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Ob Dating oder Arbeit: Onlinebörsen für Ungeimpfte haben Konjunktur

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Von: Lukas Zigo

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Eine Frau surft im Internet
Eine Frau surft im Internet (Symbolbild) © Daniel Naupold/dpa

Als Reaktion auf die Diskussion um Impfpflicht und Corona-Regelungen entstehen im Internet immer mehr Job- und Datingportale für Ungeimpfte.

Frankfurt am Main – Es sind Nachrichten wie diese, die zeigen, wie sehr die Corona-Pandemie innerhalb der Bevölkerung polarisiert. Denn inzwischen tauchen immer mehr Job- und Datingportale für Ungeimpfte auf – und haben Hochkonjunktur. Wie sehr einige Ungeimpfte die Corona-Regeln umgehen möchten, zeigt beispielsweise das Portal „impffrei.work“. Das Schweizer Jobportal vermittelt sei Juli 2021 all denjenigen eine Arbeitsstelle, die es vorziehen, sich nicht impfen zu lassen.

Es mutet an wie jedes andere Jobportal auch, nur dass eine Sache im Speziellen nicht gefordert wird: eine Impfung gegen das Coronavirus. Das Portal habe es sich zur Aufgabe gemacht, „die Ausgrenzung und Diffamierung von Arbeitnehmern entgegenzuwirken“ und „Arbeitgeber wie auch Arbeitnehmer vor dem wirtschaftlichen Totalschaden zu bewahren“, der durch die „sogenannte Pandemie“ drohe.

Ungeimpften-Jobbörse mit ganz eigenen Ansichten

Die Seite selbst gibt keinerlei Auskunft darüber, wer sie geschaffen hat oder führt. Schon das Logo der Seite, eine Faust, die eine Impfspritze zertrümmert, gibt Aufschluss über die Gedankenwelt der Gründer. So kann man in der Beschreibung der Seite in Bezug auf etwaige Nebenwirkungen der Impfung lesen, der Impfstoff könne „Unternehmen einen großen wirtschaftlichen Schaden zuführen, insbesondere beim Ausfall von Mitarbeitern in Schlüsselpositionen, die ggf. nicht umgehend neu besetzt werden können“.

Weiter wird auf sogenannte „Experten“ hingewiesen, welche davon ausgingen, Impfstoffe seien nicht nur unwirksam, vielmehr seien mRNA-Impfstoffe laut „Studien“ auch gesundheitsschädlich. „Viele intelligente und freiheitsliebende Menschen“ hätten, so die Seite, die „gesundheitlichen Gefahren“, von Impfstoffen erkannt und ließen sich daher nicht impfen. Womit sie wiederum ihren Job riskierten.

Corona-Virus: Druck auf ungeimpfte Arbeitnehmer nimmt zu

Wie Tobias Werner, Berliner Anwalt für Arbeitsrecht, gegenüber der Deutschen Welle sagt, werde der Druck auf Ungeimpfte auf dem Arbeitsmarkt tatsächlich weltweit immer größer. So hätten mehrere internationale Unternehmen, darunter IKEA oder die Citigroup, beschlossen, Leistungen für Ungeimpfte wie etwa das Krankengeld zu kürzen oder Ungeimpfte gar nicht mehr einzustellen.

„Grundsätzlich ist solch ein Vorgehen bei Neueinstellungen auch zulässig“, so Werner. „Bereits bestehende Arbeitsverträge mit Ungeimpften können zwar nicht einfach gekündigt werden. Aber diese Mitarbeiter könnten gegebenenfalls auf eine andere Stelle versetzt werden.“ Noch komplizierter wird es in den Ländern, welche bereits Impfpflichten für bestimmte Berufe beschlossen haben. Ab dem 15. März greift eine solche einrichtungsbezogene Impfpflicht im Gesundheitssektor in Deutschland.

