In Paris hat der französische Künstler Ender zum Thema Coronavirus eine Weltkarte aus Fragil-Aufklebern erschaffen.
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In Paris hat der französische Künstler Ender zum Thema Coronavirus eine Weltkarte aus Fragil-Aufklebern erschaffen.

Corona-Virus

Die Welt im Griff

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  • Martin Dahms
    Martin Dahms
  • Gerd Höhler
  • Felix Lill
  • Katrin Pribyl
  • Agnes Tandler

In Deutschland nehmen die Neuinfektionen ab – die Angst vor der Pandemie schwindet. In vielen Staaten sieht das ganz anders aus. Die Zahl neuer Fälle steigt teils rapide.

Zur Reisezeit richtet sich der Blick verstärkt ins Ausland. Wie ist die Pandemie-Lage in Europa und weltweit? Ein Überblick.

Großbritannien: Noch die erste Welle?

Großbritannien erwache aus dem Winterschlaf. So hat es Premierminister Boris Johnson bezeichnet, nachdem am Samstag erstmals nach dreieinhalb Monaten Pubs, Restaurants, Hotels, Kinos und Friseure in England wieder öffnen durften. In Schottland müssen sich die Menschen bis nächste Woche gedulden. Am Dienstag sorgten einige Lokale für Aufsehen, weil es positive Corona-Fälle gab – und sie wieder schließen mussten. Tatsächlich ist die Situation auf der Insel angespannt, die Bevölkerung kommt traumatisiert aus dem Lockdown, die Wirtschaft ist eingebrochen. Das Königreich gehört zu den am schwersten von der Pandemie betroffenen Ländern der Welt. Laut Regierung sind mehr als 44 400 positiv auf das Virus getestete Menschen gestorben, erst am Dienstag wurden weitere 155 Tote vermeldet. Sie stellen nur noch eine Randnotiz in den Nachrichten dar. Getestet wurde und wird auf der Insel trotzdem nur begrenzt. Und so warnen Mediziner eindringlich vor dem „echten Risiko“ einer zweiten Infektionswelle, obwohl die erste keineswegs vorbei scheint. 

Spanien und Portugal: Lage kehrt sich um

Portugal ist es im Gegensatz zu seinem großen Nachbarn Spanien gelungen, die Kurve der Neuinfektionen in den vergangenen vier Monaten flach zu halten. Mit bisher gut 1600 registrierten Toten liegt die Corona-Todesrate um etwa 50 Prozent höher als in Deutschland. In Spanien ist die Rate viermal höher als in Portugal. In den vergangenen Wochen hat sich die Lage allerdings verkehrt. Portugal ist zurzeit nach Schweden und Luxemburg das EU-Land mit den meisten Neuinfektionen im Verhältnis zur Einwohnerzahl: In den 14 Tagen bis zum 6. Juli wurden 46 von 100.000 Einwohnern positiv getestet, viermal mehr als in Spanien und sechseinhalb mal mehr als in Deutschland.

Israel: Lockdown droht

Zu Beginn der Woche hat die Regierung einschneidende Maßnahmen beschlossen und einen großen Teil der kürzlich beschlossenen Lockerungen zurückgenommen. Bars, Clubs, Theater, Hochzeitshallen, Konzertsäle, Schwimmbäder und Fitnesscenters werden geschlossen. Premier Benjamin Netanjahu will damit der „neuen Corona-Attacke“ begegnen. Sollten die Maßnahmen nicht genügen, drohen zusätzliche Einschränkungen. Israel könnte weltweit das erste Land werden, das demnächst zum Lockdown zurückkehrt. Im Mai war Israels Anti-Corona-Strategie noch als vorbildlich gepriesen worden. Jetzt aber verdoppelt sich die Zahl der Infektionen alle sieben Tage. Experten werfen der Regierung vor, sie sei im Mai bei der Lockerung der Corona-Maßnahmen zu schnell und widersprüchlich vorgegangen.

