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17 Millionen Nerze in dänischen Farmen müssen jetzt sterben.

Corona

Mutiertes Nerz-Coronavirus in Dänemark steckt Menschen an – Gemeinden werden abgeriegelt

  • vonThomas Borchert
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Ein verändertes Virus auf Nerzfarmen zwingt die Regierung in Kopenhagen dazu, zu handeln. Die Bevölkerung in Jütland wird isoliert.

  • In Dänemark breitet sich eine mutierte Form des Coronavirus aus.
  • Der Ursprung: dänische Nerzfarmen, die für den Pelzhandel genutzt werden.
  • Komplette Gemeinden sollen nun isoliert werden.

Eine zweite Corona-Pandemie, die jetzt statt von chinesischen Geflügelmärkten von Nerzkäfigen im Norden Dänemarks ausgeht? Damit die beängstigende Aussicht nicht Wirklichkeit wird, hat die Regierung in Kopenhagen am Donnerstag die weitgehende Isolierung der gesamten Bevölkerung im nördlichen Jütland verfügt.

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Weil dort bisher zwölf Menschen mit einer mutierten Variante von Covid-19 infiziert sind, sollen alle Bürgerinnen und Bürger in den kommenden vier Wochen ihren Heimatkreis nicht verlassen und müssen unter härteren Lockdownbedingungen leben als der Rest des Landes. Eine Ausbreitung der mutierten Virusform würde die Wirksamkeit der weltweit kurz vor dem Einsatz stehenden Impfstoffe gefährden.

Am Mittwoch hatte die Regierung die „Keulung“, also Tötung, aller 17 Millionen Nerze in den 1100 Nerzfarmen angeordnet. Die kleinen Tiere, ausschließlich zum Verkauf ihrer Pelze gezüchtet, können sowohl von Menschen mit Covid-19 angesteckt werden und umgekehrt Menschen infizieren. Ihre massenhafte Haltung in Käfigen auf engstem Raum erwies sich als ideal für die schnelle Ausbreitung des Virus und eben auch für Mutationen, dem Alptraum bei der Pandemiebekämpfung.

Neuer Nanopartikel-Impfstoff

Auch gegen mutierte Stämme von Sars-CoV-2 soll ein neuer Impfstoffkandidat wirken, an dem Forschende der University of Washington School of Medicine in Seattle arbeiten. Das Vakzin nutzt Nanopartikel als Transportmittel. Der Impfstoff selbst ahmt die molekulare Struktur des Coronavirus nach. Im Tierversuch mit Mäusen soll der Corona-Impfstoffkandidat nach Angaben des Forschungsteams in einer sehr geringen Dosis weitaus mehr neutralisierende Antikörper hervorgerufen haben als andere Vakzine, an denen gearbeitet wird. Auch ein Affe habe den Impfstoff bereits verabreicht bekommen. Er soll Antikörper produziert haben, die sich gegen verschiedene Stellen des Spike-Proteins auf der Virusoberfläche richten. Damit, so die Schlussfolgerung der Forschenden, könne die Schutzwirkung auch bei Mutationen erhalten bleiben. Zudem sei das Nanopartikel-Vakzin leicht herzustellen und ohne Aufbewahrung im Gefrierschrank stabil. Die weiteren klinischen Tests sollen nun zwei Firmen übernehmen. pam

„Wir können zu einem neuen Wuhan werden. Jetzt müssen wir darüber plötzlich bei der WHO Bericht erstatten und gehören damit zu einer ganz anderen Länderkategorie“, resümierte der Mikrobiologe Hans Jørn Kolmos in „Århus Stiftstidende“ und kritisierte die Regierung für ihr viel zu spätes Handeln.

Nerzfarmen in Dänemark: Mutierte Form des Coronavirus entdeckt

Dänemark ist nach einem schnellen und harten Lockdown im Frühjahr bisher glimpflich durch die Pandemie gekommen. Auch Regierungschefin Mette Frederiksen malt die Gefahren aus der nun wohl für immer in Dänemark beendeten Pelztierzucht als „extrem ernst“ in grellsten Farben aus: „Das hier kann Konsequenzen auf der ganzen Welt haben, wenn das mutierte Virus in andere Länder gelangt.“ Ihre Einsicht kommt spät.

Als im Oktober die rasant schnelle Ausbreitung von Corona in den Nerzfarmen bekannt wurde, verfügte die Regierung der Sozialdemokratin nur die „Keulung“ der Tiere in direkt betroffenen und benachbarten Nerzfarmen.

Dänemark: Mehrere Millionen Nerze sollen notgeschlachtet werden

Aber dabei waren eben auch die wirtschaftlichen Interessen beim weltweit größten Exporteur von Nerzpelzen nach China mit 10 000 Jobs zu beachten. Auch dass die als besonders grausam geltende Käfighaltung der Nerze in 15 europäischen Staaten schon verboten ist, hatte bisher keinen Eindruck bei den Regierenden in Dänemark hinterlassen. Erste Warnungen vor erhöhten Infektionszahlen im nördlichen Jütland rund um die Nerzfarmen der Kleinstadt Hjørring im Juni blieben deshalb ungehört.

Frederiksen verkündete die allzu späte Kehrtwende jetzt aus ihrer Küche bei einer digitalen Pressekonferenz. Wie die Hälfte ihrer Kabinettskolleginnen und -kollegen hat sie eine Covid-Infektion des Justizministers in die häusliche Isolation gezwungen. Sitzungen im Dänemarks Parlamentssitz „Borgen“ werden deshalb momentan abgesagt. (Von Thomas Borchert)

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