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Corona

Alles andere als harmlos: Das Coronavirus ist ein gefährlicher Alleskönner

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Das Coronavirus darf nicht unterschätzt werden. Noch sind viele Fragen offen, aber klar ist, dass Covid-19 weit mehr ist als eine Lungenkrankheit. 

  • Wissenschaftler: Coronavirus kann sich über Blutgefäße im gesamten Körper verbreiten
  • Coronavirus verbreitet sich schneller als beispielsweise die Grippe
  • WHO warnt vor zweiter Welle im Herbst

Seit Corona anfing, sich um den Globus zu verbreiten, hält sich hartnäckig das Gerücht, das Virus sei nicht gefährlicher als die Erreger der Grippe, eher sogar harmloser. Das hat viel mit dem oft milden Verlauf der Erkrankung zu tun – und noch mehr mit den im Netz kursierenden Videos vermeintlicher Experten, die solches behaupten. Doch diese Einschätzung ist falsch: Nahezu im Wochentakt wartet Sars-CoV-2 mit bösen Überraschungen auf.

Das neuartige Virus ist weit mehr als nur ein weiterer Erreger von Atemwegsinfekten, ein völlig anderes Kaliber als jene Coronaviren, die den Menschen zwar lästige, aber weitgehend harmlose Erkältungen bescheren. Anders auch als die Grippe kann Sars-CoV-2 viele Organe befallen und schädigen, nicht nur die oberen Atemwege und die Lunge, sondern ebenso das Herz, die Nieren, die Leber, den Darm, die Haut, die Augen, das Nervensystem. Wahrscheinlich kann es sogar das Gehirn erreichen und dort zu Entzündungen führen; Obduktionen von Corona-Toten sprechen dafür.

Coronavirus kann sich über Blutgefäße im gesamten Körper verbreiten und Entzündungsreaktionen provozieren

Herzschwäche und Herzversagen sind bereits auf das Konto des Virus gegangen; es vermag die Blutgerinnung zu stören und in der Folge Thrombosen zu verursachen, die sich losreißen, in die Lunge wandern und dort eine lebensgefährliche Embolie hervorrufen können. Entstehen Gerinnsel an den Herzkranzgefäßen oder Hirnarterien, drohen Herzinfarkt oder Schlaganfall. Sars-CoV-2 scheint eine Art Alleskönner im negativen Sinne zu sein. Über die Gründe dafür gibt es bislang nur wenige gesicherte Erkenntnisse.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass das Virus sich über die Blutgefäße im gesamten Körper verbreiten und eine schwere allgemeine Entzündungsreaktion provozieren kann. Den Weg in die verschiedenen Organe ebnet ihm das Enzym ACE2 – der Rezeptor, an den das Coronavirus auf der Oberfläche von Zellen bindet, um in ihr Inneres zu gelangen und sie zur Produktion weiterer Viren zu zwingen. Ein großer Vorteil für den Eindringling ist es, dass dieser spezielle Rezeptor nicht nur in großer Zahl auf den Lungenzellen sitzt, sondern auch in vielen anderen Organen und auf den Innenwänden der Gefäße zu finden ist.

Nicht gewiss, welche Spätfolgen das Coronavirus nach sich ziehen kann

Gewiss: Nur die wenigsten Patienten erkranken lebensbedrohlich. Manche merken gar nicht, dass sie sich angesteckt haben oder fühlen sich nur erkältet. Allerdings ist nicht dokumentiert, welche individuellen Beschwerden hinter den oft zitierten 80 Prozent „milden Verläufen“ stehen, was Menschen, die als „genesen“ gelten, im Einzelnen durchgemacht haben und welche Spätfolgen eine Infektion möglicherweise nach sich ziehen kann. So berichten ehemalige Covid-19-Patienten, die nicht in einer Klinik behandelt werden mussten, sie hätten sich noch nie so krank und schlapp gefühlt, zum Teil wochenlang. Und an der Uniklinik Innsbruck stellten Ärzte bei der Untersuchung von Tauchern nach überstandener Infektion enorme Lungenschäden fest, von denen man nicht weiß, ob sie reversibel sind.

Das zeigt, dass nicht nur „Risikogruppen“ schwer an Covid-19 erkranken können – auch wenn die Gefahr für sie natürlich wesentlich größer ist. Wobei: Als Risikogruppen gelten in diesem Fall Patienten mit geschwächtem Immunsystem und Vorerkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-, Lungen- oder Nierenleiden sowie ältere Menschen – Merkmale, die in den Industrieländern auf rund ein Viertel der Bevölkerung zutreffen.

