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An den Schlachtbänken herrscht kein Corona-Abstand (Symbolbild)

Coronavirus

„An den Schlachtbändern stehen die Beschäftigten dicht beieinander“

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Dominique John von der DGB-Beratungsstelle spricht über Missstände in den Fleischfabriken, die Lage der Arbeiter und mögliche Corona-Ausbrüche auf Baustellen.

  • Dominique John im Gespräch mit der FR.
  • Missstände zu Zeiten von Corona in den Schlachthöfen.
  • Beschäftigte gefährdet. 

Herr John, hat es Sie überrascht, dass Fleischfabriken zu Hotspots der Corona-Verbreitung geworden sind?

Wenn man die Unterkünfte kennt und weiß, wie der Arbeitsalltag der Männer und Frauen in dieser Industrie aussieht – nein, das kann einen nicht überraschen: Drei, vier Personen in einem Zimmer, man teilt sich Kochgelegenheiten und Toiletten, zur Schicht fährt man gemeinsam im Bus. In den Umkleideräumen und an den Schlachtbändern stehen die Beschäftigten dann dicht beieinander. Und wir hören häufig von Überstunden oder Doppelschichten.

Gibt es viele Fabriken, in denen ähnliche Lebens- und Arbeitsbedingungen herrschen?

Es gibt eine Handvoll Unternehmen, die den Markt unter sich aufgeteilt haben. Das Geschäftsmodell läuft so: Die heuern Subunternehmer an, die bekommen Werkverträge und deren Beschäftigte, fast immer aus Osteuropa, arbeiten die Aufträge dann ab. Die Auftraggeber – das sind namhafte Firmen wie Tönnies, Vion oder Wiesenhof – nehmen den Profit mit, die Verantwortung für die Beschäftigten geben sie an die Subunternehmer ab.

Corona-Krise: Sind Beschränkungen angemessen?

Normalerweise trifft das Problem nur die Arbeiter, jetzt ist die ganze Region betroffen. Ist das eine Chance, öffentliches Interesse an dieser Misere zu wecken?

Ja, das ist schon eine Chance. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten und auch die Kirchen und Bürgerinitiativen weisen seit Jahren auf diese haltlosen Zustände hin. Aber: Jetzt gibt es Landkreise, die wegen des Infektionsgeschehens in den Unternehmen Beschränkungen für die ganze Bevölkerung hinnehmen müssen. Da kommt natürlich die Frage: Ist das noch angemessen? Ich hoffe sehr, dass das große Interesse an dem Thema zu einer Verbesserung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse der Beschäftigten führt.

Saisonarbeiter sollten ursprünglich aus Gesundheitsschutzgründen nicht kommen dürfen, dann wurden sie doch eingelassen, um die Spargel- und Erdbeerernte in Deutschland zu ermöglichen. Ist denn der Gesundheitsschutz gewährleistet für sie und ihre Umgebung?

Zurzeit landen jede Woche mehrere Flugzeuge aus Rumänien auf deutschen Flughäfen. Die Männer und Frauen werden dort von den Landwirten abgeholt und kommen in eine 14-tägige sogenannte Arbeitsquarantäne. Das heißt, die Leute fangen direkt an zu arbeiten und sollen die Gruppen, in denen sie arbeiten, nicht verlassen. Diese Bestimmungen werden aber in vielen Betrieben nicht eingehalten. Die Kollegen von der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt berichten, dass die Feldarbeiter wie immer in Bussen zwischen den Arbeitsstätten hin- und hergefahren werden, ohne Sicherheitsabstände oder Gesichtsmasken. Man muss wissen, es gibt auf den Feldern in der Regel kein fließendes Wasser, um sich zu waschen. Aus einigen Betrieben haben sich eingereiste Erntehelfer bei Beratungsstellen gemeldet, weil sie die Betriebe wegen der mangelnden Hygiene verlassen wollten.

Sehen Sie Probleme auch in anderen Bereichen, wo Arbeiter unter solchen Bedingungen untergebracht werden, zum Beispiel auf Baustellen?

Wir erwarten, dass es auf größeren Baustellen oder in Unterkünften von Bauarbeitern ähnliche Ausbrüche geben wird, wie wir sie jetzt in der Fleischindustrie sehen. Die Unterbringung und die Arbeitsbedingungen sind im Großen und Ganzen ähnlich.

Arbeiter ohne Schutz vor Corona

Wer übernimmt angesichts der Ketten von Subunternehmen eigentlich die Verantwortung, wenn die Lebensbedingungen zur Ausbreitung von Krankheiten führen?

Die meisten Auftraggeber wollen die Verantwortung auf die Subunternehmer abwälzen. Das kann man in der Fleischindustrie sehen: Wenn Beschäftigte unter Quarantäne gestellt werden müssen, gibt es ein Riesenproblem, weil die Auftraggeber nicht wissen, wo die Subunternehmer die Arbeitskräfte untergebracht haben – weil das einfach nicht in ihrem Interessensbereich ist.

In der Rhein-Main-Region haben Sie mehrmals auf Baustellen hingewiesen, auf denen die Arbeiter ihr Geld nicht oder erst nach Protesten bekamen. Gibt es in der Region auch eine Heimunterbringung der Arbeiter wie bei den Fleischarbeitern in Coesfeld?

Ja, in Frankfurt-Griesheim gibt es beispielsweise in der Erzbergerstraße einen großen, ziemlich heruntergekommenen Gebäudekomplex, wo zu Hochzeiten bis zu 1200 Arbeiter untergebracht sind. Die Männer sagen uns, dass sie für ein Bett in einem Mehrbettzimmer bis zu 300 Euro im Monat an den Vermieter, einen Privatmann, bezahlen. Ich habe dort Zimmer gesehen, wo die Betten so eng stehen, dass man dazwischen grade noch hindurchkommt. Die Bewohner mehrerer Zimmer teilen sich eine Küche, Bad und Toilette.

Das Projekt „Faire Mobilität“ berät ausländische Arbeiter, die oft ihre Rechte nicht kennen. Können Sie auch bei Fragen zur Gesundheit und speziell zu Corona-Themen helfen?

Ja, wir verbreiten auch Materialien in verschiedenen Sprachen, wo es um Infektionsschutz geht, und wir haben eine bundesweite Hotline in fünf Sprachen eingerichtet, wo sich Beschäftigte über ihre Arbeitsrechte im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie informieren können.

Informieren über Corona-Pandemie

Wer bezahlt diese Arbeit?

,Faire Mobilität‘ wird zu über 80 Prozent vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales finanziert, die restlichen Mittel kommen von den Gewerkschaften. Wir verstehen uns als eine gewerkschaftsnahe Organisation und arbeiten dort, wo es Sinn macht, eng mit den für die jeweilige Branche verantwortlichen Gewerkschaften zusammen. Klar ist aber auch: Wer zu einer Beratung zu uns kommt, muss kein Gewerkschaftsmitglied sein. Das Konzept hat sich bewährt.

Interview: Pitt von Bebenburg

Die Bundesregierung hat inzwischen angekündigt, auch aufgrund der Corona-Pandemie gegen die Bedingungen in Schlachthöfen vorzugehen.

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