Adrienne Goehler ist freie Kuratorin und Autorin, Theoretikerin und Aktivistin für das Bedingungslose Grundeinkommen.
+
Adrienne Goehler ist freie Kuratorin und Autorin, Theoretikerin und Aktivistin für das Bedingungslose Grundeinkommen.

Nicht nur in der Corona-Krise

Bedingungsloses Grundauskommen: „Wir schaffen’s nicht mehr mit dem alten Quatsch“

  • Bascha Mika
    vonBascha Mika
    schließen

Aktivistin Adrienne Goehler wirbt für ein Grundauskommen – nicht nur in der Corona-Krise.

Adrienne Goehler ist freie Kuratorin und Autorin, Theoretikerin und Aktivistin für das Bedingungslose Grundeinkommen. Seit 2018 ist sie Fellow am Institute for Advanced Sustainability Studies | IASS Potsdam. Sie hat das Buch „Nachhaltigkeit braucht Entschleunigung braucht Grundein/auskommen“ herausgegeben es ist im März 2020 im Parthas Verlag Berlin erschienen.

Petition für bedingungsloses Grundeinkommen: Coronavirus sei Dank?

Gerade jetzt, zu Beginn unseres Gesprächs, haben bereits 361.430 Menschen die Petition für ein bedingungsloses Grundeinkommen unterzeichnet. Corona sei Dank, Frau Goehler?

Das ist sensationell, die richtige Idee zur richtigen Zeit. Alles spricht dafür, das Modell jetzt auszuprobieren. Wir gewinnen Zeit, stärken die Kaufkraft und setzen Menschen in den Stand, Teil der Lösung und nicht Teil des Problems zu sein. Wenn wir die Krise zu einer Veränderung der Wahrnehmung nutzen, hat sie uns nicht im Würgegriff.

Klingt nach Krise als Chance …

Was wir brauchen ist Empathie, ist Bezogenheit, ist Kunst. Werte. Gerade hält die AfD mal die Klappe, weil ihr die Lage wohl doch zu heikel ist. Aber wir haben sehr viel Unzufriedenheit und ausbeutbare Angst in der Gesellschaft. Wer sein Grundeinkommen hat, hat weniger Angst und ist für rechtes Gedankengut seltener anfällig.

Kann sich aber nicht mehr, was hierzulande so wichtig ist, über Arbeit definieren.

Ein Grundeinkommen ist ja kein Arbeitsverbot. Im Gegenteil. Ich kenne so viele Menschen, die sofort eine sinnstiftende Arbeit machen würden, wenn sie trotzdem ihr Auskommen hätten.

Dorf in Namibia testete das Grundeinkommen

Der Arbeitsbegriff würde sich verändern?

Genau. Ich denke, es würde stärker um Innovation gehen. Ich habe das Dorf in Namibia besucht, in dem das Grundeinkommen getestet wurde. Alle Menschen haben gearbeitet, es sind zum Teil neue Berufe erfunden worden. So etwas wie eine Tagesmutter gab es vorher nicht. Es wurden gemeinschaftliche Formen von Beschäftigung entwickelt – was wir in Corona-Zeiten auch bei uns gerade zurückgewinnen. Plötzlich gibt es wieder Nachbarn, denen wir helfen können.

Arbeit hätte dann einen ganz anderen Stellenwert.

Bezahlte Erwerbsarbeit hätte einen deutlich anderen Stellenwert und wir würden ganz sicher mehr darauf achten, das Verhältnis von bezahlter und unbezahlter, aber gesellschaftlich höchst notwendiger Arbeit anders zu gewichten. Die unbezahlte Arbeit übersteigt die bezahlte um viele Milliarden Stunden

Auf dem Laufenden bleiben:

Die neuesten Entwicklungen zur Corona-Pandemie und anderen wichtigen Themen einmal täglich direkt aus der FR-Redaktion per Mail – kostenlos.

Jetzt hier den Newsletter abonnieren.

