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Frankreich, Collevillette: Besucher und Veteranen stehen in einem Spalier am Strand von Collevillette. Hier wird zum 75. Jahrestag der Landung alliierter Truppen in der Normandie gedacht.

D-Day

D-Day: Der Frieden an Frankreichs Stränden

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Das Erinnern an die blutigen Tage der Normandie 1944 tritt in eine neue Phase: Die Veteranen sterben aus. Ihre Urenkel müssen nun die Flamme des Friedens weitertragen – selbst gegen die Hasspolitik eines US-Präsidenten.

Léon Gautier hat einen guten Freund verloren. Als „Fusilier Marin“ vor 75 Jahren meldete er sich freiwillig zu dem kleinen Marineinfanterie-Kommando des Capitaine Philippe Kieffer, der einzigen französischen Einheit, die am 6. Juni 1944 in der ersten Landungswelle der alliierten Invasion Frankreichs, Codename „Overlord“ in der Normandie beteiligte. Gautier und seine 176 Kameraden waren mit zusammen mit 156 000 US-amerikanischen, britischen, kanadischen und polnischen Soldaten am ersten Akt der Befreiung Europas vom Nazismus beteiligt. Nur 24 Fusiliers Marins sollten am Ende der Normandie-Kampagne unverletzte davongekommen sein.

Gautier weist weit von sich, „ein Held“ gewesen zu sein. An der Normandieküste war er als zweiter von dem Transportkahn, der das Kommando über den Ärmelkanal geschippert hatte, ins Wasser gesprungen, um dann unter dem Feuer deutscher Maschinengewehre und Geschütze anzulanden. Er riskierte damals, im kühlen Frühsommer 1944, sein Leben, um die Deutschen aus Frankreich zu vertreiben.

Doch nach dem Krieg wurde ein Deutscher zu seinem besten Freund.

Johannes Börner hieß der. Und am 6. Juni 1944 stand Börner als Fallschirmjäger in den Reihen jener deutschen Soldaten, die die alliierten Befreier wieder ins Meer zurückwerfen sollten. Das gelang bekanntermaßen nicht. Börner geriet in Gefangenschaft und nach dem Krieg blieb er in Frankreich, in der Normandie: In Ouistreham unweit der Landungsabschnitte des D-Day eröffnete der Deutsche ein Restaurant. Später trat er mit Gautier öfters zusammen auf, um Schulklassen oder Schlachtfeldtouristen von jener Zeit zu erzählen – jeder von seiner militärischen Warte aus, aber beide vereint in ihrem Wunsch, dass das „nie wieder“ geschehen möge.

Johannes Börner ist vergangenes Jahr im Alter von 92 Jahren verstorben. Sein Freund Gautier, inzwischen 96, nahm an diesem Donnerstag ein letztes Mal an den Gedenkveranstaltungen zum Beginn des Sturms der freien Welt auf Hitlers „Festung Europa“ teil. „Damit wir nicht vergessen, was damals war“, nuschelt der alte Mann. „Als ich später die schrecklichen Bilder der Konzentrationslager sag, wusste ich, dass ich gut daran getan hatte, zu kämpfen.“

Léon Gautier (mit Barett) und sein Freund Johannes Börner 2014.

Neben Gautier leben nur noch zwei Franzosen, die am D-Day mit der Rückeroberung ihrer Heimat begannen. 75 Jahre her ist jener Tag, dessen simple britische Militärdesignation „D-Day“ (im Deutschen „Tag X“) in die Geschichte eingegangen ist. Deshalb werde dies auch „der letzte ,runde‘ Gedenktag mit Überlebenden des D-Day sein“, schätzt Stéphan Grimaldi, Leiter des Mémorial in Caen, einem Geschichtsmuseum des mörderischen 20. Jahrhunderts und der Bewahrung des Friedens, das seit seiner Eröffnung 1988 sich zu einer festen Adresse im Ablauf von D-Day-Gedenktagen gemausert hat. Zumal für teilnehmende Staats- und Regierungschefs. So sollte es auch zum 75. sein.

