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Corona wirkt bei Kindern nach

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Von: Tatjana Coerschulte

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Zwei Pandemie-Jahre fast ohne Kita und Schule haben viele Kinder leiser werden lassen.
Zwei Pandemie-Jahre fast ohne Kita und Schule haben viele Kinder leiser werden lassen. © Imago

Langzeiteffekt: Jugendhilfe und Medizin stellen hohen Bedarf an therapeutischer Hilfe fest

Die Lockdowns sind vorbei, aber die psychische Belastung durch Corona bleibt: Auch nach dem Ende der meisten Einschränkungen stellen medizinische Einrichtungen bei Kindern und Jugendlichen einen hohen Bedarf an psychotherapeutischer und psychiatrischer Hilfe fest. „Wir sehen eine Zunahme an Diagnosen wie Depressionen, Angst- und Essstörungen“, sagt Katharina Bühren, Ärztliche Direktorin am kbo-Heckscher-Klinikum für Kinder- und Jugendpsychiatrie in München. Zudem kämen mehr Kinder und Jugendliche als Notfälle, oft in suizidalen Krisen. Auch darin zeigten sich Nachwirkungen der Pandemie, sagt die Psychiaterin.

Und diese Nachwirkungen werden selbst in einem reichen Land wie Deutschland kaum bewältigt: Es mangelt an Fachmediziner:innen und Therapeut:innen, sodass lange Wartezeiten entstehen, und es fehlt an einer Vernetzung der Hilfsangebote. Das wurde bei einer Veranstaltung des Vereins SOS-Kinderdorf zum Tag der Kinderrechte am diesem Sonntag deutlich, bei der Katharina Bühren ihre Erfahrungen schilderte. Deutschland ist Unterzeichner der UN-Kinderrechtskonvention, die fundamentale Rechte von Kindern festschreibt. Dazu zählt das Grundrecht auf Gesundheit, was mentales Wohlbefinden einschließt.

Wie ein Brennglas habe Corona die großen Unterschiede in der sozioökonomischen Situation von Familien in Deutschland gezeigt und dass benachteiligte Gruppen es schwerer haben, an gesundheitsfördernden Maßnahmen teilzuhaben, sagte Bühren. Die kinderärztliche und psychiatrische Versorgung für Kinder und Jugendliche sei unzureichend. Wenn ein zehnjähriges Kind ein halbes Jahr auf eine Psychotherapie warten müsse, dann sei dies im Verhältnis zu seinem Lebensalter ein zu großer Verzug in seiner Entwicklung.

Wie etwa eine Depression ohne Hilfe zum Teufelskreis werden kann, schilderte die 19-jährige Vanessa, die in einem SOS-Kinderdorf in der Pfalz lebt. Wer mit Grippe beim Hausarzt anrufe, erhalte innerhalb von Tagen einen Termin, sagte sie. Wer aber wegen Depressionen bei einem Therapeuten anrufe, der bekomme zu hören: „Rufen Sie Mitte 2023 noch mal an.“ Bis dahin könne sich aber die typische Spirale aus Teilnahmslosigkeit und dem damit einhergehenden Verlust sozialer Kontakte immer schneller drehen. Die 19-Jährige betonte, dass es ein großes Defizit an Therapieplätzen für Kassenpatient:innen gebe und in ländlichen Gebieten die Versorgung schlecht sei.

In Ballungsräumen schrecken dagegen die hohen Lebenshaltungskosten viele Fachkräfte ab, was Personalengpässe verschärft. Darauf wies die Ärztliche Direktorin Bühren hin.

In Großstädten würden sich Einrichtungen gegenseitig Fachleute abwerben, sagte sie. Abhilfe könnten neue Wege bei der Personalgewinnung wie über Social Media, Info-Veranstaltungen in Universitäten und über Weiterbildungen sein. Allerdings sei mehr Personal nicht die einzige Lösung: „Man muss passgenau schauen: Wer braucht was?“ Nicht immer sei eine Therapie nötig, manchen Kindern und Jugendlichen helfe etwa eine Jugendgruppe mit Sportangebot. Deswegen sei eine bessere Vernetzung der Jugendhilfe wichtig.

Eine positive Entwicklung machte Sabina Schutter aus, Vorsitzende des Vereins SOS-Kinderdorf. Bei ihren Besuchen in den 38 Standorten stelle sie fest, dass viele Kinder und Jugendliche offen darüber sprächen, dass sie psychologische Hilfe wünschten. „Wir setzen uns ein für ein selbstbestimmtes Recht auf Therapie“, sagte Schutter – das entspräche aber nicht immer dem Wunsch der Eltern. Sie appellierte, das Bewusstsein etwa von Erzieher:innen und Lehrer:innen zu schärfen, dass Kinder und Jugendliche Belastungen mitbringen könnten, und das Umfeld zu schulen, um Anzeichen zu erkennen.

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