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Corona-Infektionen: „Superspreader“ - Rolle der Kinder gibt Wissenschaft Rätsel auf

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Eine Studie bestätigt die entscheidende Rolle einiger weniger bei der Übertragung des Virus - warum das so ist, lässt sich bislang nur vermuten.

  • Welche Rolle spielen „Superspreader“ bei der Verbreitung des Coronavirus?
  • Eine Studie zur Corona-Pandemie geht jetzt dieser Frage nach.
  • Die Erkenntnisse sind überraschend: Zu den „Superspreadern“ von Corona gehören offenbar auch Kinder.

Die oft zitierten „Superspreader“, sie scheinen als Ursache von Coronainfektionen eher die Regel als die Ausnahme zu sein: Offenbar steckt nur ein kleiner Teil der Menschen, die mit Sars-CoV-2 infiziert sind, andere an – eine große Zahl von Infektionen geht auf eine im Verhältnis kleine Gruppe von Überträgern zurück. Dieses vielfach vermutete Phänomen bestätigt auch die bislang größte Studie zu Kontaktverfolgungen, die ein indisch-amerikanisches Forscherteam im Fachmagazin „Science“ veröffentlicht hat.

Corona: Infektionswege in Indien analysiert

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Princeton Environmental Institute, der Johns Hopkins University und der University of California, Berkeley, haben dafür in Zusammenarbeit mit Angestellten des öffentlichen Gesundheitssystems in Indien die Infektionswege in den südindischen Bundesstaaten Tamil Nadu und Andhra Pradesh analysiert. Indien bot sich deshalb an, weil die Lohnkosten dort gering und die für das „Contact-Tracing“ zwingend notwendigen Gesundheitsämter oft gut besetzt sind. In reicheren Ländern wären solche aufwendigen Studien deshalb nur schwer umzusetzen.

Kinder können sehr effiziente Überträger des Virus sein.

Zehntausende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter indischer Gesundheitsämter waren in den vergangenen Monaten unterwegs, um für die Studie die Kontaktpersonen von Infizierten aufzuspüren. Diese wurden dann zwei Wochen lang jeden Tag besucht und nach Covid-19-Symptomen befragt. Insgesamt werteten die Epidemiologinnen und Epidemiologen die Daten von mehr als einer halben Million Kontaktpersonen aus, von denen sich nachweislich rund 85 000 mit dem Coronavirus infiziert hatten.

Coronainfektionen: Acht Prozent der Infizierten sind für 60 Prozent der Neuinfektionen verantwortlich

Das Ergebnis der umfangreichen Recherche war, dass 71 Prozent der Infizierten keinen einzigen ihrer Kontakte angesteckt hatten, während acht Prozent der Infizierten für 60 Prozent der Neuinfektionen verantwortlich waren (wobei verantwortlich nicht im Sinne von „Schuld haben“ zu verstehen ist). „Unsere Studie präsentiert den größten empirischen Beleg für Superspreading, den wir je bei einer Infektionskrankheit erlebt haben“, sagt Leitautor Ramanan Laxminarayan vom Princeton Environment Institute. Warum einige Menschen Superspreader sind, andere hingegen das Virus nicht weitergeben, ist nicht geklärt, dazu gibt es bislang nur Vermutungen. So gibt es die Theorie, dass jemand besonders ansteckend ist, wenn seine Virenlast groß ist, sich in seinem Körper also eine große Menge von Sars-CoV-2 tummelt.

Zudem nehmen viele Expertinnen und Experten an, dass das Virus leichter übertragen werden kann, wenn es sich noch in den oberen Atemwegen aufhält und die Lunge noch nicht erreicht hat, das wäre dann eher in der ersten Zeit nach der eigenen Ansteckung. Eine im September „preprint“ publizierte, also noch nicht von Kolleginnen und Kollegen gegengelesene Arbeit eines US-Forscherteams sieht auch einen Zusammenhang mit der individuellen Konsistenz der Tröpfchen und der Art, wie jemand atmet.

