US-Wahl

Gespaltenes Amerika: Mit dem Biden-Sieg ist es nicht getan

  • Ursula Rüssmann
    vonUrsula Rüssmann
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Viele Jüdinnen und Juden in den USA bilden Allianzen mit progressiven Gruppen gegen Rassismus und rechte Gewalt. Das macht Hoffnung, sagt die Tochter deutscher NS-Flüchtlinge.

  • Joe Bidens Sieg bei der US-Wahl 2020 ist für Jüdinnen und Juden in den USA noch nicht ausreichend.
  • Gegen die Spaltung der Gesellschaft muss aber noch mehr passieren.
  • Jüdinnen und Juden in den USA tun sich auch mit der Black Lives Matter-Bewegung zusammen.

Das Traditionsblatt der jüdischen Community in den USA ist „The Forward“, seit einigen Jahren so arg geschrumpft, dass es seit 2019 nur noch online erscheint. Doch die Umbruchstimmung dieses Jahres hat dem linksliberalen Medium neuen Aufwind beschert. Erst die breite Black-Lives-Matter-Bewegung und die unerwartet starke Solidarität von Jüdinnen und Juden damit, jetzt der Wahlsieg von Joe Biden: Den „Forward“ (1897 als jiddisches, sozialistisches Blatt gegründet und nach dem deutschen SPD-Organ „Vorwärts“ benannt) „lesen wir jetzt wieder alle“, sagt Atina Grossmann, jüdische Historikerin und Genderforscherin mit deutschen Wurzeln.

Im „Forward“, sagt die gebürtige New Yorkerin, erfährt sie alles bis ins Kleinste: Dass Bidens künftiger Stabschef Ron Klain als Jude mit seiner nichtjüdischen Frau zu Weihnachten einen Weihnachtsbaum aufstellt, die Kinder aber jüdisch erzogen hat, oder welche Juden noch im Rennen sind für einen Posten im Kabinett des President-elect (der Linksdemokrat Bernie Sanders etwa möchte Arbeitsminister werden). Vor allem aber verfolgt der „Forward“ jetzt die Debatten junger Progressiver und jüdischer Intellektueller im Land über neue Allianzen. Und er wird zum Forum für die neu entflammte Diskussion: Wie israelkritisch dürfen Bündnispartner jüdischer Gruppen sein?

Grossmann, gerade 70 geworden, ist mittendrin – als liberale Jüdin und als Wissenschaftlerin, deren Kernthema die Folgen des Nationalsozialismus und die Lehren daraus sind. Denn die zentrale Frage in den USA heute treibt sie, als Tochter von NS-Flüchtlingen, ohnehin schon ihr Leben lang um: Wie verhindern wir den Verfall der Demokratie?

Trump und Biden-Anhänger:innen in den USA.

Antisemitismus hat in der Ära Donald Trump in den USA zugenommen

Offen sein, neue Wege suchen: Dass aus der Notwendigkeit eine Lebenshaltung werden kann, wurde Grossmann praktisch in die Wiege gelegt. Aufgewachsen ist sie in New York, als Kind von Eltern, die sich als jüdische Flüchtlinge zufällig im Iran begegnet waren. Die Familie lebt in der Upper West Side, eine gutbürgerliche und bunte Gegend. Der Vater arbeitet als Wiedergutmachungsanwalt, deshalb gehen Geflüchtete bei ihnen aus und ein. Die Mutter pflegt ihre Leidenschaft für Orientalistik weiter: „Bei uns lagen überall Perserteppiche, und auf dem Kaffeetisch ein Koran.“

Dass Inshallah kein deutsches Wort ist, erfährt das Mädchen Atina erst als Jugendliche, denn neben der Familiensprache Deutsch sprechen die Eltern untereinander immer auch Farsi. Als junge Erwachsene stürzt sie sich dann in die Proteste gegen den Vietnamkrieg und das Engagement für die Bürgerrechtsbewegung. Der Anspruch des „Nie wieder!“ ist immer dabei, er wird für Grossmann zum Forschungs- und auch Lebensthema.

