1. Startseite
  2. Politik

Côte d’Azur: Ukrainische Oligarchen lösen die russischen ab

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Stefan Brändle

Kommentare

Zu groß für den Hafen von Cap Ferrat: Eine Megayacht, wie sie überall an der „Côte“ zu finden sind, muss draußen bleiben.
Zu groß für den Hafen von Cap Ferrat: Eine Megayacht, wie sie überall an der „Côte“ zu finden sind, muss draußen bleiben. © Brändle

Die Sanktionen zwingen russische Superreiche, ihre Villen an der Côte d’Azur zu verlassen. An ihre Stelle treten ukrainische Milliardäre, deren politischer Standort nicht immer klar ist.

Arme Milliardäre. Sie sitzen in Dubai oder auf ihrer Yacht fest, nur die Erinnerung bleibt an die schöne Côte d’Azur, wo sie nicht einmal mehr die eigene Villa betreten dürfen. Es waren „les années folles“, die verrückten Jahre. Suleiman Kerimow etwa, der russische Senator und Investor, ließ für seine Soireen Sängerinnen wie Shakira oder Beyoncé einfliegen; für Fußballstars wie Samuel Eto’o oder Roberto Carlos veranstaltete er nächtliche Autorennen entlang der Strandpromenade von Nizza. Die Bugattis stellte er zur Verfügung, „und die Bußgelder übernehme ich“, sagte er. Als er dort selber einmal die Herrschaft über seinen Ferrari verlor, landete Kerimow in der Notaufnahme. Für seine Hochzeit ließ er eine russische Kapelle Stein für Stein demontieren und an der „Côte“ wieder aufbauen.

Jetzt ist das Sausen und Brausen vorbei. Kerimow ist wie so viele Branchenkollegen ein Paria, von der EU und den USA mit Sanktionen belegt. Die französische Justiz hat zudem im Sommer ein neues Strafverfahren wegen schwerer Geldwäsche und Steuerflucht unter anderem gegen den Putin-Freund eingeleitet. Eine seiner vier Luxusvillen am Cap d’Antibes, Médy Roc, hatte er demnach für 120 Millionen Euro gekauft; dem Fiskus deklarierte er aber nur gut ein Viertel.

Roman Abramowitsch , russischer Milliardär, war früher der Besitzer des englischen Fußballclubs Chelsea.
Roman Abramowitsch , russischer Milliardär, war früher der Besitzer des englischen Fußballclubs Chelsea. © AFP

„Offiziell gehört das Gut nicht ihm, sondern seiner Tochter Gulnara“, sagt Lokalpolitiker Gérard Piel vor dem drei Meter hohen Eingangstor zum Villengelände. „Aber sehen Sie hier die gusseisernen Schildkröten auf dem Portal? Das ist Kerimows Lieblingstier.“

Piel hat seinen Wagen bei der Ankunft sofort in Abfahrposition gestellt. „Das letzte Mal habe ich mit den Wachhunden Bekanntschaft geschlossen“, erzählt der 73-jährige Vertreter der linken Opposition aus Antibes. In der früheren Wohnstadt Picassos geboren und als Metzger tätig gewesen, ist Piel heute einer von ganz wenigen, die den Oligarchen hier auf die Finger schauen. „Im Zuge der Sanktionen wurden ihre Villen ‚eingefroren‘, aber nicht richtig beschlagnahmt. Das Personal sorgt jedenfalls weiter für den Unterhalt der Anwesen.“ Offenbar beobachtet es immer noch die Zufahrt: Über dem Eingangsportal gibt eine Überwachungskamera ein warnendes „Beep“ von sich; dahinter ist nun mehrstimmiges Hundegebell zu hören. Nach Pudeln klingt es nicht.

Piel berichtet ungerührt weiter: Kerimows Nachbar, Roman Abramowitsch, ebenfalls Milliardär und früher Besitzer des englischen Fußballclubs Chelsea, beschäftige in seinem Château de la Croë 200 Angestellte. „Einmal begannen sie am öffentlichen Strand unten, Betonquader ins Meer abzulassen, um eine Anlegestelle für eine Megayacht zu bauen. Die Gemeinde stoppte die Arbeiten gerade noch, um die geschützte Küste um das Cap d’Antibes zu retten.“

Abramowitschs Schloss ähnelt dem Weißen Haus, Kerimow hat hier gleich vier Villen nebeneinander

Noch mehr ärgert sich Piel, dass eine Straße regelrecht „privatisiert“ wurde: In den Boden versenkbare Pflöcke erlauben die Zufahrt noch heute nur Anwohner:innen, die über einen elektronischen Badge verfügen. Zur Linken der Straße verbirgt sich Abramowitschs Schloss, das dem Weißen Haus ähnelt, zur Rechten reihen sich die vier Villen Kerimows aneinander.

