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"Wie in einer Familie": CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer und CSU-Landesgruppenchef Dobrindt.

Klausur in Seeon

CSU-Politiker umgarnen AKK

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War da was? CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer wird in Seeon von der CSU-Führung überraschend herzlich empfangen. Viele sehen in ihr die Richtige für einen Neustart.

Kloster Seeon, südlich von München. Sie stehen im Schnee und warten fröstelnd – bis Annegret Kramp-Karrenbauer endlich vorfährt. „Schön, dass Du da bist“, begrüßt Alexander Dobrindt die neue CDU-Chefin bei der CSU-Klausur im Chiemgau, fällt ihr gleich um den Hals. Es gibt Küsschen, es gibt Umarmungen. Und drüben auf dem improvisierten Rauhnachtsmarkt im Innenhof des Klosters warten auch schon Glühwein und Bratwurst vom Grill mit Zwiebeln und Senfsoße.

Zwischen Feuerschalen, Holzbuden und Heizpilzen wird angestoßen. „Auf ein gutes Jahr 2019“, sagt Dobrindt. „Auf ein gutes gemeinsames Jahr 2019“, vervollständigt Kramp-Karrenbauer. Die Stimmung ist fast aufgekratzt heiter. Schon die Premiere der neuen CDU-Vorsitzenden bei der Schwesterpartei fällt freundlicher aus als jeder Empfang, den die Christsozialen der Kanzlerin je bereitet haben. „AKK“ wird von der CSU regelrecht umgarnt. Man beschwört den „Geist von Seeon“.

Friedrich Merz? War da was? Erstaunlich schnell hatten sich die Christsozialen mit der Neuen bei der CDU arrangiert. Mit Dobrindt und Markus Söder, der in zwei Wochen Horst Seehofer als CSU-Chef ablösen soll, outen sich gleich zwei aus der Führungsriege als regelrechte AKK-Fans. Kein Wunder, denn mit Kramp-Karrenbauer hat bei der CSU niemand offene Rechnungen.
Die 56-Jährige aus dem Saarland ist die Frau, mit der ein Neuanfang möglich scheint. Ihr Profil – konservativ in der Gesellschaftspolitik, arbeitnehmernah in der Sozialpolitik – gefällt vielen in der CSU. Und sie gilt als durchaus Bayern-affin, kennt Land und Leute, weil sie Verwandte im Freistaat hat.

Am Morgen nach der Glühwein-Sause sitzt Kramp-Karrenbauer neben Dobrindt im Tagungssaal von Kloster Seeon – zwischen ihnen das golden glänzende Glöckchen des Sitzungsleiters. „Du hast sofort danach gegriffen“, scherzt Dobrindt. „Man kann das sehen als Zeichen von…“ „Zuviel Harmonie“, reagiert Kramp-Karrenbauer schlagfertig. „Oder von feindlicher Übernahme“, frotzelt Seeon-Gastgeber Dobrindt zurück. Der ganze Saal lacht.

Die neue Gelassenheit miteinander mag manchem inszeniert erscheinen. Doch der Wunsch nach einem Schulterschluss – der ist auf beiden Seiten vorhanden. Unterschiedliche Akzente – ja. Streit in der Sache – wenn es sein muss. Machtproben und Ultimaten – auf keinen Fall. Es sei mit CDU und CSU wie in einer Familie: „Man streitet sich untereinander: Aber wenn die Nachbarskinder kommen, dann hält man zusammen“, sagt Kramp-Karrenbauer, die selbst mit fünf Geschwistern aufgewachsen ist.

Am Samstag ziehen schwere Schneestürme über Kloster Seeon hinweg. Im Hof vor der Kirche, an deren Orgel einst der junge Wolfgang Amadeus Mozart spielte, sind beim Thema Europa neue Töne von der CSU zu hören. Bald beginnt der Europawahlkampf – und der große Hoffnungsträger der Partei ist dabei Manfred Weber, der als Spitzenkandidat der europäischen Konservativen heißer Anwärter auf das Amt des EU-Kommissionspräsidenten ist.

CSU kritisiert plötzlich Orbán 

Wetterte die CSU früher gegen die Bürokraten in Brüssel und deren angebliche Regulierungswut, haben sich die Akzente inzwischen gewaltig verschoben. „Wir wollen mit der europäischen Idee Wahlkampf machen“, kündigt Dobrindt an. „Und zwar in einer Weise, die Lust auf Europa macht.“

Vor einem Jahr hatten die Christsozialen hier noch den ungarischen Premier Viktor Orbán empfangen und den Regierungschef, der wegen Einschränkung von Pressefreiheit und Eingriffen in die Unabhängigkeit der Justiz immer wieder in der Kritik steht, nach Meinung von Kritikern regelrecht hofiert. Nun wird plötzlich deutliche Kritik an Orbán geäußert – mehr als nur eine Akzentverschiebung. „Es gibt keinen Rabatt in Sachen Grundrechte und Rechtsstaatstandards in der Europäischen Union“, stellt CSU-Mann Weber klar.

Als Spitzenkandidat will er auf klare Kante gegen die AfD setzen, die im Entwurf ihres Europa-Programms für 2024 einen deutschen EU-Austritt fordert. „Die Menschen müssen wissen, dass die AfD die deutsche Brexit-Partei ist“, sagt Weber. Wer Zustände und wirtschaftliche Unsicherheit wie auf der Insel haben wolle, der müsse ihr folgen. Weber gibt sich kämpferisch: „Wir werden uns mit allen Antieuropäern, die das Projekt von innen zerstören wollen, hart auseinandersetzen und sie stellen.“

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