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Dachaus steiniger Weg

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Lange suchte sie ihre NS-Vergangenheit zu verdrängen - jetzt kooperiert die Stadt, in der das erste Konzentrationslager stand, mit einer Partnerstadt in Israel. Von Iris Hilberth

Von Iris Hilberth

Dachau. Auf der Tafel mit den Partnerstädten von Dachau, 18 Kilometer nordwestlich von München, stehen Klagenfurt in Österreich und Fondi in Italien. Wenn es nach Oberbürgermeister Peter Bürgel geht, wird hier bald eine bemerkenswerte weitere Kooperation vermerkt: Mit Rosch Haayin in Israel geht Dachau eine Zusammenarbeit ein, die Vorstufe einer Städtepartnerschaft.

Der Weg dorthin war steinig. Als sich die Dachauer in den 70er Jahren um Verbrüderung in Europa bemühten, wollte mit dem Ort des Schreckens niemand eine Partnerschaft eingehen. Der Name Dachau "steht für alle Konzentrationslager, die Nationalsozialisten in ihrem Herrschaftsbereich errichtet haben", wie der Publizist Eugen Kogon schrieb. Klagenfurt willigte 1974 in eine Freundschaft ein, weil der Bürgermeister meinte: "Wenn´s ihnen aus der Verfemung hilft."

So empfanden es auch viele Dachauer. Die Stadt habe sich selbst als KZ-Opfer, als Sündenbock gesehen, sagt Bernhard Schoßig, langjähriger pädagogischer Leiter des Jugendgästehauses in Dachau. Die Stadt, in der die Nationalsozialisten ihr erstes Konzentrationslager errichteten, in dem bis 1945 mindestens 200000 Menschen inhaftiert und 45000 ermordet wurden, wehrte sich jahrzehntelang, mit dieser Vergangenheit in Verbindung gebracht zu werden.

In der Ära Lorenz Reitmeier (CSU), Oberbürgermeister von 1966 bis 1996, sei es der Kommunalpolitik vor allem darum gegangen, das "andere Dachau" darzustellen, sagt Schoßig: die Stadt der Künstler, in der um die Wende zum 19. Jahrhundert die Maler Liebermann, Spitzweg und Lovis Corinth arbeiteten, die Stadt des Schriftstellers Ludwig Thoma.

Eine Gedenkstätte am ehemaligen Konzentrationslager setzten drei ehemalige KZ-Häftlinge durch: Alois Hundhammer, bayerischer Landwirtschaftsminister, der Kommunist Otto Kohlhofer und der katholische Weihbischof Johannes Neuhäusler. Doch erst Ende der 70er Jahre, als die US-Fernsehserie Holocaust im deutschen Fernsehen lief, stiegen die Besucherzahlen. Vor allem Schulklassen kamen, bis zu einer Millionen Besucher im Jahr. 1981 gründeten Bürgerinitiativen einen Verein, der sich für den Bau einer Jugendbegegnungsstätte einsetzte - und auf Widerstand stieß. Ein CSU-Kommunalpolitiker wollte "bis zum letzten Blutstropfen" gegen die Begegnungsstätte streiten. Max Streibl war 1993 der erste bayerische Ministerpräsident, der die Gedenkstätte besuchte, Edmund Stoiber 1995 der erste, der zum Jahrestag der Befreiung hier sprach.

Die Wende im Umgang mit der Vergangenheit brachte die Kommunalwahl 1996. Kurt Piller von den Freien Wählern wurde Oberbürgermeister. Es gab nun ein Amt für Kultur und Zeitgeschichte und einen Zeitgeschichtsbeauftragten. Seit 1998 gibt es die Jugendeinrichtung, und in diesem Jahr wurde ein Besucherzentrum in der Gedenkstätte eröffnet.

Inzwischen ist wieder ein CSU-Politiker Oberbürgermeister. Peter Bürgel geht aber den 1996 eingeschlagenen Weg weiter. Er sagt: "Dachau will eine Stadt des Friedens und ein Ort des Lernens und der Erinnerung für die Jugend der Welt sein. Das ist ihre oberste Verpflichtung aus ihrer Geschichte."

Zwei Jahre lang versuchte Bürgel, Kontakte zu einer israelischen Stadt zu knüpfen. Godel Rosenberg, der das Verbindungsbüro des Freistaats Bayern in Israel leitet, vermittelte, holte sich aber immer neue Absagen. Bis Mosche Sinai, der Bürgermeister von Rosch Haayin "die ausgestreckte Hand aus Dachau" ergriff, wie er sagt. Drei Tage lang war er im Sommer in Dachau zu Gast, Ende Oktober will Bürgel nach Israel reisen, um Kooperations-Projekte in den Bereichen Schule, Kultur und Wirtschaft zu besprechen. Dachau hat, wie es aussieht, endlich aus der Geschichte gelernt.

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