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Sophie Scholl gehörte zur „Weißen Rose“, die den Nazis mit mutigen Aktionen entgegentrat.
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Sophie Scholl gehörte zur „Weißen Rose“, die den Nazis mit mutigen Aktionen entgegentrat.

Deutscher Widerstand

Zum 100. Geburtstag von Sophie Scholl: „Jeder muss den Mund aufmachen“

  • Hanning Voigts
    VonHanning Voigts
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Widerstand gegen rechts gestern und heute: Ein Interview zum 100. Geburtstag von Sophie Scholl.

Mirjam Heydorn und Thomas Altmeyer vom „Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945“ über den Kampf gegen die NS-Diktatur, die Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte und die Propaganda von „Querdenken“.

Frau Heydorn, Herr Altmeyer, am 9. Mai wäre Sophie Scholl 100 Jahre alt geworden. Wie erklären Sie es sich, dass sie heute so ein bekanntes Gesicht des Widerstands gegen den Nationalsozialismus ist, während viele andere Widerstandskämpfer:innen fast vergessen sind?

Thomas Altmeyer: Das liegt zum einen daran, dass die Alliierten die Flugblätter der Weißen Rose noch während des Krieges aus Flugzeugen abgeworfen haben, so dass sie recht breit bekannt waren. Zum anderen gab es die Familie, die nach 1945 um die Erinnerung an Sophie und Hans Scholl gekämpft hat. Und der Film „Die weiße Rose“ von Michael Verhoeven von 1982 hat sicherlich auch eine große Rolle gespielt.

Ihr Studienkreis bemüht sich seit mehr als 50 Jahren um die Erforschung des Widerstands und auch um das Erinnern an ihn. Wie kam es dazu?

Mirjam Heydorn: Der Studienkreis hat sich 1967 vor allem gegründet, weil in den Schulbüchern nur der militärische Widerstand vom 20. Juli 1944 auftauchte, vielleicht noch die Weiße Rose. Es gab aber auch zivilen Widerstand, es gab ihn von Sozialisten, Kommunisten, Religiösen und anderen. Man wollte damals das Wissen um diesen Widerstand aufrechterhalten und seine Geschichte überhaupt erst einmal erforschen. Die breite Mehrheit wollte sich damals nicht damit befassen, weil das bedeutet hätte, sich mit der eigenen Verstrickung in den Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. Widerstandskämpfer sind nach 1945 als „Vaterlandsverräter“ und „Nestbeschmutzer“ sehr schlecht behandelt worden, das habe ich bei meinen Eltern selbst erlebt.

Sie meinen, Geschichten vom Widerstand hatten keinen Platz, weil sie auch die Frage nach Täter:innen aufwarfen?

Heydorn: Ja, weil es auch eine Geschichte des Mutes ist, die wir hier erzählen. Man kann sich eben nicht mit dem Widerstand beschäftigen und zugleich verleugnen, wer Täter geworden ist, wer mitgelaufen ist, wer geschwiegen hat. Die Mehrheit, die vor 1945 mitgemacht hatte, hatte nach dem Krieg große Ressentiments gegen den Widerstand. Wehrmachts-Deserteure wie meinen Vater hat man als „Kameradenschweine“ verunglimpft.

Altmeyer: Der Widerstand hat der Gesellschaft einen Spiegel vorgehalten. Die beiden Standardsätze waren „Ich habe nichts gewusst“ und „Ich konnte nichts machen“. Der Widerstand hat bewiesen: Man konnte etwas wissen und man konnte auch etwas machen.

Frau Heydorn, Sie haben Ihre Eltern Irmgard und Heinz-Joachim Heydorn erwähnt. Mögen Sie von Ihnen erzählen – und wie sie Sie beeinflusst haben?

Heydorn: Das Thema begleitet mich schon mein ganzes Leben. Für mich war es immer schwer, mit dem Schweigen in Deutschland umzugehen, auch weil es eine Ausgrenzung meiner Eltern bedeutet hat. Meine Mutter hat nach dem Abitur 1936 in Hamburg einem jüdischen Bekannten bei der Vorbereitung seiner Flucht geholfen und dann bis 1945 im Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK) mitgearbeitet. Die haben Flugblätter verteilt und Parolen auf den Boden gedruckt, solche Sachen. Mein Vater hat für Auslandszeitungen geschrieben und war dann, als er eingezogen wurde, das, was man in Deutschland einen „Drückeberger“ nennt. Er hat sich in die Dolmetscherkompanie gemogelt, und als er an die Front sollte, ist er desertiert, weil er nicht töten wollte, und hat sich in Frankreich versteckt.