Beim Weitergehen hört man hinter den Mauern nur noch das beruhigende Geräusch von Wassersprenklern. Piel erzählt, wie er den Präfekten brieflich gefragt habe, wie es möglich sei, dass in halbwegs beschlagnahmten Gebäuden gearbeitet werde. „Eine Antwort habe ich nicht erhalten.“

An der Mauer eines Kerimow-Anwesens hängt die obligatorische Publikation einer Baubewilligung. Sie stammt von Oktober 2021, also noch vor dem Krieg und den Sanktionen; als Bauherrin ist eine gewisse „Angéline C.“ angegeben. „Das wird die Hauswartin sein, oder Kerimows Putzfrau“, flachst Piel. Und warum erstand Kerimow gleich vier Villen in einer Reihe? Auf einer Parzelle dürfe man die bestehende Bausubstanz nach französischem Recht nicht vergrößern, meint der Politrentner. Die Zusammenlegung erlaube dagegen den Bau einer viermal so großen Megavilla. So geht das hier am malerischen Cap d’Antibes, im Volksmund „Halbinsel der Milliardäre“ genannt.

Die russischen Oligarchen, so heißt es, versuchten derzeit ihre Luxusvillen diskret zu verkaufen

Aber derzeit sind die Kerimows, Abramowitschs oder Melnitschenkos von der Bildfläche verschwunden. Geblieben sind ihre Gärtner, Klempner, Transporteure – oft aus Tschetschenien. Piels Tochter, die in Antibes als Lehrerin arbeitet, hat jedenfalls seit Jahren etliche tschetschenischen Schüler:innen. Der russische Supermarkt im nahen Antibes existiert auch noch. „Nur die T-Shirts mit Putins Konterfei hängen nicht mehr draußen“, sagt Piel.

Im Städtchen Antibes, wo die Tourist:innen vom provenzalischen Markt zum Musée Picasso pilgern, sieht man keine Boliden und Bentleys mit russischen Kennzeichen mehr. Dafür kommen schwerreiche US-Amerikaner und Briten wieder zahlreicher als in den Covid-Jahren. Die blitzenden Yachten im Hafen von Antibes werden für 200 000 Euro die Woche vermietet. „Die protzigste kostet mehr als 500 000 Euro die Woche“, weiß Piel, der einmal eine Protestdemonstration organisiert hat – zu der nur 20 Leute kamen. Antibes rollt lieber den Milliardären den Teppich aus. „Schauen Sie“, sagt Piel: „Die Läden entlang des Kais sind alle auf das Yacht-Business ausgerichtet.“

Die russischen Oligarchen, so heißt es, versuchten derzeit ihre Luxusvillen an der „Côte“ diskret zu verkaufen. Auf die Preise drückt dies mitnichten. Zu sehen ist das auf dem „anderen“ Milliardärshügel an der französischen Riviera, dem Cap Ferrat zwischen Nizza und Monaco. In diesem vielleicht schönsten Küstenvorsprung der Côte d’Azur herrschen, frei nach dem berühmten Matisse-Gemälde, „Luxus, Ruhe und Wonne“. Die Villen, zumal die größten, sind unsichtbar. Außer im Schaufenster einer Immobilienagentur: Dort werden „Prestigeobjekte“ von 5,68 bis 18,9 Millionen Euro angeboten. Der Rubel rollt auch ohne die russischen Milliardäre.

Der reichste Ukrainer, Rinat Achmetow, erwarb schon 2019 die imposante Villa Les Cèdres

Genauer: Dank den ukrainischen Oligarchen, die am Cap Ferrat in die Lücke springen. Der reichste Ukrainer, Rinat Achmetow, unter anderem Besitzer des zerstörten Asow-Stahlwerkes in Mariupol, erwarb schon 2019 die imposante Villa Les Cèdres. Der Kaufpreis von 200 Millionen Euro sucht weltweit seinesgleichen.

