60 JAHRE DANACH

Damit das Baby nicht erfrieren möge

Erika Lonkowski (Jahrgang 1938) hat aus eigener Erinnerung und den Aufzeichnungen ihrer Mutter das Tagebuch geschrieben. Ihre Mutter ist 1999 im Alter von 92 Jahren gestorben. Danach entdeckte die Familie die Notizen.

Wir waren 1943 in Hagen/Westfalen ausgebombt worden, und Mutti ging mit mir (5 Jahre) und meiner Schwester (3 Jahre) nach Kuttlau bei Glogau in Schlesien zu ihrer Schwägerin, unserer Tante. Sie lebte in einem großen Pfarrhaus mit drei kleinen Töchtern, dazu kam eine Einquartierung aus Berlin, auch eine Mutter mit drei Töchtern. Alle Väter waren im Krieg. Wir lebten zusammengerückt relativ friedlich alle unter einem Dach.

Am 21. Januar 1945 fuhr ein Kleinbus mit Lautsprecher durch die Straßen von Kuttlau und verkündete laut: Morgen früh werden alle Einwohner evakuiert, Lastwagen stehen bereit! Mutti, Tante Hanna und Frau Kernke packten - ja was? Ungewiss, wohin es gehen sollte, für wie lange? Würden wir je zurückkommen? Eine Nachbarin lieh Mutti einen großen Kinderwagen, denn Mutti war hochschwanger. Der Platz zur Entbindung war angemeldet, aber nun hinfällig geworden. Wir packten einen zinnernen Bettwärmer der Urgroßmutter ein, hoffend, auch heißes Wasser zu bekommen, damit das Baby nicht erfrieren möge.

Früh um 7 Uhr des nächsten Tages kamen Lastwagen, um alle Leute aufzuladen. Mutti durfte im Führerhaus sitzen, alle anderen kamen auf die Ladefläche. Zunächst ging es in die Kreisstadt Glogau. Hier trennte sich Tante Hanna von uns. Wir zogen mit dem Treck weiter.

Der nächste Ort war Oberquell, er war heillos verstopft mit Pferdefuhrwerken, Flüchtlingstrupps, Handkarren, Rädern, Säcken. Die Lebensmittel wurden knapp. Auch dieser Ort wurde nach vier Tagen geräumt. Jeder versuchte, auf eigene Faust weiterzukommen. Mutti hielt Fuhrwerke an. Es war nicht leicht, mitgenommen zu werden mit zwei kleinen Kindern und einem bepackten Kinderwagen. Es ging nur sehr langsam voran. Im Straßengraben häuften sich tote Pferde, hier und da wölbte sich ein hastig aufgeworfener Erdhügel über einem kleinen Kind oder einem alten Menschen, erfroren oder zu Tode erschöpft. Es war bitterkalt.

Am 27.Januar kam der Treck in Wiesau (Vogtland) an. Die Meldestelle wies uns einer jungen Frau zu, die mit ihrem kleinen Jungen neben einem eiskalten Schlafzimmer nur eine Wohnküche hatte. Wir gingen zurück und Mutti bat um neue Quartierzuweisung. Ein Sägewerksbesitzer musste uns aufnehmen. Zwei Betten standen in dem großen Zimmer und ein Waschtisch. Wir legten uns schlafen.

Muttis Aufzeichnungen sagen: "Um 23 Uhr wachte ich auf und merkte, daß das Fruchtwasser abging. Ich bat die Quartiergeber, ein Auto, das Rote Kreuz oder eine Hebamme zu rufen. Es gab ein großes Gezeter, aber es geschah nichts! So zog ich mich an, nahm das Köfferchen mit der Babywäsche und verließ das Haus. Bei Mondschein und eisiger Kälte ging ich über verschneite Wiesen auf dem kürzesten Weg zu der jungen Frau vom Nachmittag. Diese verständigte ihre Hauswirtin, während sie selbst mitten in der Nacht zum nächsten Ort lief, die dortige Hebamme zu holen. Telefonverbindungen waren zerstört. In Wiesau selbst waren weder Arzt, Apotheker, noch Hebamme anzutreffen. Auf dem kleinen geschwungenen Sofa in der warmen Wohnküche kam dann am 28. Januar 1945 um 1.00 Uhr morgens unser Wunschkind - ein gesunder Junge - ein Sonntagskind zur Welt!"

Mutti wurde versorgt und nach einigen Stunden Schlaf galten ihre Gedanken den beiden Töchtern, die sie schlafend im Sägewerksquartier zurückgelassen hatte. In Tränen aufgelöst waren wir uns selbst überlassen, niemand hatte uns getröstet. Wir, meine Schwester und ich, wurden abgeholt. Es gab ein glückliches Wiedersehen und meine erste Frage war: "Gehört das Baby jetzt uns?" Am 13. Februar 1945 wurde auch Wiesau geräumt - die Odyssee ging weiter, bis wir im Dezember 1945 in Westfalen ankamen.

Dankbar werden wir heute mit unseren Familien den 60. Geburtstag meines Bruders feiern.

Erika Lonkowski, Bad Soden

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