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Heute stark gesichert: der Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin.

"Wo ist Dalia?"

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Rami Elyakim aus Israel kann sich an den Terroranschlag auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz nicht erinnern. Seit er aber aus dem künstlichen Koma erwacht ist, lassen die Schmerzen an Körper und Seele ihn jeden Tag daran denken.

Den Namen des Platzes, auf dem es passiert ist? Rami Elyakim schüttelt den Kopf. Fällt ihm nicht ein. Genauso wie „Weihnachtsmarkt“ oder „Gedächtniskirche“. Sogar sein deutsches Lieblingsgericht ist ihm entfallen. Er versucht es zu umschreiben: ein Bein vom Schwein, ziemlich groß und ja, sehr lecker. 

Eisbein?

Nein. 

Schweinshaxe?

Genau.

Er lacht, und man weiß nicht so richtig, ob man mitlachen soll. Rami Elyakim, 62 Jahre alt, ist ein israelischer Jude, der gerne Schweinshaxe isst. Aber er ist auch Witwer, der in seiner Wohnung in Herzlia sitzt und nach Begriffen sucht, die mit jenem Tag vor zwei Jahren zu tun haben, der sein Leben zerstört hat. Seine Frau Dalia ist beim Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz ums Leben gekommen, er selbst wachte elf Tage später im Krankenhaus auf. Schwer verletzt. Ohne Erinnerungen.

Sie waren in einem italienischen Restaurant essen, das weiß er noch. Dalia schlug vor, von hier aus zum Weihnachtsmarkt zu laufen. Es war ein ziemlich weiter Weg, aber Dalia ging gerne zu Fuß durch die Stadt. Sie fand, dass man so besser einen Eindruck vom normalen Leben bekommt. Ihre Stimmung war gut, sie fühlten sich sicher. An Terror dachten sie keinen Moment. Terror gab es zu Hause in Israel, nicht hier, in Berlin. 

„Wir dachten, Deutschland ist das sicherste Land der Welt“, sagt Rami Elyakim. Auf dem Weihnachtsmarkt wollten sie noch was trinken, dann zurück ins Hotel fahren. An all das erinnert er sich. Aber nicht, wo sie waren, als der Laster kam, wo er seine Frau das letzte Mal sah, wie er ins Krankenhaus kam.

Die Berliner Ärzte haben es ihm prophezeit: „Sie werden sich nicht erinnern können, versuchen Sie es am besten gar nicht erst.“ Die Ärzte in Tel Aviv meinen, es könne Jahre dauern, vielleicht fünf, vielleicht zehn. Er weiß nicht, ob sie ihn trösten wollen oder ob seine Unfähigkeit sich zu erinnern auch ein Schutz ist. Vielleicht ist er noch nicht so weit, vielleicht sind zwei Jahre nicht genug, um das Unfassbare zu begreifen. 

Es waren Hanukkah-Ferien. Dalia wollte mit ihrer jüngeren Schwester nach Berlin fahren, shoppen, essen gehen, über Weihnachtsmärkte laufen. „Dalia liebte Weihnachtsmärkte“, sagt Rami Elyakim. Ein paar Wochen vor der Reise verkündete sie ihm: „Du kommst mit.“ Sie hatte sich mit ihrer Schwester gestritten. Es ging um irgendwas Banales, er winkt ab, es ist nicht wichtig. Er erzählt es nur, weil es der Grund war, warum er dabei war. Ihm gefällt München eigentlich besser als Berlin. Wegen des Essens und des Biers vor allem. Aber die Reise war schon gebucht und er machte sowieso meistens, was seine Frau sagte, auch wenn er es manchmal nicht verstand.

