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Staatsmedien

Corona-Ursprung: China macht Propaganda mit Experte, der gar nicht existiert

  • Tim Vincent Dicke
    VonTim Vincent Dicke
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Stammt Corona doch aus einem Labor? Die USA wollen Untersuchungen, China wehrt sich. In den Staatsmedien macht ein Biologe Stimmung – doch es gibt ein Problem.

Peking – Die Frage, woher das Coronavirus stammt, erhitzt weiterhin die Gemüter. China wirft den USA vor, die Ursachenforschung zu politisieren. Um die Argumentation zu untermauern, zitieren zahlreiche Staatsmedien einen Wissenschaftler aus der Schweiz, der USA kritisch gegenüber steht. Doch der Forscher existiert offenbar überhaupt nicht.

Unter dem Namen Wilson Edwards hatte ein Facebook-Nutzer im Juli einen Beitrag verfasst, in dem er die Position der USA zur Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation WHO zum Ursprung des Coronavirus scharf kritisierte. Mithilfe der Behauptung, ein Biologe aus der Stadt Bern zu sein, schrieb der Nutzer, die WHO-Untersuchung sei politisch aufgeladen worden. Joe Biden und die US-Regierung hätten „keine Mühen gescheut, um den Einfluss der USA in der Organisation wieder aufzubauen“, schrieb er.

Corona-Ursprung: China behindert Untersuchungen seit Pandemie-Beginn

Seit Beginn der Pandemie agiert die chinesische Regierung extrem intransparent, zunächst wurden kritische Blogger:innen und Ärzt:innen verhaftet – dann ließ das Land monatelang keine Fachleute der WHO nach Wuhan, der Millionenmetropole, in dem das Coronavirus Sars-CoV-2 nach derzeitigem Stand erstmals aufgetreten ist. Nach langem Gezerre durfte im Januar ein Forschungsteam nach China reisen, um erste Untersuchungen anzutreten.

Sicherheitspersonen stehen vor dem Eingang des Wuhan Instituts für Virologie: Immer wieder wird spekuliert, ob das Coronavirus aus einem Labor in China entwichen ist.

Ende März berichteten die Wissenschaftler:innen, dass es „wahrscheinlich bis sehr wahrscheinlich“ sei, dass das Coronavirus von einem Tier über einen Zwischenwirt auf den Menschen übergesprungen sei. Dass das Virus aus einem Viren-Labor stamme, dort entwich und sich verbreitete, wurde als „extrem unwahrscheinlicher Weg“ beschrieben.

Die USA halten jedoch weiterhin an der These eines Unfalls in einem chinesischen Labor fest. Das werde zumindest in Teilen des US-Geheimdienstapparates für möglich gehalten, sagte US-Präsident Joe Biden Ende Mai. Äußerungen des an den Untersuchungen beteiligten Wissenschaftlers Peter Embarek ließen zudem Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Reports entstehen. In einer Sendung des dänischen Fernsehens machte er deutlich, dass China sehr viel Wert darauf gelegt habe, dass die These eines Laborunfalls möglichst gar nicht in dem Bericht erwähnt werde.

China macht Corona-Propaganda mit Experten – doch den gibt es überhaupt nicht

China verwies dagegen immer darauf, dass weltweit nach dem Ursprung des Coronavirus gesucht werden müsse. Ein Sprecher des Außenministeriums sagte, die Vereinigten Staaten erschwerten die Suche ausschließlich mit ihren „politischen Manipulationen“. Dieselbe Meinung vertrat auch der angebliche Schweizer Wissenschaftler. Forscherkolleg:innen würden darunter leiden, dass sie „enormem Druck und sogar Einschüchterungen vonseiten der USA und bestimmter Medien“ ausgesetzt seien, schrieb Edwards auf Facebook. „Die USA sind so besessen davon, China in der Frage des Ursprungs anzugreifen, dass sie sich nicht trauen, ihre Augen für die Daten und Ergebnisse (der Untersuchung) zu öffnen“, meinte der vermeintliche Experte aus Bern. Da die Worte perfekt zum Corona-Narrativ Chinas passen, wurden die Staatsmedien schnell auf die Facebook-Beiträge aufmerksam. Unter anderem die Zeitungen Renmin Ribao, China Daily, Global Times und der Sender CGTN zitierten Edwards – alle Medien unterstehen de facto dem chinesischen Propagandaministerium.

Doch nun kommt heraus: Wilson Edwards scheint es offenbar gar nicht zu geben. Die Schweizer Botschaft in Peking startete auf Twitter einen Suchaufruf nach dem Wissenschaftler aus dem Alpenland – nicht ohne den Humor zu verlieren. „Wir suchen Wilson Edwards, einen angeblichen Schweizer Biologen, der in den letzten Tagen in der chinesischen Presse und den sozialen Medien zitiert wurde“, so die Eidgenossen auf dem Kurznachrichtendienst. Edwards solle sich doch gerne bei der Botschaft melden: „Wenn es Sie gibt, würden wir Sie gerne kennenlernen!“

Das Hauptgebäude des staatlichen Senders China Central Television in der chinesischen Hauptstadt Peking.

Fake-Experte zum Corona-Ursprung in China: Schweizer Botschaft bittet um Löschung der Berichte

Zwar freue man sich darüber, dass der Schweiz durch die Artikel Aufmerksamkeit geschenkt werde. Bei Nachforschungen der Botschaft sei allerdings festgestellt worden, dass kein Schweizer Bürger mit dem Namen Wilson Edwards existiere und es keine wissenschaftlichen Publikationen unter dem Namen gebe. Bei dem Konto handelte es sich allem Anschein nach um einen Fake-Account: Nur drei Freunde waren mit diesem verknüpft und außer der Stadt Bern waren keine Daten angegeben.

Es sei extrem wahrscheinlich, „dass es sich um Fake News handelt und wir fordern die chinesische Presse und die Netzgemeinde auf, die Beiträge zu löschen“, teilte die Schweizer Botschaft mit. Einige chinesische Medien, darunter CGTN, entfernten daraufhin die Beiträge über Wilson Edwards. Auf der Webseite von Renmin Ribao werden die Corona-Falschnachrichten allerdings weiterhin verbreitet. „Es ist an der Zeit, dass die US-Regierung auf die Erwartungen der internationalen Gemeinschaft eingeht, auf unverantwortliche Annahmen und Konfrontationen verzichtet und aufhört, die Rolle des ‚Virologen‘ zu spielen“, kommentiert die Zeitung der Kommunistischen Partei – gestützt auf die Posts des falschen Wissenschaftlers. (tvd)

Rubriklistenbild: © Ng Han Guan/dpa

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