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Mitarbeiterinnen der Gesundheitsämter im Dauerstress – ein Bild aus Berlin.  

Pandemie

Covid und die Detektive

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Jetzt müssen es die Ämter richten: Um eine zweite Corona-Welle zu verhindern, sollen sie jeden Fall akribisch nachverfolgen. Kann das reichen?

Die Büroetage im dritten Stock in der Bielefelder Marktstraße ist ein Ort der Improvisation. Ein DIN-A4-Zettel weist den Weg, oben markieren gelbe Post-its und handgeschriebene Zettel, wer in welchem Büro sitzt. Eigentlich sollten in diesen Räumen jetzt städtische Mitarbeiter die Volkszählung im nächsten Jahr vorbereiten. Und eigentlich sollte Jessica Treek in der Uni sitzen und an ihrem Masterabschluss in Politik und Geschichte arbeiten.

Aber statt der Statistikabteilung hat jetzt das Gesundheitsamt die Räume in Beschlag genommen. Und Jessica Treek, 23, hält hier nun, um es mit Angela Merkel zu sagen, „Deutschlands Zukunft in den Händen“. Seit zwei Wochen. „Ich wollte helfen, wollte selbst etwas tun in dieser Situation“, sagt sie. Dazu hat sie nun Gelegenheit.

Jessica Treek ist eine jener Verstärkungskräfte, die dafür sorgen sollen, dass Deutschland nicht überrollt wird. Dass die vielgefürchtete zweite Welle dieser Pandemie das Land nicht überfordert oder sich im besten Fall gar nicht erst aufbaut.

Es war im März, da legte die Bundesregierung eilig ein Programm auf, um die oft ausgebluteten Gesundheitsämter im Kampf gegen das Virus zu stärken. Mehr Geld für Computer sollte es geben, feste Ansprechpartner beim Robert-Koch-Institut (RKI), und vor allem mehr Personal. 500 zusätzliche Kräfte versprach das Bundesgesundheitsministerium anzuheuern, die den lokalen Behörden bei der oft mühsamen Nachverfolgung von Infektionswegen helfen sollten. Gesucht wurden Studenten, für sechs Monate, Anforderungsprofil: „Belastbarkeit und Stresstoleranz“, Monatsgehalt: 2325 Euro brutto.

Die Resonanz war gewaltig, 11 000 Bewerbungen zählte das RKI. Dennoch sind noch immer nicht alle Plätze besetzt, aber 380 der sogenannten Containment Scouts, teilt das RKI mit, seien inzwischen im Einsatz, die meisten in Nordrhein-Westfalen, vier davon in Bielefeld.

Bis nachts in Materialsammlung eingelesen

„Wir dachten: Wow, die kommen vom RKI! Die sind vom RKI geschult“, erinnert sich Ina-Marei Strate-Schneider, promovierte Fachärztin für Allgemeinmedizin und stellvertretende Leiterin des Bielefelder Gesundheitsamts, an die Zeit vor der ersten Begegnung.

Bei Jessica Treek, klingt die Erinnerung ganz ähnlich, nur mit einer kleinen Ernüchterung am Ende: „Da hieß es: ‚Ihr seid vom RKI! Klasse! Wisst ihr was?‘ Und wir dann: ‚Nö.‘“ Wobei ihre Kollegin, die 27-jährige Lehramtsstudentin Katrin Schäfer, immerhin den Link zu einer Materialsammlung bekam, zwei Aktenordner stark, „die habe ich dann bis nachts gelesen“, sagt sie. Aber als Fachkraft für Gesundheitsschutz hätte auch sie sich da nicht bezeichnet.

Nach zwei Wochen im Einsatz sprechen beide Seiten nun sehr begeistert übereinander. Die stellvertretende Amtsleiterin lobt ihre „wachen, sympathischen intelligenten und engagierten jungen Scouts“, die zum Beispiel auch einmal bei Facebook und Instagram schauen, wenn sie eine Person sonst nicht gleich finden.

