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Corona: Trügerische Zahlen

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Von: Viktor Funk, Ruth Herberg

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Wo viel getestet wird, wird besser sichtbar, wie sich das Virus verbreitet. Wo Tests fehlen, bleibt die Lage nebulös. Oliver Berg/dpa
Wo viel getestet wird, wird besser sichtbar, wie sich das Virus verbreitet. Wo Tests fehlen, bleibt die Lage nebulös. Oliver Berg/dpa © dpa

Statistiken helfen bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie, aber ihre Auslegung birgt Tücken. Ein Essay.

Berlin – Seit zwei Jahren orientiert sich die Welt am Auf und Ab bei den Corona-Infektionen. Steigen sie, schränken viele Staaten die Mobilität der Menschen ein. Sinken sie, geht es lockerer zu. Wobei: Ob die Werte steigen oder sinken – das ist auch eine politische Frage. Denn Politikerinnen und Politiker entscheiden darüber, wie viel, wie oft und wo getestet wird. Auch die Anzahl der Verstorbenen hat einen Einfluss auf die Pandemie-Politik, und auch hier gibt es Spielraum: Die Zahl der Todesfälle lässt sich unterschiedlich bestimmen, je nachdem, ob jemand an oder mit dem Coronavirus gestorben ist und wie das festgestellt wird.

Dass Daten und Zahlen rund um das Virus politisch und ein heikles Thema sind, zeigt sich seit Beginn der Pandemie. Häufig werden sie benutzt, um unterschiedliche Positionen zu untermauern – ganz nach dem Motto: Für jede Meinung gibt es die passende Statistik. Und immer wieder werden anhand ausgewählter Daten verschiedene Staaten und deren Pandemie-Strategien verglichen: Staaten mit sehr unterschiedlichen Schutzregeln, unterschiedlichen Methoden zur Datenerfassung, unterschiedlichen Testsystemen, unterschiedlichen Bevölkerungsstrukturen und unterschiedlichen Verhaltensmustern der Menschen im Land. So soll deutlich werden, ob ein Land „besser“ durch die Pandemie kommt und falls ja, was sich andere Staaten abschauen können. Warum das nicht sinnvoll ist, erklärt Andreas Backhaus vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung im FR-Interview auf dieser Seite.

Corona-Daten bieten eine grobe Orientierung

Sind die Corona-Zahlen deshalb unsinnig? Nein. So vorsichtig deren Interpretation sein muss, so wichtig sind sie – auch wenn das im ersten Moment widersprüchlich klingen mag. Denn die Zahlen legen Probleme offen und bieten zumindest eine grobe Orientierung im Nebel der Pandemie, auch was die Notwendigkeit und die Wirksamkeit von Einschränkungen angeht.

Um in Deutschland zu bleiben: Der Notstand in der Pflegebranche, auch nach zwei Jahren Pandemie von der Politik unzureichend beachtet, zeigt sich dank der Zahlen in aller Deutlichkeit – Stichwort Hospitalisierungsinzidenz, deren hohe Werte nicht wegen fehlender Betten so alarmierend sind, sondern wegen fehlender Fachkräfte. Die größtenteils vorgestrige, weil nicht digitale Kommunikation im Gesundheitswesen mit stark verzögerter Datenerfassung und -übermittlung wird ebenfalls deutlich. Die Krise schmerzt besonders da, wo Probleme zu lange ignoriert wurden. Infektionszahlen, Todesfälle, Inzidenzen zeigen das.

Ein Flickenteppich an Regeln – je nach Infektionsgeschehen

Zugleich ändert sich das Vorgehen in der Pandemiebekämpfung ständig. Möglich wird auch das durch Zahlen, die zumindest eine grobe Einschätzung zulassen, wo es gerade hingeht. Nach zu Beginn deutschlandweit einheitlichen Regeln haben Bund und Länder diese regionalisiert. Das führte zwar zu einem Flickenteppich, was sich etwa in der Debatte über die Weihnachtsmärkte zeigte oder aktuell in der über die 2G-Regeln im Einzelhandel. Gleichzeitig könnten Politikerinnen und Politiker aber so auf regionaler Ebene besser auf das jeweilige Infektionsgeschehen vor Ort reagieren.