Und in diesen Tagen bekommt er neue Relevanz. Mehr als drei Viertel der sechs Millionen Jüdinnen und Juden in den USA haben für Joe Biden gestimmt. Nur 21 Prozent wählten am 3. November die Republikaner – das ist der niedrigste Wert seit 2008. Ein wichtiger Grund dürfte sein, dass Antisemitismus in der Ära Trump massiv zugenommen hat: 2019 wurden nach Angaben der Anti-Defamation League (ADL) die meisten antisemitischen Vorfälle in den USA seit 1979 gezählt. Darunter waren allein sieben tödliche Attacken. Die Angst steigt, nicht wenige jüdische US-Bürger:innen denken an Auswanderung. Prominente Vertreter jüdischer Organisationen zogen zuletzt offen Parallelen zwischen dem Aufkommen des Nazismus in Deutschland und Trumps Präsidentschaft. So etwas galt bisher als Tabu.

Jüd:innen in den USA haben trotz Biden-Sieg Angst vor Spaltung der Gesellschaft

Es ging also auch für die jüdische Community bei dieser Wahl um mehr als um einen Präsidenten. Es ging um Freiheit, Sicherheit, Demokratie. Grossmann benennt, was im Bewusstsein vieler Jüdinnen und Juden verankert ist: „Wenn die Demokratie in Gefahr ist, sind wir Juden als Minderheit in Gefahr.“ Und umgekehrt. Parallelen drängen sich auf, zum stark wachsenden Antisemitismus und Rechtspopulismus auch in Deutschland und Europa. Die Überlebensfrage ist letztlich eine transatlantische: Wie sichern wir die Demokratie?

In den USA ist die Frage mit Bidens Sieg noch lange nicht beantwortet. Das spiegeln die Stimmungen, die der Forward kurz nach der Wahl bei engagierten Jüd:innen einholte, bei prominenten und weniger prominenten. Den jungen Schwarzen Juden Jordan Berg Powers etwa, progressiver Polit-Aktivist in Massachusetts, freut vor allem, „dass drei von vier Juden verstanden haben, dass auf unseren Wahlzetteln Gerechtigkeit stand“.

Die 101-jährige Lori Dinkin dagegen, 1939 aus Nazideutschland entkommen und aktive Biden-Unterstützerin, ist besorgt, „weil dieses Land so gespalten ist. Es macht mir Angst, weil es mich wirklich an Nazi-Deutschland erinnert“. David N. Myers, Professor für jüdische Geschichte an der University of California, weist auf die weiterhin große Anhängerschaft des Trumpismus hin: „Es ist für uns jetzt nicht die Zeit, zu triumphieren. Jetzt geht es darum, die anderen Millionen zu verstehen.“

Jüdische Gemeinschaft in den USA tut sich mit Black Lives Matter-Bewegung zusammen

Grossmann sieht dennoch Bewegung, die ihr Hoffnung macht. Ein Schlüsseldatum sei der 26. August gewesen, denn da passierte, was bisher undenkbar gewesen war in der stark fragmentierten jüdischen Gemeinschaft der USA: Mehr als 600 jüdische Organisationen und Synagogen im Land, darunter orthodoxe und konservative, liberale und linke Gruppen, die zusammen die Mehrheit der Jüdinnen und Juden vertreten, solidarisierten sich in einer ganzseitigen Anzeige in der New York Times mit BLM: „Wir unterstützen die von den Schwarzen geführte Bewegung in diesem Land“, hieß es da: „Wir wissen, dass Freiheit und Sicherheit für jeden von uns von der Freiheit und Sicherheit von uns allen abhängen.“ So breit war das Bündnis, das sogar jüdische Mainstream-Organisationen gemeinsam mit jüdischen Gruppen unterschrieben, die die umstrittene BDS-Kampagne für einen internationalen Israelboykott unterstützen. Das sei ein „dramatisches Zeichen“ eines neuen Pragmatismus der jüdischen Community gewesen, sagt Grossmann: „Das wird bleiben.“

Umgekehrt wächst auch bei Schwarzen Organisationen das Interesse an Kooperation. Cheryl Greenberg, Geschichtsprofessorin in Hartford, Connecticut, berichtete neulich im Deutschlandfunk, sie stelle viel Bewegung aufeinander zu fest: „Erst kürzlich kündigte das American Jewish Committee ein schwarz-jüdisches Projekt an. Im Kongress schufen Schwarze und Juden vor einem Jahr einen gemeinsamen Ausschuss. Die Schwarze Bürgerrechtsorganisation NAACP und die jüdische Anti-Defamation League wollen vermehrt kooperieren.“ Sie selbst wisse von einigen Synagogen, die gezielt mit Schwarzen Kirchen zusammenarbeiten möchten.

Atina Grossmann lehrt an der Cooper Union in New York moderne deutsche und europäische Geschichte. Ihr Schwerpunkt: Lehren aus dem Holocaust.