Wie breit war insgesamt der Widerstand gegen die NS-Diktatur?

Altmeyer: Gesamtgesellschaftlich war er immer ein Minderheitenphänomen. Der größte Teil des Widerstands kam aus der Arbeiter:innenbewegung. Konservative Kreise kamen eigentlich erst Ende der 30er-Jahre dazu, da beginnen auch erste Ansätze eines militärischen Widerstands. Es gibt in fast allen sozialen Schichten einzelne Leute, die etwas gemacht haben. Ihre Motivation war dabei sehr unterschiedlich. Manche wussten früh, dass die Politik der Nazis ihren eigenen Vorstellungen widersprach, andere haben sich an bestimmten Punkten abgewendet oder eben in einer konkreten Situation entschieden, etwa Jüdinnen und Juden zu helfen.

Heydorn: Man muss sich das wirklich immer im Einzelfall angucken. Meine Mutter kam zum Beispiel aus einer sehr politischen Familie, für die war das nie eine Frage. Was die Leute im Widerstand alle verbindet, ist, dass die so etwas hatten wie eine innere Haltung, einen moralischen Kompass, der an irgendeiner Stelle gesagt hat: Jetzt ist Schluss, da mache ich nicht mit. Das hat was mit Mitmenschlichkeit zu tun, mit Interesse für den Anderen, mit Empathie.

Zu den Personen

Mirjam Heydorn (66) ist Rechtsanwältin in Frankfurt. Als Teil des geschäftsführenden Vorstandes leitete sie den „Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945“.

Thomas Altmeyer (43) ist Politikwissenschaftler und wissenschaftlicher Leiter des Studienkreises. Er verantwortet die Zeitschrift „Informationen“, die der gemeinnützige Verein herausgibt.

Der Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945 wurde 1967 unter anderem von Wolfgang Abendroth, Martin Niemöller und Heinz-Joachim Heydorn in Frankfurt gegründet und widmet sich seitdem der Erforschung und Vermittlung der Geschichte des Widerstands gegen die nationalsozialistische Diktatur. Er legt einen Schwerpunkt auf die Geschichte sozialistischer und kommunistischer Widerstandskämpfer:innen, die lange Zeit sehr wenig Beachtung gefunden haben.

Das Dokumentationsarchiv des Studienkreises im Frankfurter Westend umfasst Tausende Bücher, Dokumente und Originalquellen und wird vor allem von Wissenschaftler:innen genutzt. Zudem organisiert der gemeinnützige Verein Ausstellungen, Vorträge und Gespräche mit Zeitzeug:innen. Im Jahr 2017 wurde der Verein mit dem Hessischen Archivpreis ausgezeichnet. (han)

Mehr Informationen im Netz: www.widerstand-1933-1945.de

Wie sah es in Frankfurt mit Widerstandsgruppen aus?

Altmeyer: Die Leute vom ISK waren in Frankfurt relativ präsent, die haben zum Beispiel eine Aktion gemacht bei der Autobahneröffnung 1935, da haben sie Graffiti auf den Boden gesprüht und Lautsprecher zerstört. Ansonsten gab es Personen wie die später hingerichtete Sozialdemokratin Johanna Kirchner oder die Kommunistin Lore Wolf, es gab das Bockenheimer Netzwerk um Fritz und Margarete Kahl, die Juden unterstützt haben, und so weiter.

Warum ist es wichtig, sich noch heute mit diesen Geschichten zu befassen?

Heydorn: In gewisser Weise sind diese Menschen natürlich Vorbilder. Sie zeigen, dass man eine Wahl hatte, ob man schweigt oder etwas tut. Und das gilt auch für die Gegenwart: Man kann sich entscheiden, man kann sich einmischen und Gesellschaft mitgestalten. Dass das Danebenstehen keine Option ist, das ist eigentlich das Wesentliche.

Sophie Scholl, geboren am 9. Mai 1921, wurde mit ihrem Bruder Hans Scholl und Christoph Probst am 22. Februar 1943 von den Nationalsozialisten hingerichtet. Die heute ebenfalls als rechtwidrig geltenden Todesurteile gegen ihre Mitstreiter Alexander Schmorell, Kurt Huber und Willi Graf wurden am 13. Juli bzw. am 12. Oktober 1943 vollstreckt.