Impffreie Angestellte: Auch Gesundheitseinrichtungen suchen

Ausgerechnet in den Bereichen der Gesundheit finden sich jedoch auffällig viele Stellenangebote. Hebammen, Apotheker oder gar Pflegekräfte werden hier mit dem expliziten Zusatz „Ungeimpfte sind speziell willkommen“ gesucht. Dies könnte jedoch spätestens ab Mitte März zu einem Problem für die inserierenden Arbeitgeber:innen werden.

„Ab dann besteht in Deutschland eine Impfpflicht für das gesamte Personal, das in Kliniken, Pflegeeinrichtungen oder Arztpraxen arbeitet – und damit dürfen Mitarbeiter, die keinen Nachweis über eine Impfung oder Genesung erbringen, nicht mehr eingesetzt werden“, sagt Werner gegenüber der Deutschen Welle. Wird gegen diese Verordnung verstoßen, so drohen Bußgelder für den Arbeitgeber und für den Arbeitnehmer. Beschäftigte könnten dort unter Umständen sogar ihren Job verlieren.

Kanada und USA haben bereits ähnliche Portale

Vergleichbare Jobbörsen sind in den vergangenen Monaten in vielen Ecken der Welt aufgetaucht. In Kanada etwa ist das Portal „Jabless Jobs“ (zu Deutsch etwa „Spritzenfreie Stellen“) an den Start gegangen. In den USA kann man sich bei „Redballoon.work“, einer sich selbst als „Stellenbörse für die freiheitsliebende Community“ bezeichnende Plattform, auf Jobs bewerben.

Diese Plattformen haben jedoch nicht nur ihre Funktion gemein, sondern auch, dass sie deutlich über eine reine Stellenvermittlung hinaus gehen. Sie eint eine ablehnende Haltung gegenüber der Corona-Politik. So verbreiten sie auch selbst Falschmeldungen und irreführende Behauptungen über die Pandemie und die Impfung. Dafür bietet die Schweizer Plattform „impffrei.work“ sogar einen eigenen Blog-Bereich. Dort wird über die angeblichen Risiken bei der Impfung und die „Unwirksamkeit“ von Impfstoffen berichtet.

Dating ohne Piks – Portal bietet Partnersuche „ohne Grundsatzdiskussionen“

Auch im Bereich des Online-Datings hat sich die Frage nach dem Impfstatuts bereits zu einer der ersten und entscheidenden Fragen entwickelt. Geimpfte wollen nicht mit Ungeimpften und andersherum. Guido Gebauer, Psychologe und selbst Betreiber einer Partnervermittlung, sagte in Bezug auf eine Studie dazu: „Rund 90 Prozent der Geimpften wollen, dass die Partnerin oder der Partner die Pandemie auch ernst nimmt, währen mehr als 2/3 der Impfverweigerer das genau nicht wollen.“

Gebauer sieht solche Job- und Dating-Portale für Ungeimpfte skeptisch. Sie seien ein weiteres Zeichen für die Spaltung der Gesellschaft. „Individuell ist es völlig nachvollziehbar, dass Nichtgeimpfte sich Nichtgeimpfte Partner suchen oder auch in Nichtgeimpften Arbeitsumfeldern arbeiten wollen“, erklärt Gebauer.

Corona: Parallelstrukturen führen zum weiteren Abkapseln von der Mehrheitsgesellschaft

Tatsächlich fühlten sich diese Menschen von der impfwilligen Mehrheit unter Druck gesetzt. Gesellschaftlich allerdings hält er diese Parallelstrukturen für gefährlich. „Nicht nur in der Partnerschaft, sondern gerade auch am Arbeitsplatz verbringen wir sehr viel Zeit – und dort wird über sehr viele Themen außerhalb der Arbeit gesprochen – auch über Gesundheitsthemen“, sagt Gebauer gegenüber DW.

„Wenn jetzt tatsächlich Ungeimpfte nur noch ungeimpfte Partner kennenlernen, ungeimpfte Freunde haben und mit Ungeimpften zusammenarbeiten, dann verfestigt sich die Entfremdung von der Mehrheitsgesellschaft, und dann besteht die Gefahr, dass sich diese Menschen noch weiter abkapseln als bislang.“ (lz)

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