In dieser wichtigsten D-Day-Gedenkstätte sind heute kaum noch Veteranen anzutreffen. Eher schon ihre Urenkel. Zahlreiche Schulklassen absolvieren den packenden Geschichtsparcours. Und der beginnt nicht etwa an jenem wolkenverhangenen Junimorgen 1944 – sondern mit dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem darauf folgenden, den nächsten Aggressionskrieg der Deutschen anheizenden „Versailler Vertrag“. In dem Museum wird weder der Horror des Holocaust beschönigt, noch die größtenteils willige Vasallenschaft des Kollaborateurstaates „Vichy-Frankreich“ und Hitler. Schließlich wird hier auch die in Frankreich lange tabuisierte Zerstörung Caens durch die alliierten Bomben thematisiert. 20 000 Zivilisten kamen während der Kämpfe im Sommer 1944 ums Leben.

Dieser enttabuisierte museale Marsch durch das 20. Jahrhundert endet nicht am 8. Mai 1945 - mit dem völligen moralischen, politischen und kriegerischen Bankrott der Deutschen: Es geht weiter – durch den Kalten Krieg und auch der Mauerfall 1989 findet hier seinen künstlerischen Widerhall – ein ergänzender Dokumentarfilm verdeutlicht warum: Damals sei die Teilung Europas beendet worden. Und vielleicht auch die Ächtung Deutschlands. Vor dem Mémorial weht neben den vielen Fahnen der einstigen Alliierten (für die Befreiung Frankreich kämpften ja auch Tschechosolwaken, Dänen, Norweger, Niederländer, Belgier und Luxemburger – und auch eine Handvoll deutscher Antifaschisten) inzwischen das Schwarz-Rot-Gold der Bundesrepublik. Das sei „heute selbstverständlich“, meint Grimaldi.

Russland war nicht eingeladen

Deutschland nahm erstmals 2004 an den 60-Jahr-Feierlichkeiten zum D-Day in der Normandie teil. Zuvor noch hatte Helmut Kohl eine Einladung des seinerzeitigen französischen Präsidenten François Mitterrand abgelehnt. Gerhard Schröder, der erst 1944 geboren wurde, verkündete dann, die Landung der Alliierten sei „kein Sieg über Deutschland, sondern für Deutschland“ gewesen. Den deutschen Soldatenfriedhof La Cambe umging Schröder, weil unter den dort begrabenen gut 21 000 Gefallenen auch Angehörige von Waffen-SS-Einheiten waren. Auch Angela Merkel besuchte 2014 nur den Commonwealth-Friedhof Ranville, wo zusätzlich 133 Tote der Wehrmacht von Gefechten in der Umgebung liegen.

Russland war seit dem Ende des Kalten Kriegs ebenfalls zu den D-Day-Feiern eingeladen. Aber nicht dieses Jahr: Die Ost-West-Spannungen sind zu groß. „Das war ein Fehler“, meint Grimaldi. „Die Russen haben zwar nicht an der Operation ,Overlord‘ teilgenommen, aber sie haben die entscheidende Ostfront gehalten und einen Blutzoll von fast 20 Millionen Opfern erbracht.“

Donald Trump auszuladen, weil er die westliche Allianz fast täglich brüskiert, wäre hingegen undenkbar gewesen: Anders als der diskrete französische Veteran Gautier beansprucht der US-Präsident den Heldenstatus für seine Nation – und damit in gedanklicher Konsequenz wohl auch für sich. Um das entsprechend zu dokumentieren, wollte Trump dem gepflegten US-Soldatenfriedhof Colleville-sur-Mer mit 9386 weißen Kreuzen, Sternenbannern und Sicht aufs Meer einen Besuch abstatten.