Dennoch dürfen Zahlen nicht als alleinige Basis für weitreichende Entscheidungen dienen. Denn dazu sind sie zu unsicher. Das macht nicht zuletzt ein Blick in Länder deutlich, deren Gesundheitssysteme weit weniger gut sind als das in Deutschland.

Corona-Krise: Viele Staaten erfassen nicht alle Verstorbenen

Weltweit haben viele Staaten Probleme, Verstorbene zu erfassen, und zwar ganz grundsätzlich: nicht Corona-Todesfälle, sondern Menschen, die im hohen Alter oder an Krankheiten sterben.

In „normalen“ Zeiten, wenn nicht gerade Pandemie ist, schaffen es nicht einmal zwei Drittel aller Staaten weltweit, rund 90 Prozent ihrer Verstorbenen zu erfassen. Einige Staaten erfassen sogar weniger als 50 und manche sogar weniger als zehn Prozent der Toten, wie die UN-Statistikbehörde Unstats berechnet. In der Zeit der Pandemie sind diese Werte noch niedriger.

Es gibt mehr Corona-Todesfälle als offiziell erfasst

Die tatsächliche Zahl der Corona-Todesfälle ist also um einiges höher, als die Weltgesundheitsorganisation (WHO) täglich offiziell meldet. Das gilt selbst für Länder mit vergleichsweise guter Datenerfassung und guten Gesundheitssystemen – das zeigen die Übersterblichkeitsraten, die für viele Staaten in der EU regelmäßig ermittelt werden.

Was folgt also daraus? Daten, Zahlen, Werte sind immens wichtig, auch in Pandemien wie dieser. Sie werfen Schlaglichter auf längst gelöst geglaubte Probleme. Sie bieten eine grobe Orientierung darüber, wo ein Land gerade steht. Und eine grobe Orientierung ist immer noch besser als keine.

Die Unsicherheiten, die immer mitschwingen, wenn absolute Werte ins Spiel kommen, sind kein Grund, diese Werte nicht in eine Entscheidung einzubeziehen. Im Gegenteil: Sie sollten Berücksichtigung finden, denn oft sind es die einzigen Anhaltspunkte, die die Wissenschaft und auch die Politik haben. Trotzdem müssen diese Unsicherheiten immer mitbedacht werden. Zahlen und Daten können die Wirklichkeit nie zu 100 Prozent abbilden – dazu gibt es schon allein bei ihrer Erfassung zu viele Faktoren, die Einfluss haben können.

Test nach Ländern.
Tests nach ausgewählten Ländern. © FR

Es ist für die gesamte Gesellschaft wichtig, zu lernen, damit umzugehen. Das ist nicht so schwer, wie es zunächst klingen mag. Letztlich geht es um grundsätzliche Fragen: Was sind das für Daten, was sollen sie mir sagen? Wann wurden sie erhoben, sind sie aktuell? Wer hat sie erhoben und wie? Ist die Quelle seriös, vertrauenswürdig und unabhängig, etwa von finanziellen Interessen oder politischen Parteien oder Institutionen? Werden die Daten lediglich präsentiert – oder wird auch gleich eine vermeintlich umfassende Interpretation mitgeliefert, die zu einem ganz bestimmten Ergebnis kommt?

Corona zeigt: Wir müssen lernen, mit Daten besser umzugehen

Zahlen, Daten, Fakten prasseln tagtäglich auf uns alle ein; weil sowieso immer mehr Daten entstehen, aber auch weil Menschen in einer komplizierter werdenden Welt nach Halt und Orientierung verlangen. Das Dilemma im Umgang mit den Corona-Zahlen lässt sich übertragen auf beinahe jedes beliebige Thema. Egal ob beim Klimawandel oder der weltweiten Migration: Überall dort, wo mit Zahlen gearbeitet wird, wird auch mit Zahlen manipuliert – sei es absichtlich oder unabsichtlich.

Wer lernt, mit Daten und Zahlen umzugehen, wird eine vorgesetzte, zu oft von Interessen geleitete Interpretation seltener hinnehmen. Die Pandemie hat deutlich gezeigt: Wir müssen mündiger im Umgang mit Zahlen werden. (Ruth Herberg/Viktor Funk)

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