Indien: Rapide steigende Zahlen

Indien liegt weltweit bei Covid-19-Erkrankungen inzwischen auf dem dritten Platz – nach den USA und Brasilien. Am Mittwoch meldete das südasiatische Land insgesamt 742 417 Corona-Infektionen und 20 642 Todesfälle. Besonders hart betroffen sind die Megametropolen Neu-Delhi und Mumbai. Allein hier leben etwa 50 Millionen Menschen. Indien hatte im März eine strikte Ausgangssperre für das gesamte Land erlassen, als nur ein paar Hundert Fälle registriert waren. Im Juni wurden trotz steigender Infektionszahlen die Beschränkungen schrittweise gelockert, um die Wirtschaft wieder zu beleben. Seither steigen die Zahlen rapide an: Am Mittwoch wurden 22 752 Neuinfektionen und 482 Todesfälle binnen 24 Stunden verzeichnet. Sorge bereitet in diesem Zusammenhang auch, dass in den vergangenen Tagen Bundesstaaten in Südindien, die anfangs die Pandemie gut unter Kontrolle hatten, immer mehr Covid-19-Fälle vermelden. Mit 7400 pro eine Million Einwohner führt Indien immer noch vergleichsweise sehr wenige Tests durch.

Griechenland: Sorgen wachsen

Mit 18 Covid-19-Toten pro Million Einwohnern hat Griechenland eine der niedrigsten Corona-Sterblichkeitsraten in Europa – ein Erfolg der frühzeitig eingeführten und gut befolgten Kontaktbeschränkungen. Seit das Land am 1. Juli seine Grenzen und Flughäfen wieder für den Tourismus öffnete, wächst aber die Sorge, dass Urlauber das Virus einschleppen. Tatsächlich steigen die gemeldeten Ansteckungsfälle. Von rund 477 neuen Infektionen, die seit Anfang Juli registriert wurden, entfallen 344 auf ausländische Touristen.

USA: Besserung nicht in Sicht

Kein Staat der Welt ist stärker von der Pandemie getroffen als die USA. Rund drei Millionen Infizierte zählte die Johns-Hopkins-Universität in Baltimore am Mittwoch – und mehr als 130 000 Tote. Entgegen der Behauptung von US-Präsident Donald Trump, die USA hätten die niedrigste Sterblichkeitsrate der Welt, liegt der Wert tatsächlich bei 402 Toten pro eine Million Einwohner – rund viermal so hoch wie in Deutschland. Besserung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Der Trend zeigt klar nach oben. Die tägliche Neuinfektionszahl, die in den vergangenen Monaten noch um die 20 000 lag, pendelt inzwischen um 50 000 Fälle. Der Wahlkämpfer Trump – und viele seiner Anhänger – ignorieren die alarmierenden Zahlen weitgehend und verzichtet auf das Tragen einer Maske. Gleichzeitig mehren sich Berichte, wonach die Kliniken mancherorts die Kapazitätsgrenze erreicht haben

Japan: Dritte Welle?

Zwei Infektionswellen hat Japan bereits hinter sich: eine im Februar, die von einem vor der Küste liegenden Kreuzfahrtschiff ausging, und eine ab Ende März, die aus dem Ausland eingereiste Personen mitbrachten. Insgesamt zählt das ostasiatische Land nur rund 20 000 Infizierte und etwa 1000 Tote – hervorragende Werte. Wobei Experten darüber streiten, ob diese Zahlen ein Ausweis guten Krisenmanagements oder geringer Testzahlen sind. Japans Krisenstab lehnt breitflächiges Testen ab, setzt stattdessen auf die Rückverfolgung der Kontaktdaten von infizierten Personen. Grund zur Sorge bieten aber die vergangenen zwei Wochen, in denen die Neuinfektionszahlen nach Lockerungen insbesondere in Tokio wieder gestiegen sind. Es scheint sich eine dritte Infektionswelle anzubahnen.

Südkorea: Vorreiter für andere

Nachdem sich im Februar die Infektionszahlen binnen weniger Tage vervielfacht hatten, galt Südkorea gegen Ende des Winters als neuer Hotspot der Corona-Krise. Dann aber rollte die nun alarmierte Regierung ihr nach der Sars-Epidemie installiertes Krisenmanagement aus. Breitflächiges Testen, Desinfizieren öffentlicher Plätze, Tracking der Personen durch Apps. Südkorea fungierte als Vorreiter für andere Länder – auch bei den Lockerungen der Alltagsbeschränkungen. In Südkorea treibt man schon länger wieder Sport und geht zur Schule. Das bleibt aber auch im Land des Klassenprimus nicht folgenlos. Ende Juni bestätigte die Regierung mehrere Neuinfektionen in Schulen – was Kritiker der Lockerungen auf den Plan ruft. Insgesamt zählt das Land nur rund 13 000 Infizierte und gerade einmal 330 Tote.

