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Katholische Kirche: „Da wird die Machtkarte gezogen“

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Von: Peter Hanack

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Ausnahmeregeln, mit denen Frauen etwa zu Diakoninnen geweiht werden könnten, dürften am Vatikan scheitern, glaubt Schüller.
Ausnahmeregeln, mit denen Frauen etwa zu Diakoninnen geweiht werden könnten, dürften am Vatikan scheitern, glaubt Schüller. © Filippo MONTEFORTE / AFP

Kirchenrechtler Thomas Schüller über die schlechten Chancen für Frauen in katholischen Ämtern und das Reformprojekt Synodaler Weg, dessen Versammlung am Donnerstag beginnt.

Herr Schüller, werden die deutschen Katholikinnen und Katholiken ihre Bischöfe bald selbst wählen dürfen?

Sie werden am Wahlprozess jedenfalls deutlich mehr beteiligt werden als heute, wenn es nach den vorliegenden Voten im Synodalen Weg geht. Man sollte wissen, dass es in der katholischen Kirchengeschichte durchaus Usus war, dass Laien mitwählen konnten. Die Konzentration der alleinigen Bestellungsgewalt auf den Papst ist neueren Ursprungs. Allerdings müsste eine Änderung durch einen Austausch völkerrechtlich zwischen den Bundesländern und dem Vatikan bestätigt werden. Ob Rom da mitgeht, bin ich skeptisch.

Sie selbst haben den Synodalen Weg zu dessen Beginn als ein Nullum bezeichnet. Tatsächlich ist es ja so, dass Beschlüsse und Entscheidungen, die dort gefasst werden, keine unmittelbare Rechtswirkung haben. Es ist jedem Bischof selbst überlassen, was er in seinem Bistum umsetzt oder nicht.

Das ist völlig richtig. Damit ist es l’art pour l’art, ein Glasperlenspiel. Es ist Makulatur, weil es keine rechtliche Verbindlichkeit erzeugt, auch wenn die Qualität der Beratungen sehr substanziell ist und von großer theologischer Tiefe.

Kann es am Ende sein, dass je nach Bistum ganz unterschiedliche Regeln gelten für die Wahl des Bischofs?

Ja, einen solchen Flickenteppich gibt es ja schon bei der Umsetzung der Zulassung von Christen verschiedener Konfession zur Heiligen Kommunion. Die Bischöfe sind da sehr zerstritten und versuchen das auch gar nicht mehr zu kaschieren. Wir werden erleben, dass die große Gruppe der reformorientierten Bischöfe die Beschlüsse des Synodalen Wegs umsetzt und die Gruppe der Konservativen ihre Vorstellung von katholischer Identität um jeden Preis verteidigen wird.

Wo sehen Sie abgesehen von der Bischofswahl noch Bedarf für eine Demokratisierung?

Wenn Sie Demokratisierung sagen: Demokratie und katholische Kirche sind nicht zu überwindende Widersprüche. Wir leben in einer voraufklärerischen, absolutistischen Wahlmonarchie mit einem Papst und Bischöfen, die alle drei Gewalten in ihrer Hand haben. Es gibt allenfalls Beschlussvorschläge, diese Macht ein wenig einzuhegen.

Thomas Schüller.
Thomas Schüller. © © epd-bild / Thomas Rohnke

Zur Person

Thomas Schüller, 60, ist Theologe und Kirchenrechtler. Der Professor leitet als Direktor das Institut für kanonisches Recht an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Von 1994 bis 2009 war er Leiter der Stabsstelle kirchliches Recht im Bistum Limburg, von 1997 bis 2001 zudem persönlicher Referent des damaligen Bischofs Franz Kamphaus. pgh

Wenn es um Mitsprache und Beteiligung geht, steht gerade die Mitsprache und Beteiligung von Frauen im Fokus. Ist absehbar, dass sich ein Weg für Frauen in geistliche Ämter öffnen lässt?

Soweit ich den Stand der Beratungen kenne, sollen die deutschen Bischöfe in Rom eine Ausnahmeregelung beantragen, damit man Frauen zu Diakoninnen weihen können soll, was ja in der Kirchengeschichte eindeutig belegt ist. Ich bezweifle aber sehr, dass Rom sich auf einen solchen Weg einlässt.

Warum?