Rami Elyakim lacht wieder. Es ist kein richtiges Lachen, eher ein spöttisches Lächeln, man sieht es nur in seinen Augen. „Neulich hat mich jemand gefragt, wie kannst du Witze machen, bei all dem, was du durchgemacht hast“, sagt er. „Ich habe geantwortet, ich könnte ständig heulen, aber Heulen ist einfach. Ich muss weiterleben.“ 

Sie waren fast 40 Jahre verheiratet. Er kommt aus Jaffa, ein Scheidungskind, das in einem Wochenheim in einem Kibbuz aufwuchs und seine Eltern nur selten sah. Nach der Schule ging er drei Jahre zur Armee, mitten im Jom-Kippur-Krieg. Er machte eine Lehre zum Monteur, lernte, wie man Kühlanlagen baut. Mit 22 verliebte er sich in Dalia, die Tochter eines israelischen Kriegsveteranen aus Tiberias, lebenslustig, temperamentvoll, schön. 

Der Kriegsveteran richtete ihnen ein rauschendes Hochzeitsfest aus. Sie bekamen zwei Kinder. Dalia arbeitete als Verkäuferin, aber meistens war sie zu Hause, kümmerte sich um die Familie, kochte, kaufte ein, organisierte. Er reparierte Kühlanlagen in Tel Aviver Restaurants, verließ morgens das Haus, kam abends zurück. Das klassische Familienmodell. Für ihn, der als Kind keine Familie hatte, gab es nichts Besseres. Sie kauften sich eine Wohnung in Herzlia, einem Tel Aviver Vorort: Fünfzigerjahre-Bau, offene Küche, Fliesen auf dem Boden, Porzellanteller in der Vitrine, Grillplatz im Garten. 

Einmal im Jahr fuhren sie in den Urlaub. Immer in der Vor- oder Nachsaison, weil in den heißen israelischen Sommern Kühlschrankmonteure unentbehrlich sind. Und immer nach Europa, weil Europa schön ist und gut zu erreichen. 

Seine Frau wollte unter keinen Umständen länger als fünf Stunden im engen Flugzeug sitzen. Rami wäre auch gerne mal weiter weggeflogen. Aber Dalia fand, fünf Stunden seien mehr als genug. Sie waren in Rom, Amsterdam, Paris, München, Berlin, Nizza, Budapest, Prag, Straßburg, in manchen Städten sogar zweimal oder dreimal. Die weiteste Reise ging nach London: Flugzeit: fünf Stunden und zwanzig Minuten. Es war eines der wenigen Male, dass er sich in ihre Reisevorbereitungen einmischte. Er schlug vor, ein paar Tage in London zu bleiben und von dort aus weiterzufliegen, nochmal drei, vier Stunden. Er dachte, er könne sie mit ihren eigenen Argumenten schlagen. Sie lachte nur. 

Fragt man Rami Elyakim, was ihm am meisten fehlt aus seinem alten Leben, sagt er: „alles“.

An der Wand im Wohnzimmer hängen die Landschaftsaquarelle, die er für Dalia aufgehängt hat, in der Vitrine steht ihr Porzellan, neben dem Fernseher liegen die Videokassetten von ihrer Hochzeit und ihren Urlauben. Er hat alles so gelassen, wie sie es eingerichtet hat. Und doch ist alles anders. 

Vor dem Haus gibt es jetzt eine Rampe für seinen Rollstuhl, am Küchenschrank lehnt seine Krücke, auf dem Tisch stapeln sich die Medikamente, auf dem Sofa liegt eine klobige Vorrichtung mit Stützen für Nacken, Schultern und Beine. Rami Elyakim wurde bei dem Anschlag so schwer verletzt, dass die Berliner Ärzte ihn in ein künstliches Koma versetzen mussten. 

Es folgten Operationen am Arm, am Becken, an den Oberschenkeln. An seinem Krankenbett bangten seine Kinder um sein Leben. Zur Beerdigung seiner Frau in Herzlia fuhr seine Tochter, sein Sohn blieb bei ihm. Als Rami Elyakim aus dem Koma aufwachte, fragte er: „Wo ist Dalia?“ 

Auf dem Handy zeigt er die letzten Fotos: Dalia beim Frühstück im Hotel, Dalia vor einem Brezelstand am Alexanderplatz, er und Dalia im italienischen Restaurant. Die letzten beiden Fotos sind ein bisschen verschwommen, sie zeigen eine Straße, Autos, Buden, Bäume, bunte Lichter. Der Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz Minuten vor dem Anschlag.