Und wird von Frauen geleistet …

Vielleicht wird diese Arbeit – Kinderbetreuung, Altenpflege, alles, was unser soziales Gefüge stützt – unter den jetzigen Bedingungen endlich mal als systemrelevant erkannt. Vielleicht schaffen wir jetzt endlich, den Blickwinkel zu verändern …

… und Leistung anders zu denken?

Ich verstehe, dass deutsche Ökonomen Schluckauf kriegen bei der Vorstellung, dass nicht jeder Cent hart erarbeitet ist, sondern dass man mit einem Vertrauensvorschuss arbeitet. In einem Hochleistungsland wie unserem, in dem die Traumata der beiden Weltkriege immer durch Arbeit kompensiert wurden, ist das eine harte Nuss. Für den Zustand unserer Gesellschaft aber ist es unerlässlich, genau über solche Modelle nachzudenken. Wir schaffen’s nicht mehr mit den alten Modellen, die uns gerade an den Abgrund bringen! Wir müssen Corona und Klimawandel und die Angst der Menschen, ins Nichts zu stürzen, zusammendenken.

Wir brauchen als Menschenrecht ein Grundauskommen – fordert Adrienne Goehler

Finanzminister Scholz plant ein Hilfspaket für Solo-Selbstständige und Kleinstunternehmer. Ist das eine Alternative?

Ich denke nicht, denn diese Hilfe wird wieder mit bürokratischen Hürden verbunden sein. Das Bestechende am Grundeinkommen ist, dass es keine Beweislage geben muss.

Aber auch dafür braucht es eine Infrastruktur.

Das halte ich für sekundär und lässt sich über die Finanzämter regeln. Der entscheidende Punkt ist, dass niemand darüber entscheiden muss, ob ich bedürftig bin. Denn das bläht die Bürokratie wahnsinnig auf, wie wir an Hartz IV sehen.

Eigentlich soll unser Sozialsystem Sicherheit vermitteln und das Selbstwertgefühl stärken. Spätestens seit Hartz IV ist das Gegenteil der Fall.

Der Sozialstaat Bismarck’scher Prägung ist völlig erodiert, schon weil ihm das historische Gegenüber abhandengekommen ist: Der lebenslang beschäftigte, männliche Ernährer der Familie. Der ist nur noch Fiktion.

Stattdessen denkt Olaf Scholz darüber nach, Hartz IV auszuweiten und Selbstständigen den Zugang zu erleichtern …

Hartz IV für weitere Gruppen? Wir wissen doch wie unwürdig das System ist, allein schon durch die Abhängigkeit vom einzelnen Sachbearbeiter*in im Jobcenter. Das ist ein Bündnis der Ohnmacht, das durch eine Ausweitung nicht besser wird. Hartz IV ist das Gegenteil von würdevoller Existenz. Wie sagte es Einstein so schön: Wir können die Probleme nicht mit denselben Mitteln lösen, die sie uns eingebrockt haben. Deshalb brauchen wir als Menschenrecht ein Grundauskommen.

Grundauskommen?

Ja, für mich schwingt da noch mehr mit als bei dem Begriff Einkommen. Das Auskommen ist nicht unmittelbar mit Leistung verknüpft. Wir müssen über die Höhe sprechen, wir müssen über vieles verhandeln. Aber das wird nicht am Kabinettstisch entschieden, das ist eine Bewegung von unten, wie wir gerade beobachten können.

In der Petition heißt es: „Es ist unser gemeinsames Geld.“

Genau, schließlich sind wir die Steuerzahler*innen. Offenbar ist es immer mal wieder nötig darauf hinzuweisen: Liebe Regierung, das ist nicht euer Geld, wovon ihr uns vielleicht etwas abgebt, wenn wir nett sind. Es ist unser Geld und wir wollen stärker mitentscheiden, wie es ausgegeben wird. Wir müssen den Sozialstaat neu denken. Die bisherigen Ausreden – das geht nicht und ist zu teuer – die gelten nicht mehr.

