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Ein kurdischer Kämpfer in der Nähe der Stadt Azaz.

Islamischer Staat

Daish rückt zur türkischen Grenze vor

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Im Irak verliert die Terrormiliz IS die Kontrolle über Falludscha. Mit einem Entlastungsangriff an der türkischen Grenze wollen sich die Islamisten Luft verschaffen.

Während die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) auf den wichtigen Kriegsschauplätzen Falludscha im Irak und Rakka in Syrien unter massivem Druck gegnerischer Offensiven steht, versuchen die Islamisten, sich mit einem Entlastungsangriff in Nordsyrien Luft zu verschaffen. Seit Freitag attackieren die Islamisten den sogenannten Azaz-Korridor zwischen der Millionenstadt Aleppo und der türkischen Grenze, der bisher von regierungsfeindlichen, von der Türkei unterstützten Rebellen gehalten wurde. Zehntausende Flüchtlinge aus Aleppo halten sich zwischen den Fronten auf und sind in Lebensgefahr, weil die Türkei die Grenze weiterhin blockiert.

Die Region zwischen Aleppo und der türkischen Grenze ist zwischen dem IS, den Rebellen, syrischen Regierungstruppen und den Kurden aufgeteilt. Am Freitag war es dem IS gelungen, die Rebellenfront bei der Kleinstadt Marea mit Selbstmordanschlägen zu sprengen und damit die Verbindungsstraße zu kappen, über die der militärische und zivile Nachschub der gegnerischen Aufständischen von der Türkei über die Gremnzstadt Azaz nach Aleppo transportiert wird.

Laut Berichten von Nachrichtenagenturen und syrischen Twitter-Nutzern konnte der IS am Wochenende Marea umzingeln und in die 15.000-Einwohner-Stadt vorstoßen. Gleichzeitig rückte er auf Azaz vor. Die zehn Kilometer von der türkischen Grenze entfernte Stadt dient als militärisches Drehkreuz für die Rebellen der moderaten Freien Syrischen Armee (FSA) sowie der Al-Kaida-nahen Islamistenmilizen Al-Nusra-Front und Ahrar al-Sham. Die in Teilen zerstörte Stadt beherbergt Zehntausende Inlandsflüchtlinge.

Obwohl die Türkei weitere Panzer an die Grenze verlegte und ihren Verbündeten Feuerschutz gibt, ist die Rebellenfront bei Azaz offenbar im Begriff zusammenzubrechen. Am Sonnabend schloss die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen ihre Krankenhäuser nahe der Front und evakuierte die Patienten Richtung Grenze. Mindestens 61 Rebellen, 47 IS-Kämpfer und 29 Zivilisten wurden laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Wochenende bei den Kämpfen getötet. Karl Schembri vom Norwegischen Flüchtlingsrat (NRC) sagte der Deutschen Presse-Agentur, die Lage sei beispiellos. „Das gesamte Gebiet um Azaz ist komplett unsicher und Tausende Zivilisten und Hunderte Helfer sind in die Konfliktzone geraten.“

Verbände des IS rückten Berichten türkischer Medien zufolge zudem auf zwei bis drei Kilometer an die riesigen Flüchtlingslager an der syrisch-türkischen Grenze heran, in denen mehr als 80.000 Menschen untergebracht sind. Das Flüchtlingshilfwerk UNHCR der Vereinten Nationen erklärten, etwa 165.000 Zivilisten säßen zwischen Azaz und der türkischen Grenze fest. Es bestehe akute Gefahr, dass sie ins Kreuzfeuer gerieten; ihnen fehlten Zugang zu medizinischer Hilfe, Essen, Wasser, Sicherheit.

Die Türkei ist trotz anderslautender Erklärungen ihres Präsidenten Recep Tayyip Erdogan aber bisher nicht bereit, die Grenze für neue Flüchtlinge zu öffnen. Im Land leben bereits mehr als drei Millionen Syrer und Iraker. Ankara hatte geplant, in Nordsyrien bei Azaz weitere Lager und Städte für Flüchtlinge zu bauen, wohl auch als Puffer gegen die syrischen Kurden, die in der umkämpften Region eine Landbrücke zwischen ihren geografisch getrennten Kantonen Kobane und Afrin herstellen wollen.

Die syrischen Kurden haben in ihren Kantonen bereits Zehntausende Araber aufgenommen, die vor dem IS flüchten. Auf Druck der USA unternahmen sie bisher keinen Angriff auf den IS in Richtung Marea und Azaz, weil die Türkei dieses Gebiet als ihre rote Linie für ein militärisches Eingreifen ihrerseits bezeichnet hatte. Da die von der Türkei unterstützten Rebellen aber keine militärischen Fortschritte in dem Gebiet erzielt haben und nicht einmal die Sicherheit der türkischen Grenzstadt Kilis garantieren konnten, neigt sich die Waage in Washington jetzt offenbar zugunsten der Kurden, ohne dabei übertrieben große Rücksicht auf die Türkei zu nehmen.

Ein Indiz dafür ist nicht nur der Besuch des amerikanischen Viersternegenerals Joseph Votel am 10. Mai im syrisch-kurdischen Kobane, sondern vor wenigen Tagen auch das offene Auftreten von US-Soldaten gemeinsam mit den auf Rakka vorrückenden kurdisch dominierten Syrischen Demokratischen Kräften (SDF). Die amerikanischen Special Forces ließen sich bereitwillig von der Presse fotografieren und trugen dabei an ihren Uniformen Wimpel der kurdischen YPG, die Ankara als Terroristen wie die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK betrachtet.

Damit signalisierte die US Army der Türkei, dass diese bei einem Angriff auf die YPG Gefahr liefe, auch Amerikaner zu töten. Gleichzeitig war es die unmissverständliche Botschaft an die Türkei, dass die USA die Kurden in Syrien weiterhin als ihren wichtigsten Verbündeten am Boden gegen den IS betrachten, „weil sie die einzige verfügbare trainierte Kraft am Boden sind“, wie General Votel sagte. Nach wütenden Protesten aus Ankara erklärten sich die Amerikaner lediglich bereit, die YPG-Wimpel von den Uniformen zu entfernen. Der türkische Präsident Erdogan erneuerte am Wochenende seine Drohung, notfalls türkische Truppen nach Syrien zu schicken. Bisher hält ihn das Militär davor zurück.

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