Ein Fahnenmeer auf der Corona-Demo vor dem Reichstag in Berlin.
+
Ein Fahnenmeer auf der Corona-Demo vor dem Reichstag in Berlin.

„Querdenker“

Corona-Demos in Berlin: Von Reichsflagge bis AfD - Eine Fahnenkunde

  • Katja Thorwarth
    vonKatja Thorwarth
    schließen

Auf den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen werden viele Fahnen geschwenkt. Wofür sie stehen, lesen Sie hier.

  • Auf den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen schließen sich unterschiedliche Gruppen zusammen.
  • Viele Fahnen werden symbolstiftend getragen.
  • Es sind Reichsflaggen ebenso wie Friedensfahnen.

Am vergangenen Wochenende (29.08.2020) gingen in Berlin Zehntausende Menschen auf die Straße, um vorgeblich gegen die Corona-Schutzmaßnahmen der Bundesrepublik zu demonstrieren. Viele trugen Fahnen mit sich, wie sie auch auf anderen Protestveranstaltungen als politische Symbole geschwenkt werden. Die FR gibt über die Fahnen und ihre Bedeutung einen Überblick:

Schwarz-Rot-Gold ist eigentlich eher Schwarz-Rot-Gelb: Die Deutschland-Fahne.

Fahne bei Corona-Demos: Deutschland-Fahne Schwarz-Rot-Gold

Die Deutschland-Fahne, die für gewöhnlich Schwarz-Rot-Gelb ist, wird zu allen möglichen Veranstaltungen verwendet. Als Hoheitszeichen und Staatssymbol ist sie bei Fußballspielen der deutschen Nationalmannschaft ebenso zu finden, wie auf Demonstrationen der rechtsextremen „Pegida“. Auf der „Querdenken-711“-Demonstration in Berlin kam sie vielfach zum Einsatz. Oft ist die Fahne an Slogans wie „Wir sind das Volk“ gekoppelt, die ursprünglich auf den Straßen der ehemaligen DDR gerufen wurden. Den Volksbezug haben sich zunächst Querfront-Gruppen auf den Mahnwachen 2014, dann „Pegida“ und schließlich „Querdenker“-Leute zu eigen gemacht.

Die Reichsflagge bestimmte auf der Corona-Demo in Berlin das Stadtbild.

Fahne bei Corona-Demos: Reichsflagge Schwarz-Weiß-Rot

Diese Farbkombination in horizontaler Streifenanordnung gibt es in mehreren Varianten. Die einfache schwarz-weiß-rote Fahne, die am 29.08.2020 in Berlin am häufigsten zu sehen war, ist die Reichsflagge. Sie war von 1871 bis 1919 die Flagge des Deutschen Reichs beziehungsweise ab 1892 die Nationalflagge des Kaiserreichs. Von 1933 bis 1935 stand sie ergänzt mit einem eisernen Kreuz kurzzeitig für Hitlers Nationalsozialismus, bis sie durch das Hakenkreuz ersetzt wurde. Die Schwarz-Weiß-Rote Fahne wird gerne von sogenannten „Reichsbürgern“ verwendet, die die jetzige Bundesrepublik im Kern ablehnen und ihr die Existenz absprechen.

Die Reichskriegsflagge, dauerpräsent auf Neonazi-Demos, wurde auch auf diversen Corona-Demos gesichtet.

Fahne bei Corona-Demos: Reichskriegsflagge Weiß-Schwarz-Rot

Auf weißem Stoff findet sich ein schwarzes Kreuz, in der Mitte rund eingefasst ein Adler. Das obere Rechteck ist mit den Farben der Reichsflagge ausgefüllt, in der Mitte prangt das eiserne Kreuz. Diese Kaiserliche Kriegsflagge war bis 1892 die offizielle Kriegsflagge der Marine, dann als Reichskriegsflagge bis 1921 Symbol der deutschen Streitkräfte. Die Reichskriegsflagge wurde bereits in der Weimarer Republik von rechtsextremen Organisationen als Symbol benutzt. Heute wird sie insbesondere bei Aufmärschen von Neonazis geschwenkt, ebenso am 29. August auf den Straßen von Berlin.

Fahne bei Corona-Demos: Wirmer-Flagge Rot-Gelb-Schwarz

Die Wirmer-Flagge hat als „Pegida“-Fahne größere Bekanntheit erlangt.

Auf rotem Grund liegt horizontal ein gelb eingefasstes schwarzes Kreuz. Ursprünglich handelt es sich um die „Flagge des Deutschen Widerstands 20. Juli“ mit dem Bezug auf Graf von Stauffenbergs Hitler-Attentat am 20. Juli 1944. Josef Wirmer hatte die Flagge entworfen und wollte sie als Nachfolgefahne des Hakenkreuzes im Fall einer Machtübernahme eingesetzt wissen. Der Parlamentarische Rat 1948 lehnte die Fahne als Staatssymbol schließlich ab. Erst 1999 diente sie schließlich als Symbol des neonazistischen „Deutschen Kollegs“, dem auch der Neonazi Horst Mahler angehörte. Durch ihn, der 2003 die Verkündung der „Reichsbürgerbewegung“ veröffentlichte, wurde die Fahne bei den „Reichsbürgern“ populär und wird seitdem von rechtsextremen Gruppen verwendet. Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde sie als „Pegida“-Fahne, doch auch auf der Corona-Demonstration in Berlin war sie mehrfach zu sehen.