Corona: Donald Trumps Event im Rosengarten wird zum „Superspreader“ Ereignis

Andere Studien belegen ebenfalls die große Bedeutung von Superspreadern für das Infektionsgeschehen. Das bekannteste Beispiel eines Superspreaders dürfte der oft genannte Barkeeper aus dem österreichischen Ischgl sein, der in einem Après-Ski-Lokal viele Menschen ansteckte, die das Virus anschließend in alle Teile Europas trugen.

Auch ein Forscherteam aus Hongkong schätzt, dass etwa 20 Prozent der Infizierten für die Übertragung des Virus sorgen. In Hongkong hatte unter anderem eine Musikband bei Auftritten in vier Lokalen mehr als 100 Menschen angesteckt. Um Superspreader-Events künftig zu verhindern, müsse man sie besser verstehen, sagt die Infektiologin Anne Rimoin von der University of California, Los Angeles. Die Wissenschaftlerin versucht derzeit, die Infektionskette nachzuverfolgen, die sich nach einer Veranstaltung im Rosengarten des Weißen Hauses am 26. September in Gang setzte, die auch als Quelle der Covid-19-Erkrankung von US-Präsident Donald Trump vermutet wird.

Studie zu Corona: Kinder stecken sich besonders häufig an und sind „effiziente Überträger“

Die große Studie aus Indien widmete sich auch dem Ansteckungsrisiko in Haushalten. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fanden bei ihrer Analyse heraus, dass das Ansteckungsrisiko innerhalb eines gemeinsamen Haushalts bei neun Prozent, außerhalb lediglich bei 2,6 Prozent liegt. Die Studie dürfte in diesem Punkt allerdings nicht eins zu eins auf andere Länder zu übertragen sein, da in Indien durchschnittlich mehr Menschen unter einem Dach leben als etwa in Deutschland.

Überraschend ist aber vor allem ein anderes Ergebnis: Anders als von der Wissenschaft meist angenommen, steckten sich Kinder besonders häufig an. „In unserem Setting waren Kinder sehr effiziente Überträger“, sagt Studienautor Ramanan Laxminarayan – eine Feststellung, die in früheren Studien in dieser Form bisher noch nicht gemacht wurde. Auch habe man beobachtet, dass Kinder und junge Erwachsene sich vor allem bei Covid-19-Patienten im gleichen Alter anstecken. Grundsätzlich erhöhe der Kontakt mit gleichaltrigen Infizierten das Ansteckungsrisiko in allen Altersklassen, so ein Fazit der Studie

Coronavirus: Beengte Verhältnisse sind für das Virus besonders gut

Dass beengte Verhältnisse dem Virus die Verbreitung erleichtern, liegt nahe und wird auch von einer epidemiologischen Untersuchung in Frankreich bestätigt. Die Studie des Epicentre – der Forschungsabteilung der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ – und des Institut Pasteur Paris ist die erste in Europa, die einen Zusammenhang zwischen prekären Lebensbedingungen und einer erhöhten Infektionsrate bei Covid-19 nachweist.

Insgesamt wurden die Proben von 818 Menschen, die in Notunterkünften und Arbeiterwohnheimen lebten oder an Lebensmittelverteilungstellen anstanden, auf Antikörper untersucht. „Die Ergebnisse bestätigen, dass sich das Virus besonders aktiv unter überfüllten und beengten Bedingungen ausbreitet, etwa wenn sich mehrere Personen ein Zimmer, eine Dusche und eine Küche teilen“, sagt der Epidemiologe Thomas Roederer vom Epicentre in Paris, der die Umfrage leitete. Überall sei der Prozentsatz der Menschen, die mit dem Virus in Kontakt gekommen, „extrem hoch“ – vor allem in den Unterkünften und dort insbesondere in den Arbeiterwohnheimen. Dort lag die Rate derjenigen, die im bisherigen Verlauf der Pandemie bereits mit dem Coronavirus infiziert waren, teilweise bei über 90 Prozent. (Von Pamela Dörhöfer)

Rubriklistenbild: © Sebastian Gollnow/dpa

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