Jessica Treek wiederum spricht nach diesen zwei Wochen so selbstverständlich von „Abfragen beim EMA“, beim Einwohnermeldeamt, dass man meint, sie habe nie etwas anderes gemacht, als in einer Behörde den Kontaktpersonen von Corona-Infizierten hinterherzutelefonieren.

Nur, 380 Scouts für Deutschland in allen Ehren: Kann das gutgehen? Reicht das, um zu verhindern, dass die Infektionszahlen so sehr steigen, dass Deutschland zurückfällt in einen noch schmerzhafteren Lockdown?

Die Last, die auf den Gesundheitsämtern ruht, wird immer größer. Seit sich Bund und Länder in der vergangenen Woche darauf geeinigt haben, dass die Lockerungen der Corona-Maßnahmen nun nicht mehr zentral vorgegeben werden, sind umso mehr die Kommunen gefragt. Die Gesundheitsämter sind es, die Infizierte befragen, Kontaktpersonen in Quarantäne schicken, Infektionsketten durchbrechen müssen. Die App, die ihnen dabei helfen könnte, droht inzwischen „zum BER des deutschen Gesundheitswesens“ zu werden, wie der Virologe Alexander Kekulé jüngst fürchtete, so oft wurde ihre Einführung schon verschoben. Dabei ist die Zahl der Mediziner im öffentlichen Gesundheitsdienst allein zwischen 1995 und 2014 um ein Drittel gesunken, wie deren Verband errechnet.

Mitarbeiter aus anderen Bereichen abgezogen

In Bielefeld traf das Virus Anfang März auf ein stark ausgedünntes Amt. Für 340 000 Einwohner waren da, auch wegen Krankheitsfällen, nur ein Gesundheitsaufseher in Vollzeit, eine Teilzeitkraft, ein Azubi und zwei Ärzte zuständig, die noch andere Aufgaben hatten. „Wir hätten das aus eigenen Kräften nicht bewältigt“, sagt Ina-Marei Strate-Schneider.

Also haben sie Mitarbeiter aus anderen Bereichen abgezogen. 63 Personen arbeiteten hier zu Corona-Spitzenzeiten Tag und Nacht in Nachverfolgung und Krisenmanagement „bis zur Erschöpfung“, wie Strate-Schneider sagt. Sie waren offenbar erfolgreich, die Quote der Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner binnen sieben Tagen stieg nicht über 24, „auch weil wir eine Woche vor dem übrigen NRW mit dem Lockdown begonnen haben“, wie die Vize-Amtsleiterin meint. Neue Maßnahmen sollen nun erst bei 50 Neuinfektionen greifen, so ist es vorgegeben.

Wer Jessica Treek und Katrin Schäfer bei ihrer Nachverfolgungsarbeit zuhört, der erfährt, dass diese Arbeit vieles ist: aufwendig, meist mühsam, oft psychologisch anspruchsvoll, zuletzt auch konfrontativ. „Aber wenn die Fußballer jetzt sogar wieder spielen dürfen ...“ So beginnen jetzt manche Gespräche.

Ist ein Grenzwert von 50 Neuinfektionen nicht viel zu hoch gegriffen? Könnten Gesundheitsämter bei so vielen Fällen ihr schwieriges Geschäft so noch betreiben? Ute Teichert, die Vorsitzende des Bundesverbands der Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, hat dazu eine klare Meinung: „Wie die Gesundheitsämter damit klarkommen sollen, ist mir ein Rätsel. Das ist nicht zu schaffen“, sagte sie dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Ina-Marei Strate-Schneider, eine offenbar grundzuversichtliche Frau, sagt, sie hätten inzwischen so viele Kollegen aus anderen Abteilungen geschult, sie sei guten Mutes. Aber sie sagt auch: „Ich würde jedenfalls jederzeit mein Allermöglichstes dafür tun, dass es so weit bitte nicht kommt.“

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