Fahne bei Corona-Demos: QAnon auf Schwarz-Weiß-Rot

Ein Q und Trump auf der Reichsflagge: Teilnehmer*innen der Corona-Demo in Berlin.

Die Farben der Reichsflagge als Grundlage, prangt auf dieser häufig in Berlin gesehenen Fahne mittig ein großes Q, umrahmt mit Bildern von Donald Trump. Hier wird der deutsche Reichsbürgergedanke, die Existenz der Bundesrepublik zu negieren, an US-Verschwörungstheorien der Gruppe QAnon gekoppelt. QAnon begreifen die sogenannte Elite als das Böse; bekannt ist die Erzählung, Kinder würden von einem Eliten-Ring entführt, sexuell ausgebeutet und deren Blut getrunken. In Trump sehen sie den potenziellen Retter.

Fahne bei Corona-Demos: PACE-Fahne Regenbogen, eigentlich von lila nach rot

Die Friedensfahne wird häufig auf den sogenannten Corona-Demos geschwenkt. Diese hier ist allerdings von den Farben her keine. Immerhin steht Peace darauf.

Die Fahne der internationalen Friedensbewegung, PACE-Bewegung, wurde erstmals 1961 in Italien bei einem Friedensmarsch verwendet. Die Farbpalette reicht in sieben Farben ursprünglich von oben lila bis unten rot, mittig prangt der Schriftzug PACE. Spätestens seit 2003 im Zuge des Irak-Kriegs wird sie europaweit mit dem Friedensschriftzug in den verschiedenen Sprachen verwendet. Sie ist ein wichtiges Symbol der Nato-Gegner*innen, wird aber vielfältig eingesetzt. Auf der Demonstration gegen Corona-Maßnahmen in Berlin kam sie zum Einsatz - allerdings mit der umgekehrten Farbpalette von rot nach lila und mit einer Farbe weniger. Der im Bild gezeigte Regenbogen steht eigentlich für die LGBT-Bewegung und hat auch nur sechs Farben. Vermutlich ein Versehen.

Fahne bei Corona-Demos: Russland-Fahne Weiß-Blau-Rot

Die Russland-Fahne wird häufig auf rechtsextremen Märschen wie bspw. bei „Pegida“ getragen. Auch in Berlin bei der Corona-Demo.

Die Trikolore wurde erstmals 1896 auf russischen Handels- und Kriegsschiffen verwendet. Seit dem Sturz der Sowjetunion 1991 ist sie das Staatssymbol Russlands. Diese Fahne wird häufig auf rechten Veranstaltungen geschwenkt, da Putin von Seiten rechtsextremer Strömungen Bewunderung erfährt. So war die russische Trikolore häufig bei „Pegida“ zu sehen. Nur in diesem Zusammenhang ist ihre Existenz auf den Demos in Berlin zu verstehen, da in Putins Russland die Corona-Schutzmaßnahmen in Teilen drastischer ausgefallen sind als in Deutschland.

Fahne bei Corona-Demos: Königreich Preußen Weiß-Schwarz

Die Fahne des Königreichs Preußen ist bei „Reichsbürgern“ beliebt.

Auf weißem Grund prangt ein Adler mit einer Krone, der in einer Kralle ein Zepter und in der anderen einen Reichsapfel hält. In der oberen Ecke prangt ein schwarzes Eisernes Kreuz. Diese Flagge hatte von 1701 bis 1750 ihre Gültigkeit im Königreich Preußen und dürfte diversen Reichsbürgern als Symbol dienen, wobei mehrere Fahnen der verschiedenen Stadien des Königreichs im Umlauf sind. Immerhin existiert eine Gruppe „Freistaat Preußen“ in Brandenburg, die ihren „Freistaat“ als souverän behauptet. Dieser oder ähnliche Adler sind häufig auch auf Fahnen mit Grün-weißem Grund zu sehen und werden von „Reichsbürgern“ getragen.

Fahne bei Corona-Demos: AfD Blau-Rot-Weiß

Beispiel für eine AfD-Fahne, wie sie auch in Berlin auf der corona-Demo zu sehen war. Hier mit Dirk Nockermann (AfD HH).

Über hellblauen Grund zieht sich der weiße Schriftzug „Alternative für Deutschland“, wobei die „Alternative“ größer gedruckt ist. Unterlegt ist der Text mit einem roten Pfeil, der phallisch von links nach rechts oben schießt. Die AfD-Fahne wird überall dort geschwenkt, wo rechte und rechtsextreme Gruppierungen zusammenkommen. Also auch bei „Pegida“, auf Demonstrationen gegen Geflüchtete und in Berlin auf dem Protest gegen Corona-Maßnahmen. (Von Katja Thorwarth)

Übrigens: Laut Verfassungsschutz waren Rechtsextreme bei 90 Corona-Demos Wortführer

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare