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Psyche in der Pandemie

Corona und die Seele: „Menschen werden Narben davontragen“

  • Bascha Mika
    vonBascha Mika
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Wissenschaftlerin Steffi Riedel-Heller rät, die massiven psychischen Folgen der Pandemie in den Blick zu nehmen. Das Interview zum Auftakt der neuen FR-Serie.

  • Die Corona-Pandemie birgt auch psychische Gefahren.
  • Die seelische Belastung nimmt mit steigenden Corona-Infektionszahlen zu.
  • Die langfristigen Folgen der Corona-Pandemie sind teilweise schwer einzuschätzen.

Frau Riedel-Heller, was macht Ihrer Seele in Corona-Zeiten am meisten zu schaffen?

Zum Glück wirkt sich die Pandemie kaum auf meinen Arbeitsalltag aus. Ich kann weiter forschen und lehren. Außerdem lebe ich in einer Partnerschaft mit Kindern, so dass meine Rahmenbedingungen vieles auffangen. Ich persönlich fühle mich privilegiert.

Angst, Unsicherheit, Kontrollverlust – mit welchen psychischen Belastungen können Menschen in der Krise am wenigsten umgehen?

Es ist ein Gemisch. Die Pandemie ist eine neue Situation, in die jeder Mensch mit seinem eigenen Rüstzeug hineingeht. Das Stresslevel hängt davon ab, wie ich die Lage bewerte, meine Bewältigungsmöglichkeiten einschätze und die Situation verarbeite. Kontrollverlust spielt dabei eine große Rolle, aber auch soziale Isolation.

Corona sei die größte Bedrohung für die seelische Gesundheit seit dem 2. Weltkrieg, sagen Experten. Sehen Sie das auch so?

Die Pandemie ist auf jeden Fall eine Herausforderung für die psychische Stabilität. Alles andere wäre verwunderlich. Doch einige Kollegen und manche Medien neigen zu Schreckensszenarien. Es gibt eine Infodemie in der Krise, selbst in der Wissenschaft. Da ist es nicht leicht, die differenzierten Studien und Befunde herauszufinden.

Alte Menschen zeigen sich psychisch erstaunlich stabil, obwohl das Virus sie am meisten bedroht: Rentner in Frankreich.

Corona-Pandemie: Herausforderung für die psychische Stabilität

Reden wir mal nicht von den akuten, sondern den Langzeitfolgen. Werden die Seelen wieder heil sein, sobald das Virus eingedämmt ist?

Für die Mehrheit der Bevölkerung bin ich optimistisch. Ihre Ressourcen werden ausreichen, um mit heiler Seele aus der Pandemie zu kommen. Aber es gibt Risikogruppen, die besonders belastet sind und Narben davontragen werden. Bei denen können wir davon ausgehen, dass sie nach der Krise noch lange mit psychischen Problemen zu tun haben werden.

Wie hängt der längerfristige Seelenstress mit den Rahmenbedingungen der Pandemie zusammen?

Psychische Reaktionen folgen der Infektionskurve. Das heißt, wenn die Ansteckungszahlen zunehmen, steigt die seelische Belastung. Aber auch wenn die Kurve heruntergeht, sinkt der psychische Stress nicht auf sein ursprüngliches Niveau, sondern bleibt zumindest mittelfristig etwas erhöht. Das hat Folgen.

Welche äußeren Faktoren wirken sich sonst noch langfristig aus?

Die wirtschaftliche Entwicklung. Pandemien sind mit Wirtschaftskrisen verbunden und Wirtschaftskrisen gehen regelhaft mit psychischen Störungen bei der Bevölkerung einher. Bis hin zu einer erhöhten Suizidrate. Das ließ sich zum Beispiel bei der Welt-Finanzkrise beobachten. Wie sehr der seelische Druck zunimmt, hängt also auch von der pandemiebedingten Rezession ab.

Corona: Mehrheit der Bevölkerung kann Pandemie mit heiler Seele überstehen

Und jenseits der ökonomischen Fragen?

Von Langzeitfolgen werden auch Covid-Patienten besonders betroffen sein. Das ist ein relativ großer Personenkreis, der direkte physische aber auch psychische Folgen davontragen kann. Zudem können nach Quarantäne oder Aufenthalten auf Intensivstationen noch längere Zeit danach posttraumatische Belastungsstörungen auftreten.

Corona hat viele Menschen daran gehindert, beim Tod ihrer Liebsten Abschied zu nehmen. Kann dadurch Trauer in einer Depression münden?

Die Psychiatrie hat dafür einen Begriff: komplizierte Trauer. Ich gehe davon aus, dass sich dieses Phänomen verstärken wird. Denn das übliche Trauergeschehen – eine Beerdigung, bei der die Familie und Freunde zusammenkommen, man kann sich direkten Trost spenden, was für Angehörige sehr wichtig ist – gab es häufig so nicht. Das kann zu einem komplizierten Verlauf führen, Menschen tragen dann die Trauer länger mit sich.

Lassen Sie uns die Langzeitfolgen bei verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen betrachten. Wie ist das bei Kindern und alten Menschen?

Wir wissen, dass Kinder und Jugendliche psychisch erheblich auf die akute Pandemiebelastung reagieren. Viel stärker als alte Leute. Auf der anderen Seite sind Kinder sehr anpassungsfähig. Deshalb ist es schwer, bei ihnen die Langzeitfolgen abzuschätzen.

zur person

Steffi Riedel-Heller, Jahrgang 1964, startete ihre berufliche Laufbahn als Psychiatriepflegerin, studierte dann Humanmedizin in Leipzig und ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie.