„Wir sind dem Terror direkt in die Arme gelaufen“, sagt Rami Elyakim. 

Er sitzt auf der Sesselkante, das rechte Bein angewinkelt, das linke weit ausgestreckt, beim Reden streicht er über sein Knie. Es tut weh. Er wurde oft operiert. Nicht nur in Berlin, sondern auch hier in Tel Aviv. Schulter, Knie, Becken, sogar einen Eingriff am Herzen hat er hinter sich.

Im Januar steht die nächste OP an, wieder am Knie. Mit den Ärzten im Tempelhofer Wenckebach-Klinikum, die ihm sein Leben retteten, hat er oft Kontakt. Sie erkundigen sich, wie es ihm geht und besuchten ihn sogar in Israel. „Mein Anästhesist“ und „mein Chirurg“ nennt Rami Elyakim die deutschen Ärzte. Gerade hat er wieder einen Termin mit ihnen ausgemacht. Für ein Treffen in Berlin diesmal. 

Der Senat hat ihn zum zweiten Jahrestag des Terroranschlags eingeladen. Im vergangenen Jahr war er noch zu schwach, aber diesmal hat er zugesagt. Er wird an der Zeremonie teilnehmen, Mitglieder der Angehörigengruppe treffen, dem Berliner Bürgermeister die Hand schütteln, es wird um Erinnerung gehen an die Opfer, aber auch um das Versagen der Behörden. Warum der Islamist Anis Amri frei herumlaufen konnte. Warum Opfer und Angehörige in den Wochen und Monaten danach so allein gelassen wurden, warum sie so lange um ihre Entschädigungen kämpfen mussten. Immer war eine andere Stelle zuständig, für alles musste man Belege einreichen, kaum hatte Rami Elyakim den Namen des Opferbeauftragten gelernt, gab es schon wieder einen neuen.

Zum Glück kümmert sich sein Schwager um diese Dinge. Er habe lange beim israelischen Geheimdienst gearbeitet, er kenne sich aus mit undurchsichtigen Dingen, sagt Rami Elyakim und lächelt wieder. 

Als er Ende September mit anderen Überlebenden des Anschlags auf Einladung von Angela Merkel in Berlin war, hat er ihr gesagt, dass das alles zu lange dauere. Sie hat ihm zugestimmt und gesagt, dass sie erst neue Gesetze brauchten. Rami Elyakim hat ihr vorgeschlagen, von Israel zu lernen. Auch in seiner Heimat gab es für einen Fall wie seinen kein passendes Gesetz. Terroropfer im Ausland bekamen nur Unterstützung, wenn sich ein Anschlag gezielt gegen Israelis oder Juden gerichtet hatte. Während Deutschland alleine anderthalb Jahre brauchte, um eine Anlaufstelle für die Opfer einzurichten, änderte die Knesset das Gesetz umgehend. Rami Elyakim steht damit die gleiche Entschädigung zu wie einem Soldaten, der beim Einsatz verwundet wurde. Aus Deutschland hat er bisher mehrere Einzelzahlungen bekommen, auf eine Rente wartet er bis heute. „Ich bin froh, dass ich nicht auf die Deutschen angewiesen bin“, sagt er, „sonst hätte ich gar nicht gewusst, wovon ich leben soll.“

Am Montag ist er nach Berlin geflogen, zum zweiten Jahrestag. Die Flüge hat er selbst gebucht, das erste Mal im Leben. Es war nicht einfach. Es gibt zwar 25 Direktflüge von Tel Aviv nach Berlin, aber alles nur Billigflieger mit engen Sitzreihen, nichts für einen kranken Mann wie ihn. Rami Elyakim musste Businessclass fliegen, mit Turkish Airlines. Von Tel Aviv nach Istanbul und von Istanbul nach Berlin. Sieben Stunden mit Umsteigen.

Für seine Frau wäre das nichts gewesen.

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