Mexiko, Brasilien und Peru: Düstere Prognosen

Fast täglich kommen aus Lateinamerika neue schlechte Nachrichten. Besonders dramatisch ist die Lage in Chile (34,09), Peru (33,69), Brasilien (31,26), Ecuador (28,22) und Mexiko (24,66), die in der Statistik der Johns-Hopkins-Universität in der Kategorie Todesfälle pro 100 000 Einwohner weltweit die Plätze 12 bis 16 belegen, aber immer noch zum Teil weit hinter Europa oder den USA zurückliegen. Allerdings gibt es in Brasilien Zweifel an den Zahlen, denn es wird vergleichsweise wenig getestet. Hinzu kommt in Brasilien die dramatisch hohe Zahl an Neuinfektionen von mehr als 48 000 allein zu Wochenbeginn. Alarmierend ist auch die hohe Zahl an Infektionen in der Amazonas-Region, wo viele indigene Völker leben. In Nicaragua oder Venezuela berichten NGOs über Repressionen gegen medizinisches Personal, wenn sie in der Öffentlichkeit über die wahren Ausmaße der Pandemie sprechen. Hinzu kommen düstere Wirtschaftsprognosen: Allein in Argentinien droht eine Armutsrate von mehr als 50 Prozent, das kleine El Salvador rechnet mit einer Million Armen zusätzlich. Die UN befürchten eine Hungersnot in Lateinamerika.

Türkei: Kurve flacht ab

Nachdem die Türkei die meisten Beschränkungen am 1. Juni lockerte, stiegen die Infektionszahlen zunächst deutlich an. Inzwischen flacht die Kurve aber wieder etwas ab. Bisher sind 5260 Menschen an Covid-19 gestorben. Das entspricht 64 Sterbefällen pro Million Einwohner (Deutschland: 109). Das türkische Gesundheitssystem gilt als gut. Die Tourismuswirtschaft hofft, dass die Bundesregierung ihre bis Ende August geltende Reisewarnung vorzeitig zurücknimmt. Fachleute fürchten aber eine neue Infektionswelle zum islamischen Opferfest Ende Juli.

Russland: Tägliche tausende neuer Fälle

In Russland sind in der Corona-Krise insgesamt mehr als 10 600 Menschen im Zusammenhang mit Sars-CoV-2 gestorben. Damit gibt es dort mehr Tote als in Deutschland, wo rund 9000 Verstorbene registriert wurden. 700 000 Menschen haben sich bislang mit dem hochansteckenden Coronavirus infiziert. Jeden Tag kommen landesweit noch immer knapp 7000 neue Fälle hinzu. Für viele Wochen gab es vor allem in der Hauptstadt Moskau strenge Ausgangsbeschränkungen, was die Infektionszahlen etwas drückte. Auch weiterhin wird im öffentlichen Raum das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes vorgeschrieben, was jedoch nicht überall eingehalten wird. Immer wieder gab es Berichte über geschönte Corona-Statistiken in Russland. Behördenvertreter wiesen dies jedoch vehement zurück. Zuletzt wurde ein Demograf des russischen Statistikamtes entlassen. Der Mann hatte zuvor die offiziellen Zahlen angezweifelt.

China: Aufatmen und Disziplin wahren

Die Volksrepublik China hat am Mittwoch keine neue lokale Infektion gemeldet – lediglich sieben importierte Fälle. Selbst Peking atmet auf: Trotz bisher lediglich 335 bestätigten Ansteckungen innerhalb von vier Wochen hat die Lokalregierung rigide durchgegriffen: Dutzende Wohnsiedlungen wurden abgesperrt, alle Gastronomie-Mitarbeiter wurden getestet, das Stadtgebiet durften nur Nicht-Infizierte verlassen. Offiziell gibt es unter den 1,4 Milliarden Chinesen nur 385 aktive Fälle. Der Alltag in Peking ist aber nur relativ normal: Viele sind unterwegs, in den Büros wird gearbeitet, Masken bleiben aber Pflicht und Wärmebildkameras scannen Körpertemperaturen.

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