Das deutsche Totenfeld La Cambe liegt hingegen weit verborgen im Hinterland der Normandie. Fernab der Tourismusrouten werden noch heute – zuletzt 2018 – Grabsteine gefallener SS-Offiziere entwendet. Ruhm für die einen, untilgbare Schuld für die anderen? Museumschef Grimaldi hält nichts von einer solchen Rollenverteilung: „Wir können die Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten – es ist trotzdem ein und dieselbe.“ Sein Mémorial fühlt sich natürlich – wie ganz Frankreich – weiterhin ganz besonders den amerikanischen Befreiern verpflichtet. Aber Caen empfing Trump auch mit einer subtilen Botschaft. Zum 75. Gedenktag des D-Day hat Grimaldi eine Ausstellung über die „vier Freiheiten“ organisiert, mit denen US-Präsident Franklin D. Roosevelt Anfang 1941 für Abrüstung und Völkerverständigung plädierte. Der Kern seiner berühmten Radioansprache zu diesen „Freiheiten“ war ein Grundstein der UN-Charta wie auch der Idee des Multilateralismus. Trump, kein Freund solcher Ideen, hatte laut Grimaldi „leider keine Zeit“, die Ausstellung mit Werken des Illustrators Normann Rockwell (1894-1978) zu besuchen. Rockwell, der in den 322 von ihm geschaffen Titelbildern des Massenmagazin „Saturday Evening Post“ ein manchmal naiv-kitschiges, in aller Regel aber liebevolles und unheimlich sympathisches Bild der US-Amerikaner gezeichnet hatte – dieser freundliche schmächtige ältere Herr schuf zu Beginn der 60er Jahre bitterböse anklagende Illustration zu Unterdrückung und Rassenhass im US-amerikanischen Süden. In der Weltsicht der US-Erzkonservativen ist das eine bis heute unverzeihliche Sünde.

Der Schlachtentourismus weicht

Der imposante Mémorial-Bau in Caen, der mit den waffenstarrenden Lokalmuseen an der Normandie-Küste hart kontrastiert, ist nicht auf Trumps Visite angewiesen: Es zieht täglich Tausend Besucher und mehr an – und das auch wenn die Veteranen der Schlachten um die Normandie nach und nach aussterben.

In der ganzen Gegend weicht der Schlachtentourismus einer breiter gefächerten Präsentation für historisch Interessierte. Vier Millionen Reisende besuchen jedes Jahr die D-Day-Schauplätze – die hart umkämpfte Pegasus-Brücke etwa, wo britische Fallschirmjäger bis zum Eintreffen der Bodentruppen von den Stränden ausharrten, die Kirche Sainte-Mère-Eglise, wo ein amerikanischer Fallschirmjäger am Kirchturm hängenblieb und zum unfreiwillig unbeteiligten Beobachter der grausamen Kämpfe um den Ort wurde, oder die Kreidefelsen der Pointe du Hoc, dessen Erklimmung viele US-amerikanische Gebirgsjäger mit dem Leben bezahlten.

Beim improvisierten Landungshafen von Arromanches (den gigantsichen „Mulberry“-Pontons, die in Großbritannien ersonnen und montiert worden waren) liegen noch heute dessen Beton-Überreste im Sand und im Wasser. Badende sind hier nicht allzu zahlreich – es ist, als wirke noch ein gewisser Respekt vor den Tausenden von Soldaten, die in der ersten Angriffswelle ihr Leben gelassen hatten. Das regionale Tourismusbüro überlegt sich seit Jahren, ob es die unansehnlichen D-Day-Relikte vom Strand entfernen sollte. Doch die Zeit ist noch nicht reif dafür. Jedenfalls nicht, solange das Souvenir-Geschäft blüht. Für die Deutschen gibt es D-Day-Bier, für die Briten grüne Barette in Erinnerung an ihre berühmten „Royal Marines“ und für die Amerikaner „Criquets“, blecherne Spielzeuge, die den Ton einer Heuschrecke nachempfinden und den US-Fallschirmtruppen ausgehändigt wurde zur leichteren Identifizierung im Dunkeln.

Unter die Militaria mischen sich ab und zu Strandutensilien. Auch an den Promenaden herrscht ein kurioses Gemisch aus düsterer Schwarzweiß-Erinnerung und emsiger Vorbereitung auf die Sommerferien. Krieg und Frieden eben. Genauer: Krieg gestern, Frieden heute. Auf dass es immer so bleibe.

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