Coronavirus: Der Erreger ist dem menschlichen Immunsystem völlig unbekannt 

Auch die Grippe kann schwer verlaufen, mit wochenlanger Abgeschlagenheit einhergehen, eine Herzmuskelentzündung nach sich ziehen und schlimmstenfalls tödlich enden. Als Krankheit wird sie von vielen Menschen vermutlich sogar unterschätzt. Allerdings werden Komplikationen oft nicht durch das Influenzavirus selbst verursacht, sondern durch Sekundärinfektionen, die dann häufig von Bakterien ausgehen. Bei Covid-19 hingegen leistet das Virus die verheerende Arbeit mit aller Wahrscheinlichkeit alleine.

Aber es gibt noch weitere Faktoren, die Sars-CoV-2 gefährlich machen: Der Erreger ist dem menschlichen Immunsystem völlig unbekannt. Das verlangt insbesondere der Abwehr erwachsener Menschen viel ab, da sie anders als bei Kindern das Lernen nicht mehr gewohnt ist. Weil es anders als bei der Grippe keine Impfung und keine Grundimmunität in der Bevölkerung gibt, kann sich das Virus zudem schneller ausbreiten als ein Erreger, mit dem sich schon viele Menschen auseinandersetzen mussten. Und leicht ausbreiten kann sich Sars-CoV-2 ohnehin: Das Virus ist hochansteckend, nicht nur über direkten Kontakt und Tröpfcheninfektion, sondern auch über die Luft, vor allem in geschlossenen Räumen. Dass Sars-CoV-2 bereits dann weitergegeben werden kann, wenn jemand noch gar keine Symptome einer Infektion verspürt, macht diesen Erreger besonders tückisch.

Übersterblichkeit aufgrund von Corona in Deutschland

Oft werden als Argument für eine vermeintlich größere Gefährlichkeit der Influenza die geschätzt 25.000 Grippetoten herangezogen, die es in der Saison 2017/2018 in Deutschland gab. An oder mit einer bestätigten Corona-Infektion waren bis Mittwochabend knapp 8200 Menschen in Deutschland gestorben. Doch dabei werden unterschiedliche Werte verglichen: Die Zahl der Grippetoten basiert auf statistischen Schätzungen des Robert Koch-Instituts auf Basis der Berechnung der Übersterblichkeit. Das heißt: 2017/2018 sind rund 25.000 Menschen mehr gestorben, als es die durchschnittliche Sterberate für diesen Zeitraum hätte erwarten lassen. Tatsächlich bestätigt wurde eine Influenzainfektion jedoch nur bei 1674 Verstorbenen.

Stichwort Übersterblichkeit: Laut Statistischem Bundesamt liegen die Sterbefallzahlen in Deutschland seit dem 23. März über dem Durchschnitt der jeweiligen Kalenderwochen der Jahre 2016 bis 2019. So lag die Abweichung gegenüber dem vierjährigen Durchschnitt in der 15. Kalenderwoche vom 6. bis 12. April zum Beispiel bei elf Prozent. Im europäischen Vergleich ist das allerdings wenig. In Italien, Frankreich oder Spanien war der Unterschied zu den Sterberaten früherer Jahre teils erheblich größer.

Weltgesundheitsorganisation warnt vor zweiter Welle im Herbst

Auch die verbreitete Annahme, wer an oder „mit“ Covid-19 stirbt, hätte ohnehin nicht mehr lange zu leben gehabt, stimmt in dieser Vereinfachung nicht. Schottische Wissenschaftler sind nach einer Auswertung der Daten von Corona-Toten aus Großbritannien zu dem Ergebnis gekommen, dass diese Menschen im Schnitt noch mehr als zehn Jahre zu leben gehabt hätten. Auch mit weit über 70 kann man noch viele Jahre vor sich haben und bei guter medizinischer Versorgung trotz chronischer Krankheit noch lange leben.

Fast überall in Europa sinkt die Zahl der Neuinfektionen seit Wochen, neben den verschiedenen Schritten zur Eindämmung der Pandemie könnte auch das Wetter eine Rolle spielen. Die Weltgesundheitsorganisation allerdings warnt vor einer zweiten Welle im Herbst, wenn auch die Grippe wieder im Anmarsch ist. Dann wären gleichzeitig zwei gefährliche Erreger im Umlauf.

Von Pamela Dörhöfer

Alle aktuellen Entwicklungen rund um das Coronavirus in Deutschland lesen Sie auch in unserem News-Ticker. 

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