Auch Jüd:innen auf Trumps Seite: Schulterschluss der Minderheiten nicht ohne Widerstand

Atina Grossmann sieht dahinter die für sie wichtige „Einsicht, dass unsere gemeinsamen Probleme so groß sind, dass strittige Fragen wie der Nahostkonflikt zurückstehen müssen“. Da ist sie wieder, die Erkenntnis: Sind wir Minderheiten bedroht, geht es um die Demokratie insgesamt. Selbst das Heimatschutzministerium sieht die größte Gefahr für die Sicherheit in den USA von weißen Rechtsextremist:innen ausgehen, und deren Ziel sind an vorderster Stelle Schwarze und Jüd:innen. Trump hat immer wieder Sympathien für rechte Gruppen gezeigt, zuletzt für die „Proud Boys“, und sie so noch gestärkt.

Historikerin Grossmann ist deshalb heute mehr denn je überzeugt: „Wir Juden dürfen Antisemitismus nicht so streng definieren, dass wir dadurch unsere Bündnisfähigkeit aufs Spiel setzen.“ Kritik an Israel und am Kurs von Premier Netanjahu, sagt sie, müsse möglich sein und werde gerade von jüdischen US-Intellektuellen vermehrt geäußert. „Da bewegt sich was.“ Sie selbst zieht für sich die Grenze bei der BDS-Kampagne, die sie strikt ablehnt. Aber das Ringen um Gemeinsamkeit dürfe nie aufhören: „Selbst wenn jemand Israel Apartheidspolitik vorwirft, ist das für mich nicht automatisch Antisemitismus. Wir müssen nachfragen: Was meinst du damit genau?“

Allerdings sehen das längst nicht alle so, ohne Widerstand verläuft der Schulterschluss der Minderheiten nicht. Das ist nicht verwunderlich, denn viele Jüdinnen und Juden gehören zum Mainstream der weißen, privilegierten Bürgergesellschaft, anders als die Mehrheit der Schwarzen. Deshalb jagen zentrale aktuelle Forderungen von BLM wie „Defund the police“, womit weitreichende Polizeireformen gemeint sind, manchen Mittelklassejüd:innen diffuse Ängste ein, vor mehr Verbrechen und weniger Sicherheit. Auch gibt es die (wenn auch kleine) Gruppe der Republican Jewish Coalition, eine harte Republikaner-Lobby. Es gibt die ultra-proisraelische Zionist Organisation of America (ZOA) mit rund 30.000 Anhänger:innen. Und vor allem die ebenfalls kleine, aber wegen ihres Kinderreichtums wachsende Gruppe der Ultraorthodoxen, die genauso klar auf Trumps Seite stehen.

Gemeinsam gegen Rassismus und für „Black Lives Matter“: Jüdische Gruppen in Portland, Oregon, protestieren zusammen mit anderen Aktiven.

Jüdische Aktivistin gewann Stadtratswahl in Los Angeles

Grossmann setzt dennoch auf die jüdische Mehrheit und den Ruck, der durch das Land geht. Und sie erzählt von Los Angeles und der Nachwuchsaktivistin Nithya Raman. Die Stadtplanerin Raman gehört zum Lager um Bernie Sanders und die linke Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez, und wird von besonders vielen jungen jüdischen Progressiven unterstützt. Ihr überraschender Sieg bei den Stadtratswahlen in L. A. schlägt Wellen – nicht nur weil die junge Frau mit indischen Wurzeln die erste seit 17 Jahren ist, die einen Amtsinhaber in der Metropole hinter sich ließ.

Der „Forward“ widmete ihr eigens eine Titelgeschichte: „Was uns die Demokratische Sozialistin Nithya Raman über die nächste Generation jüdischer Aktivisten sagt.“ Raman antwortet darin auf die heikle Frage, wie sie zu BDS stehe: Sie unterstütze die Bewegung nicht, aber „das Recht aller Bürger, an Boykotten teilzunehmen“. Für sie stehen andere Themen im Zentrum – Lösungen für die wachsende Obdachlosigkeit in der Stadt, billigere Wohnungen, eine Polizeireform. Viele ihrer Anhänger:innen finden sich darin wieder, und auch ihre jüdischen Traditionen wie das „Tikkun olam“ (Heilung der Welt) und das Streben nach Gerechtigkeit. Das ist es, was jetzt zählt, sagt auch die Jüdin Grossmann: das gemeinsame Ziel, eine bessere Demokratie. (Ursula Rüssmann)

Rubriklistenbild: © imago images/ZUMA Wire

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