Wenn alle 1000 Euro bekommen würden, kostet das den Staat 80 Milliarden pro Monat. Kritiker bemängeln das Gießkannenprinzip, Geld sollten nur die wirklich Bedürftigen bekommen.

Dann gibt es wieder eine Gruppe von Menschen, die darüber entscheidet, ob ich es Wert bin, ob ich tatsächlich bedürftig bin. Die ersten 1000 Euro sollen für alle da sein. Ich werde immer wieder gefragt, ob auch ein Spitzenmanager das Grundeinkommen bekommen soll. Selbstverständlich! Aber es wird ihm dann über die Steuer wieder abgezogen.

Adrienne Goehler: „Die Grundrente ist nicht mehr als ein kleiner Korridor“

Was unterscheidet das bedingungslose Grundeinkommen vom Helikoptergeld für Privathaushalte, das in den USA diskutiert wird?

Schon das Bild ist verräterisch. Jemand von oben schmeißt das Geld runter und Du kannst dann gucken, was Du damit machst. Grundein- oder auskommen hingegen ist eine Entscheidung, ist ein Menschenrecht, ist Gestaltung- und Möglichkeitsraum.

Wenn wir an die elende Debatte über die Bedürftigkeitsprüfung bei der Grundrente denken – wie soll dann ein bedingungsloses Grundeinkommen durchsetzbar sein?

Die Grundrente ist nicht mehr als ein kleiner Korridor. 35 Jahre Arbeit, wer erreicht das schon? Wie viele haben zwischendurch in der Erwerbslosigkeit gehangen? Wie viele Mütter kommen auf so viele Jahre?

In der Petition wird das Grundeinkommen nur für ein halbes Jahr gefordert.

Ich finde absolut richtig, dies als eine Testphase und als einen kollektiven Erprobungsprozess zu verstehen. Aber auch jenseits von Corona ist das bedingungslose Grundeinkommen das richtige Zukunftskonzept. Denken wir nur daran, wie viele Arbeitsplätze durch die Digitalisierung verloren gehen werden, vor allem auch die von Frauen. Wir müssen ihnen ein Auskommen ermöglichen.

Alles sieht danach aus, als würde unser soziales Leben nach Corona nicht mehr dasselbe sein.

Weil wir so nicht mehr weitermachen können. Wir haben einen Sack voll Aufgaben. Wie ist das zum Beispiel mit dem Zusammenhang von Corona und Klimafragen? Das müssen wir zusammen denken und daraus lernen. Und zwar nicht wahnsinnig atemlos, weil der nächste Antrag gestellt werden muss. Wenn wir unter den alten Bedingungen weiterleben, können wir nicht verhindern, dass der Planet uns ausspuckt und ohne uns weiterexistiert. Um zu der wichtigen ökologischen Transformation beitragen zu können, müssen wir die Möglichkeit kriegen, ein Leben führen können, das nachhaltig und entschleunigt ist. Und das geht am besten mit einem Grundeinkommen. Jawoll! Und jetzt am Ende des Interviews sind die Unterschriften bei 362 513!!!

Interview: Bascha Mika

Ist das bedingungslose Grundeinkommen ein neues Grundrecht? Das meint der Philosoph und Wirtschaftswissenschaftler Philip Kovce. Seine Gründe pro Grundeinkommen nennt er im Interview.

Die Regierung in Helsinki beendet nach zwei Jahren den vielbeachteten Versuch in Sachen Bedingungsloses Grundeinkommen in Finnland, obwohl die Ergebnisse noch nicht ausgewertet sind – Ein Gastbeitrag von Christoph Butterwegge. 

Zudem fordert eine Petition in der Coronakrise bedingungsloses Grundeinkommen. Die Zahl der Unterschriften wächst rapide.

In Zeiten von Corona werden Forderungen nach einem Bedingungslosen Grundeinkommen laut. Das denken CDU/CSU, SPD, Grüne, FDP und die Linke darüber.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare