Frank Ulrich Montgomery ist Vorstandsvorsitzender des Weltärztebundes, Präsident des Ständigen Ausschuss der Ärzte der EU und Ehrenpräsident der Bundesärztekammer.
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Frank Ulrich Montgomery ist Vorstandsvorsitzender des Weltärztebundes, Präsident des Ständigen Ausschuss der Ärzte der EU und Ehrenpräsident der Bundesärztekammer.

Frank Ulrich Montgomery

Ausgangssperre wegen Corona: „Wie lange lassen sich die Bürger das gefallen?“

  • Katja Thorwarth
    vonKatja Thorwarth
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Der Weltärztepräsident Montgomery spricht im Interview über die Coronavirus-Pandemie, Ausgangssperren in Deutschland und Grenzschließungen.

Herr Montgomery, in anderen Ländern gibt es ihn schon, in Deutschland wird vielleicht demnächst der Lockdown verhängt. Halten Sie das für eine angemessene Maßnahme? 

Ausgangssperren müssen die ultima ratio der Politik bleiben, wenn alle Methoden der Aufklärung und Information der Bevölkerung nicht gegriffen haben. Drei Probleme sehe ich: 1) Ihre Durchsetzung: Gibt’s jetzt Knöllchen von der Polizei fürs Spazierengehen? 2) Ihre Dauer: Was wird denn in 30 Tagen so fundamental anders sein, dass man auf sie verzichten kann? 3) Wie kommt man aus dem Lockdown wieder raus? Und wie lange lassen sich die Bürger das gefallen?

Und wie sieht es mit den Grenzschließungen aus? 

Das Virus ist bereits da – es muss nicht erst noch kommen. Was bringen da Grenzschließungen? Jeder EU-Bürger hat sowieso das Recht, in die EU einzureisen. Und unsere inneren EU-Grenzen sind doch löchrig wie ein Schweizer Käse. Statt Ressourcen und Menschen auf die Bewachung der Grenzen zu verschwenden, sollten wir alle Kraft auf die Bekämpfung des Virus im Inneren legen.

Frank Ulrich Montgomery zum Coronavirus: „Unvernunft vieler ist erschreckend“

Coronavirus: Frank Ulrich Montgomery kritisiert eine erschreckende Unvernunft der Menschen.

Ist es nicht ein Problem, dass viele Leute nicht zuhause bleiben? 

Ja, die Unvernunft vieler Menschen ist schon erschreckend. Ich setze da auf mehr Aufklärung und Vernunft in der Bevölkerung. Die muss man aber in einer zunehmend hedonistischen und selbstverliebten Gesellschaft auch aktiv angehen. Dazu reichen nicht wissenschaftliche Information, journalistische Perfektion und politische Propagation. Vielmehr müssen wir Formate finden, mit denen wir junge und alte Menschen erreichen, alle Bildungsniveaus abdecken und Nachhaltigkeit erzielen. Dabei waren wir bisher erfolglos: An vielen Menschen gehen unsere wohlmeinenden und wohlklingenden Informationen resonanzlos vorüber.

Es heißt oft, in Deutschland würden nur wenige Leute auf den Coronavirus getestet. Wie sinnvoll sind unter diesem Gesichtspunkt die Maßnahmen der Bundesregierung? 

Kein Land der Welt testet so viel und so intensiv wie Deutschland. Wir arbeiten hier am Rande der technischen Kapazitäten. Deswegen haben wir auch einen vergleichsweise guten Überblick über die Situation. Und die bisherigen Maßnahmen der Bundesregierung greifen ja auch und haben uns die niedrigste Letalitätsrate in der EU beschert. Das sollten wir anerkennen.

Man kann ja davon ausgehen, dass viele Menschen trotz aktueller Maßnahmen das Virus in sich tragen und andere anstecken (bspw. im Supermarkt), weil sie von ihrer Infektion nichts wissen ... 

Das stimmt – und deswegen ist jeder von uns gefordert, sich entsprechend zu verhalten. Wir erleben neben viel Solidarität auch eine beispiellose Nonchalance und Respektlosigkeit gegenüber öffentlichen Hinweisen und Empfehlungen. Das Ich regiert, das Wir verliert. Bis heute ist es uns nicht gelungen, den Menschen klar zu machen, dass es in der Corona-Krise nicht nur um den Schutz jedes Einzelnen geht sondern um den Schutz der Schwachen und der Gesellschaft als Ganzes. Gröhlende Fußballfans und singende Kneipensäufer sind nicht nur unappetitlich, sie sind auch im höchsten Maße unsolidarisch. Und deswegen werden vielleicht am Ende Ausgangssperren doch unumgänglich…

Frank Ulrich Montgomery zum Coronavirus: „Neuer Virustyp“

Der ehemalige SPD-Politiker und Arzt Wolfgang Wodarg behauptet vielbeachtet, dass es Coronaviren schon immer gegeben habe und diese nicht schlimmer seien als gewöhnliche Grippeviren. Was entgegnen Sie ihm? 

Coronaviren hat es in der Tat immer gegeben, aber auch dem Kollegen Wodarg dürfte nicht entgangen sein, dass wir es hier mit einem neuen Virustyp zu tun haben gegen den wir in unserem immunologischen Gedächtnis keinerlei Abwehr haben. Und es widerspricht ärztlichem Ethos, Menschen einfach sterben zu lassen, weil es das früher auch schon gegeben hat. Insofern entsetzen mich die utilitaristischen, unärztlichen Bemerkungen des Kollegen Wodarg.

Was sind die sinnvollsten Maßnahmen? 

Drei Maßnahmen sind besonders wichtig: 1) Abstand, 2) Abstand und 3) Abstand. Wir müssen auf freiwilliger Basis infektionsträchtige Kontakte einstellen. Wir selbst haben ganz viel in der Hand, wie sich der Verlauf der Viruskrankheit entwickelt. Und daneben müssen wir die Kapazitäten für die Erkrankten vorhalten und ausbauen. Wir müssen informieren und Panik vermeiden – dazu nämlich gibt es keinen Grund, wenn wir uns alle nur vernünftig verhalten.

Von Katja Thorwarth

Immer mehr Coronavirus-Infektionen werden auf der ganzen Welt gemeldet - auch in Deutschland. Doch was sind die Symptome der Lungenkrankheit? Das Robert-Koch-Institut warnt in der Coronakrise vor „bis zu zehn Millionen Infizierten“ in Deutschland. Derweil verhängt Bayern eine Ausgangssperre. Weltweit steigt die Zahl der Infizierten - mit politischen Folgen: Die Türkei schließt wegen dem Coronavirus Sars-CoV-2 seine Grenzen zu Griechenland und Bulgarien.

Vielen reichen freiwillige Einschränkungen nicht. Doch was bringen schärfere Verordnungen? Der FR-Leitartikel zu möglichen Ausgangssperren im Kampf gegen die Corona-Pandemie.

Im Interview: Der Philosoph Jürgen Habermas über den aktuellen Zwang in der Corona-Krise, unter Unsicherheit handeln und leben zu müssen, und über seine frühe Impfung gegen den Sog von Nietzsches Prosa.

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