Altmeyer: Es kommt noch etwas hinzu. Solange der Nationalsozialismus in den Debatten so präsent ist wie aktuell und politisch so mit ihm argumentiert wird auf allen Seiten, ist es wichtig, beim Thema Widerstand die Fakten hochzuhalten und auf Fehlinterpretationen hinzuweisen.

Hat sich denn das gesellschaftliche Wissen über den Widerstand verbessert?

Altmeyer: In der Forschung schon, da hat sich total viel getan. Der Widerstand ist in seiner sozialen und politischen Breite anerkannt, niemand diskutiert heute noch, ob etwa die Kommunisten dazugehören. Die Schulbücher sind besser geworden, auch wenn die üblichen Ikonen immer noch dominieren. Bei unseren Ausstellungen habe ich das Gefühl, die Leute wissen mittlerweile mehr, und gerade bei Jugendliche gibt es eine große Offenheit und viel Interesse.

Heydorn: Wobei ich nach wie vor denke, dass man sich auch mit der eigenen familiären Verstrickung befassen muss. Ritualisiertes Gedenken kann auch mit dem Versuch einhergehen, sich der eigenen Geschichte zu entziehen. Man kann sich nicht sinnvoll mit dem Nationalsozialismus und seinen Folgen auseinandersetzen, wenn man dabei Teile der eigenen Familiengeschichte nicht wahrnimmt.

Altmeyer: Ich fand daher diese Debatte um „Menschen mit Nazihintergrund“, die es kürzlich in den sozialen Netzwerken und dann in den Feuilletons gab, vom Ansatz her völlig richtig. Also den Blick drauf zu richten, welches finanzielle, soziale, kulturelle Kapital jeder aus der NS-Zeit in die Gegenwart mitbringt. Dieser Perspektivwechsel ist grundsätzlich total richtig.

Thomas Altmeyer (links) und Mirjam Heydorn.

Wir leben in gefährlichen Zeiten. Es gibt rechten Terrorismus wie in Halle und Hanau oder beim Mord an Walter Lübcke. Was kann man aus der Beschäftigung mit dem Widerstand für unsere Gegenwart lernen?

Altmeyer: Die Leute im Widerstand haben in ihrer Gegenwart etwas beobachtet, es beurteilt und dann daraus eigene Handlungen abgeleitet. Das kann man auf jeden Fall mitnehmen. Inhaltlich muss man schauen, was vergleichbar ist und was nicht. Wir leben zum Beispiel nicht in einer neuen Weimarer Republik, auch wenn das teils behauptet wird.

Heydorn: Trotzdem bleibt die Frage, wie man sich gegen solche Entwicklungen stellt. Wenn bestimmte rechte Parolen wieder sagbar werden, zeigt das ja, dass es an wirklicher gesellschaftlicher Auseinandersetzung mit der Geschichte mangelt, denn sonst wäre die Reaktion darauf deutlicher. Und wenn Rassismus und Antisemitismus geäußert werden, muss man dem klar entgegentreten. Das heißt, jeder muss den Mund aufmachen. Und zwar auch im Kleinen, im Alltag, wenn man so etwas auf der Straße hört.

Zuletzt hat der Begriff „Widerstand“ eine erstaunliche politische Konjunktur erfahren. Pegida und Teile der AfD skandieren stolz „Widerstand“, bei „Querdenken“ vergleicht man sich sogar mit der Weißen Rose. Was löst das bei Ihnen aus?

Altmeyer: Die erhöhen sich selbst, indem sie diesen Begriff verwenden. Dabei kann man heute in Deutschland frei demonstrieren, die freie Meinungsäußerung ist nicht eingeschränkt. Das ist mit dem Nationalsozialismus überhaupt nicht vergleichbar.

Heydorn: Mich persönlich macht das wütend. Das ist eine perfide Vereinnahmung von Begrifflichkeiten. Davon zu reden, dass wir uns in einer Diktatur befänden, ist vollkommener Quatsch, das ist reine Propaganda. Wir haben einen Rechtsstaat, jeder kann die Gerichte anrufen. Und das Widerstandsrecht in Artikel 20 des Grundgesetzes wurde von Leuten da reingeschrieben, die noch wussten, wovon sie sprachen. Ich habe den Eindruck, man muss die demokratischen Grundrechte gegen die verteidigen, die da versuchen, das Wort „Widerstand“ für sich zu vereinnahmen. (Interview: Hanning Voigts)

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