Erfolge hätten erst auf lange Sicht ihre politische Wirkung gezeigt. Der "Makel des Deutschseins" zieht sich für Jarausch allerdings bis in die Gegenwart und habe sich gerade in den erbitterten Diskussionen der Intellektuellen um die Vereinigung beider deutscher Staaten gezeigt. Als "Wunschziel" formuliert der Autor deshalb ein Zusammenspiel von Demokratie und Patriotismus, wie es in den anderen europäischen Staaten gepflegt wird.

Die zweite deutsche Demokratie in ihrer jetzigen Form entstand zwar durch die Siegermächte, die ihr jeweiliges ökonomisches Modell aufzwangen, auf der einen Seite Marktwirtschaft und auf der anderen Planwirtschaft, dennoch hätten zumindest die Westdeutschen schon früh die Chance erhalten, diese als Zwang empfundenen Maßnahmen als positiv wahrzunehmen. Deshalb spielt auch die Ökonomie eine entscheidende Rolle in dieser Untersuchung - ein Ansatz, der leider durch Jarauschs durchweg unkritisches Verhältnis zur Marktwirtschaft und eine zu starke Orientierung an der amerikanischen Perspektive an Plausibilität verliert. Vielleicht kann der transatlantische Blick nicht immer ausgewogen sein.

Ebenso könnte man über die zentrale Rolle streiten, die Konrad Jarausch der Studentenbewegung in diesem "Zivilisierungsprozess" zuweist. Diese habe "trotz mancher Verirrungen ... durch ihre soziokulturellen Wirkungen einen wichtigen Beitrag zur Etablierung einer toleranten Zivilgesellschaft" geleistet. Erst sie markiere den endgültigen Durchbruch zu einer weltoffenen Gesellschaft und habe auf der anderen Seite die Kluft zwischen DDR und Bundesrepublik noch weiter vergrößert, wobei sich erstere soziokulturell immer mehr als der "deutschere" der beiden Staaten erwies.

Latente Fremdenfeindlichkeit

Die Abwendung vom Sozialismus durch den Mauerfall markiert den dritten Abschnitt auf dem Weg zur Demokratie. Trotz einiger Kritik wie etwa der Ignoranz der Westler gegenüber ostdeutschen Biographien sieht Jarausch die Vereinigung als gelungen an. Seine Bilanz fällt deshalb positiv aus, auch wenn er beispielsweise in der Einwanderungsfrage Nachbesserungen für unabdingbar hält und die latente Fremdenfeindlichkeit hervorhebt.

Dem Wahlamerikaner Jarausch ist ein anregender Beitrag zur historischen Verortung der Berliner Republik gelungen. Zwar könnte man seine Schwerpunktsetzung kritisieren, ebenso seine ökonomischen Analysen, interessant und nachdenkenswert sind seine Positionen allemal. Und wer sich mit dem schwierigen Verhältnis der Deutschen zu ihrem Staat beschäftigen möchte, wird hier streitbare Diskussionsbeiträge finden. Die "Zivilisierung" nach der großen Katastrophe war jedoch ein einmaliges Experiment, das nicht auf andere Staaten wie Irak übertragen werden kann.

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