Achmetow, nebenbei Besitzer des Fußballvereins Schaktar Donezk – seinem Geburtsort –, galt vor dem Krieg eher als Kreml-Freund; er soll auch in einen Staatsstreichversuch gegen Präsident Wolodymyr Selenskyj verwickelt gewesen sein und wurde der Korruption bezichtigt. Heute unterstützt er aber die ukrainische Armee finanziell. Der Kauf des Fußballvereins OGC Nizza blieb ihm allerdings verwehrt.

Der zweitreichste Ukrainer, Viktor Pintschuk, der im Ruf eines sauberen Geschäftsmannes und Politikers steht, hat am Cap Ferrat ebenfalls eine Traumvilla am Meer erstanden, Kostenpunkt unbekannt. Immerhin hat sich Pintschuk als Käufer geoutet. In der Hitliste ukrainischer Besitzungen am Cap Ferrat folgen Oligarchen, die nicht als Eigentümer in Erscheinung treten. Der pro-russische Abgeordnete Serhij Ljowotschkin und seine Schwester Yulia – sie ebenfalls Abgeordnete in Kiew – haben auf der Westseite des Kaps eine Luxusbleibe gekauft, deren Preis auf 35 Millionen Euro geschätzt wird. Abgewickelt wurde das Geschäft über eine Gesellschaft in Dänemark, die einer Firma in Luxemburg gehört, welche wiederum von zwei Zyprern geführt wird.

Rinat Achmetow gilt als reichster Ukrainer. Ihm gehört unter anderem das zerstörte Asow-Stahlwerk in Mariupol.
Rinat Achmetow gilt als reichster Ukrainer. Ihm gehört unter anderem das zerstörte Asow-Stahlwerk in Mariupol. © AFP

Nur zwei Adressen weiter wohnt ihr Bekannter, der Geschäftsmann Dmytro Firtasch, ein Ukrainer mit direktem Kontakt in den Kreml, glücklicher Besitzer der berühmten Cap-Ferrat-Villa La Mauresque. Sie gehörte einst dem englischen Schriftsteller Somerset Maugham und erhielt auch Besuch von Winston Churchill. Der Kaufdeal in Höhe von 50 Millionen Euro lief über eine Holding in Nizza und eine irische Firma.

„Das Cap Ferrat scheint zum goldenen Exil reicher Ukrainer auf der Flucht vor dem Krieg geworden zu sein“, kommentiert der Reporter des Lokalblattes „Nice-Matin“, Eric Galliano. Noch etwas ist ihm aufgefallen: „Viele ukrainische Milliardäre wie die Ljowotschkins haben ihr Land im Januar, also kurz vor Kriegsbeginn, verlassen.“ Hatten sie einen Tipp aus Moskau erhalten?

Der ukrainische Geheimdienst SBU hat vor einigen Wochen eine Untersuchung von Oligarchen gestartet

Auf jeden Fall müssen sie keine Sanktionen wie die russischen Oligarchen befürchten. Ihre geschäftlichen und politischen Fäden ziehen sie nun von Saint-Jean-Cap-Ferrat aus. Der ukrainische Geheimdienst SBU hat vor einigen Wochen eine Untersuchung von 84 ukrainischen Oligarchen an der Côte d’Azur gestartet. Sie wohnen nicht nur am Cap Ferrat, sondern auch in Saint-Tropez, Cannes, Nizza oder Monaco. In Kiew nennt man sie mit viel Ironie das „Monaco-Bataillon“.

Selenskyj warf ihnen zuerst pauschal vor, sie entzögen sich der Wehrpflicht – oder sie stünden auf der Seite Putins. Alles Landesverräter? Mittlerweile äußert sich der Präsident vorsichtiger: „Einige hatten das Recht zu gehen, vielleicht hatten sie Angst oder wollten ihre Kinder evakuieren. Einzelne hatten aber sicher andere Gründe.“

Fast scheint es, als verschone Selenskyj bewusst einen Teil dieser Mächtigen, die zwischen den Fronten und Identitäten lavieren. Zurückgeholt hat er aber bisher keinen Oligarchen. Unbestreitbar lebt es sich an der Côte d’Azur momentan etwas angenehmer als in Kiew. In Antibes sagt Gérard Piel letztlich dasselbe, wobei er sich weniger diplomatisch ausdrückt: „Oligarchen haben nur eine Nation – das Geld.“

Auch interessant

Kommentare