Man hat in der anglikanischen Kirche gesehen, was passiert. Wenn man die unterste Weihestufe, das Diakonat, öffnet, dann gibt es kein theologisch zwingendes Argument mehr, Frauen nicht auch zu Priesterinnen und Bischöfinnen zu weihen. Deshalb kann man diesen frommen Wunsch zwar nach Rom tragen, aber er wird dort nicht auf offene Ohren stoßen. Da wird am Ende die Machtkarte gezogen.

Papst Franziskus hat im Zusammenhang mit dem Synodalen Weg von Zeitgeist gesprochen. Ist zu erwarten, dass am Ende diese ganzen Beratungen tatsächlich ein Nullsummenspiel werden, weil Rom Nein sagt?

Was die grundsätzlichen Fragen wie der Zulassung der Frauen zu Weiheämtern angeht, wird es ein solches Nullsummenspiel werden. Bei Fragen wie der Beteiligung der Laien an der Wahl der Bischöfe sind wir allerdings nicht im Kernbereich des Glaubens. Da kann man vielleicht kleine Erfolge erzielen.

Kann Deutschland in der Weltkirche überhaupt einen Sonderweg gehen?

Wir sind eine bunte Weltkirche mit ganz unterschiedlichen Kulturen. Die große Stärke der katholischen Kirche war immer, in vielen kulturellen Traditionen heimisch werden zu können. Deshalb geht es nicht um einen deutschen Sonderweg, sondern einen Katholizismus mit deutschen Besonderheiten, die einfach den Bedarfen einer hiesigen Gesellschaft entspringen.

„Gemeinsamer Weg“

Synodaler Weg kommt aus dem Griechischen und bedeutet „gemeinsamer Weg“. Das besondere daran ist, dass hier katholische Geistliche und Laien und Laiinnen gemeinsam beraten und Beschlüsse fassen können.

Die Deutsche Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken haben den Synodalen Weg in Reaktion auf die MHG-Studie zum Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche gestartet.

Die Erste Vollversammlung fand am 1. Dezember 2019 im Frankfurter Dom statt. Weitere Treffen, teils online, gab es im September 2020 und im September/Oktober 2021. Die dritte Vollversammlung findet vom 3. bis 5. Februar als Präsenzveranstaltung auf dem Frankfurter Messegelände statt.

Die Synodalversammlung hat mehr als 200 Mitglieder. Die größten Gruppen stellen die Bischofskonferenz und das Zentralkomitee. Weitere Mitglieder kommen von Priester- und Diözesanräten und Jugendgruppen und weiteren 20 Männern und Frauen.

Es gibt vier Foren: Eines davon hat Macht und Gewaltenteilung zum Gegenstand. Andere beschäftigen sich mit der Rolle der Frauen, der Sexualmoral oder dem Priestertum. pgh

Ausgangspunkt für den Synodalen Weg und die Frage nach der Macht ist der Missbrauchsskandal, weil Macht und Missbrauch eng zusammenhängen. Wenn jetzt doch einige Reformen umgesetzt werden könnten, wird der kirchliche Raum dann zu einem sichereren Ort?

Dafür braucht es vor allem gute Präventionskonzepte und ein breites Bewusstsein, nicht nur bei kirchlichen Würdenträgern, sondern auch bei Laien und der ganzen Gesellschaft. Ich habe den Eindruck, dass dieses Bewusstsein tatsächlich gewachsen ist und gute Konzepte auf dem Tisch liegen oder schon umgesetzt werden.

Die katholische Kirche in Deutschland erfährt gerade eine neue Austrittswelle, ausgelöst durch das Münchner Missbrauchsgutachten und die Reaktion des emeritierten Papstes Benedikt XVI. darauf. Schwinden mit der abnehmenden Zahl der Gläubigen jetzt auch Macht und Einfluss der Kirche insgesamt?

Gesellschaftlich wird die Kirche eine mächtige Institution bleiben. In den vergangenen 50, 60 Jahren hat sie wichtige Aufgaben in der Schule, dem Krankenhauswesen, dem Hospizbereich oder der Kinderbetreuung übernommen ...

... und scheint da unverzichtbar.

Absolut. Das erklärt ja auch ein Stück weit die Beißhemmung der Aufklärungsbehörden und der Politik, der Kirche strikt auf die Finger zu sehen. Innerkatholisch aber ist die Kirche sehr hohl geworden. So mächtig sie mit Bischöfen und Päpsten daher kommt: Wenn die katholische Kirche bei den Gläubigen nicht mehr auf Vertrauen stößt, ist sie eine sehr machtlose Kirche. Diese Kirche mit Kirchenfürsten stirbt, und wir wissen noch nicht, was dann kommt.

Interview: Peter Hanack

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