Soll ein Ausgangsverbot nur für Risikogruppen gelten?
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Soll ein Ausgangsverbot nur für Risikogruppen gelten?

„Great-Barrington-Erklärung“

Corona und die Herdenimmunität: Experten raten, nur die Schwächsten „gezielt zu schützen“

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Epidemie-Fachleute sammeln im Netz Unterschriften für ihre Idee der Entwicklung von Herdenimmunität und des „gezielten Schutzes“ im Kampf gegen Corona.

  • Die „Great-Barrington-Erklärung“ wendet sich gegen die strikten bevölkerungsweiten Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie.
  • Es wird sich für den „gezielten Schutz“ besonders gefährderter Bevölkerungsschichten vor dem Virus Sars-CoV-2 ausgesprochen.
  • Nicht bei allen Experten stößt diese Strategie im Kampf gegen Corona auf Zustimmung.

Seit Beginn der Corona-Pandemie gibt es immer wieder Stimmen, die sich für das Erreichen einer Herdenimmunität als den besten Weg zur Beendigung der weltweiten Ausnahmesituation aussprechen. Doch dieser Gedanke wurde stets von anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und auch von den meisten politisch Verantwortlichen verworfen. Nun bringen zwei Epidemiologen aus den USA und eine Epidemiologin aus Großbritannien das Thema erneut auf.

In einem offenen Brief mit dem Titel „Great-Barrington-Erklärung wenden sie sich gegen die strikten bevölkerungsweiten Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie und empfehlen stattdessen einen „gezielten Schutz“ (im Original: „Focused Protection“), der dem Großteil der Menschen eine Rückkehr zum normalen Leben ermöglichen soll.

Entwicklung von Corona in Deutschland

Menschen mit Grunderkrankungen sollen gegen Corona abgeschirmt werden

„Gezielter Schutz“ bedeutet in diesem Fall, dass die stärker gefährdeten älteren Menschen und Menschen mit bestimmten Grunderkrankungen abgeschirmt werden müssen. Verfasst haben die „Great Barrington Erklärung“ Sunetra Gupta von der Universität Oxford (Großbritannien), Jay Bhattacharya von der Universität Stanford und Martin Kulldorff von der Universität Harvard (beide USA). Für ihre Strategie sammeln sie online weitere Unterschriften. Stand Sonntagmittag hatten die „Great-Barrington-Erklärung“ rund 7700 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, 18 000 praktizierende Ärztinnen und Ärzte sowie 290 000 Bürgerinnen und Bürger aus der restlichen Bevölkerung unterzeichnet; viele von ihnen stammen aus Großbritannien und den USA.

Die drei Verfasser argumentieren damit, dass die „derzeitige Lockdownpolitik“ kurz- und langfristig „verheerende Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit“ habe. Als Beispiele führen sie „niedrigere Impfraten bei Kindern, schlechtere Verläufe bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, weniger Krebsvorsorgeuntersuchungen und eine Verschlechterung der psychischen Verfassung“ auf. All das werde in den kommenden Jahren zu einer „erhöhten Übersterblichkeit“ führen.

Corona: Die Isolierung der Schwachen wird kritisch gesehen

Am stärksten betroffen seien die „Unterprivilegierten“ und junge Menschen. Die strikten Maßnahmen beizubehalten, bis ein Impfstoff zur Verfügung stehe, werde „irreparablen Schaden“ verursachen, prognostizieren Gupta, Bhattacharya und Kulldorff. „Unser Ziel sollte daher sein, die Mortalität und den sozialen Schaden zu minimieren, bis wir eine Herdenimmunität erreichen.“ Das soll geschehen, indem jene, „die ein minimales Sterberisiko“ durch Covid-19 haben, ab sofort wieder ihr früheres Leben ohne jegliche Einschränkungen aufnehmen, während „alte und gebrechliche Menschen“ geschützt werden. Funktionieren soll das unter anderem, indem in Pflegeheimen Personal mit erworbener Immunität eingesetzt werde und Besucher von außen häufig getestet würden. Ältere Menschen, die zu Hause wohnten, sollten sich „Lebensmittel und andere wichtige Dinge“ dorthin liefern lassen.

Unabhängig, wie man den „gezielten Schutz“ oder, unfreundlicher ausgedrückt, die Isolierung der Schwachen ethisch bewertet, wird das Konzept der Herdenimmunität von anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern kritisch gesehen. So zitiert das Medizinportal „DocCheck“ die Organisation „Independent Sage“ – eine Gruppe von Fachleuten, die sich für Transparenz in der Forschung und unabhängige Empfehlungen zu Corona einsetzt – mit der Warnung, dass eine Herdenimmunität ohne Impfung mit „immensen Risiken“ verbunden sei – und das nicht nur für gefährdete Gruppen, sondern auch für den Rest der Bevölkerung.

„Das ist eine sehr schlechte Idee“, sagt Michael Head, der an der Universität Southampton zu globaler Gesundheit forscht, gegenüber dem Science Media Center (SMC) zu dem Vorschlag, nur die Verwundbaren zu schützen. Dieses Konzept werde die Ungleichheit in der Gesellschaft vorantreiben und ignoriere überdies die Tatsache, dass viele Menschen, auch jüngere, mit längerfristigen Folgen einer Covid-19-Erkrankung zu kämpfen hätten. Auch gibt Head zu bedenken, dass etwa in Großbritannien zwischen 20 und 30 Prozent der Bevölkerung als Risikogruppe eingeschätzt und entsprechend geschützt werden müsste.

Herdenimmunität gegen Coronavirus: „Wunschdenken“

Stephen Griffin, Mediziner von der Universität Leeds, stellt die Frage: „Wie um alles in der Welt sollen wir von der Logistik her die Gefährdeten identifizieren und sie vom Rest der Gesellschaft trennen?“. Abgesehen davon habe „uns die Geschichte gelehrt“, dass eine solche Trennung innerhalb von Gesellschaften „selbst bei guten Absichten“ üblicherweise zu „Leiden“ führe, wie ihn das SMC zitiert. Auch Rupert Beale, Gruppenleiter des Infektionslabors am Francis-Crick-Institut in London, bezweifelt die „Durchführbarkeit“ von „gezieltem Schutz“ und die Möglichkeit, eine Herdenimmunität aufzubauen. „Das ist Wunschdenken.“ Insgesamt sieht er die „Great-Barrington-Erklärung“ als „nicht hilfreichen Beitrag in der Debatte“ an.

Der Virologe Jeremy Rossmann von der Universität Kent warnt, dass man nicht einmal wisse, ob eine Herdenimmunität bei Corona überhaupt möglich sei. So sei nicht bekannt, wie lange die Immunität nach überstandener Infektion anhalte, auch sei bereits von Reinfektionen berichtet worden. Ähnliche Bedenken äußerten auch weitere Wissenschaftler gegenüber dem Science Media Center.

Julian Tang, Experte für Atemwegserkrankungen an der Universität Leicester, zeigt hingegen Verständnis für die Bedenken, die Gupta, Bhattacharya und Kulldorff zu ihrer Erklärung veranlasst haben. Er kann auch der Idee des gezielten Schutzes etwas abgewinnen, sagt aber, ohne zusätzliche Werkzeuge wie eine Impfung und antivirale Medikamente könne er nicht sehen, „wie vulnerable Gruppen praktisch, zuverlässig und sicher geschützt werden können“.

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