Von 2004 bis 2010 war sie Professorin für Public Health an der Klinik für Psychiatrie der Universität Leipzig und leitet seit 2010 das Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health (ISAP) an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig. Sie forscht an der Schnittstelle zwischen Psychiatrie und Public Health. FR

Corona-Pandemie: Alten Menschen geht es psychisch besser

Alten Menschen geht es tatsächlich besser? Trotz des besonderen Risikos, dem sie ausgesetzt sind?

Wir haben große Untersuchungen dazu gemacht. Selbstverständlich sind auch die Älteren und Alten besorgt. Aber die psychosoziale Gesundheit, also was Depressivität, Somatisierung und Ängstlichkeit angeht, ist erstaunlich stabil geblieben – zumindest in der ersten Welle. Das zeigen auch viele andere Studien.

Wie kommt das?

Ein entscheidender Punkt ist das vorhin erwähnte Rüstzeug, die Bewältigungsressource. Ältere Menschen können auf ihre Lebenserfahrung und bereits bewältigte Krisen zurückgreifen. Sie haben schon mehr durchgemacht und akzeptieren eine Situation eher, weil sie wissen, dass sie vorbei geht.

Arno Deister, einer Ihrer Kollegen, meint, dass wir überhaupt keine vorgegebenen psychologischen Muster hätten, um mit einer solchen Pandemie fertig zu werden. Das scheint für alte Leute nicht zu gelten...

...sie sind tatsächlich überraschend resilient. Selbst wenn auch sie kein Bewältigungsmuster für die Pandemie haben, so doch offensichtlich für Krisen generell. Sie nutzen Strategien, die ihnen bereits früher geholfen haben, ihr Wohlbefinden aufrecht zu erhalten. Deshalb werden sie auch nach der Pandemie ganz gut dastehen.

Corona: Pandemie verstärkt Probleme wie Einsamkeit nur

Aber besteht nicht gerade bei alten Menschen die Gefahr, dass sie aus der verordneten Isolation nicht mehr problemlos herausfinden, weil sie sich darin eingerichtet haben?

Das ist richtig. Aber Probleme wie Einsamkeit waren ja immer schon da, sie haben sich durch die Pandemie nur noch verstärkt. Wir werden sehen, wie die Rückkehr ins normale Leben funktioniert und ob ein Teil der Menschen auf diesem Weg hängen bleibt. Darüberhinaus – selbst wenn sich alte Leute insgesamt als stabil erweisen, heißt das ja nicht, dass es allen so geht.

Frauen sind in der Pandemie besonders belastet. Sowohl beruflich als auch privat. Kann sich das anschließend in seelischen Krankheitsbildern niederschlagen?

Gute Frage. Frauen leiden immer stärker unter Angst und Depressionen als Männer. Und ihre Belastung ist in der aktuellen Situation auf jeden Fall größer. Aber lässt sich daraus abzuleiten, dass sie länger brauchen werden, um die Pandemie zu verarbeiten? Frauen haben in der Regel mehr Erfahrung mit Lebensumbrüchen, wegen Kindern, beruflichen Ein- und Ausstiegen... Sie müssen nicht zwingend schlechter aus der Pandemie herauskommen als Männer.

Menschen mit psychischen Vorerkrankungen – bei Ausbruch der Pandemie sind sie regelrecht vergessen worden...

Steffi Riedel-Heller

...hier ist das Eis sehr dünn. Es gibt einen hohen Stressfaktor und starke Verletzlichkeit. Bei diesen Menschen sind mittel- und langfristig negative Folgen zu erwarten. Sie reagieren besonders ausgeprägt auf das Infektionsgeschehen und die soziale Distanzierung. Und dann werden sie in der Pandemie nur eingeschränkt gemeindepsychiatrisch versorgt. Es fehlt die Tagesstrukturierung, das Treffen in Gruppen und die sozialen Interventionen.

Psychische Folgen: Corona-Pandemie für geistig Behinderte kritisch

Wie steht es um Menschen mit Behinderungen?

Die Situation von geistig Behinderten ist kritisch, wenn sie die Maßnahmen zum Infektionsschutz nicht wirklich erfassen können. Denn die Auswirkungen bekommen sie ja trotzdem zu spüren: weniger Besuch, mangelnde soziale Kontakte. Darunter leiden sie, ebenso wie Demenzkranke. Diese sind sehr auf soziale Interaktion angewiesen, aber viele dieser Angebote sind in der Krise weggefallen. Das fördert bei Demenz den Abbau, der nicht mehr rückholbar ist. Ein gutes soziales Netzwerk hingegen wirkt demenz-präventiv.

Sie sprachen vorhin von posttraumatischen Belastungsstörungen. Müssen wir damit rechnen, dass medizinisches Personal und Pflegekräfte am Ende der Pandemie psychisch massenhaft zusammenbrechen?

Klar ist, dass sich diese Gruppe in einem extrem stressigen Umfeld bewegt. Deshalb ist sie auch besonders gefährdet. Aus einschlägigen Untersuchungen wissen wir, dass dort Depressionen, Angst und posttraumatische Belastungsstörungen verstärkt auftreten. Es ist vorauszusehen, dass dies auch nach der Pandemie Folgen haben wird. Wir müssen lernen, solche Berufsgruppen besser zu schützen.

Folgen von Corona: Psyche muss teil des Pandemie-Managements sein

Gibt es im Blick auf die seelische Gesundheit etwas aus der Pandemie zu lernen?

Und ob! Zum einen, dass die Psyche gleich zu Beginn ein integraler Bestandteil des Pandemie-Managements sein muss. Das Thema hinkte ja immer ein bisschen hinterher. Und zum anderen, dass wir uns jetzt schon auf die psychischen Langzeitfolgen nach dem Ende der Krise vorbereiten müssen.

Interview: Bascha Mika

Rubriklistenbild: © AFP

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