Streit im Pandemie-Bekämpfungsstab

Corona in den USA: Donald Trump nennt Virologen „Idioten“ - während die Übersterblichkeit zunimmt

  • Daniel Dillmann
    vonDaniel Dillmann
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  • Mirko Schmid
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Die USA stecken tief in der Corona-Krise. Doch Donald Trump ist sich sicher: „Die Leute sind müde von Covid“ und wollen, dass Virologen wie Anthony Fauci sie in Ruhe lassen.

  • In der Corona Taskforce der USA verlieren die Experten Anthony Fauci und Deborah Birx an Einfluss.
  • Präsident Donald Trump setzt zunehmend auf den Fachfremden Radiologen Scott Atlas.
  • Alle Neuigkeiten zum amtierenden Präsidenten der USA finden Sie in den Trump News.

Update vom Mittwoch, 21.10.2020, 15.15 Uhr: In den USA sind laut einer Studie seit Ende Januar rund 300.000 Menschen mehr gestorben als in den Vergleichszeiträumen üblich - und ein Großteil dieser Übersterblichkeit lässt sich auf die Corona-Pandemie zurückführen. Seit Ende Januar seien in den Vereinigten Staaten 299.028 mehr Menschen gestorben als gewöhnlich, heißt es in der am Dienstag veröffentlichen Untersuchung der US-Gesundheitsbehörde CDC. Davon seien 198.081 und damit zwei Drittel der Fälle direkt auf Covid-19 zurückzuführen.

Die Zahl der Todesfälle, die durch Herz-Kreislauferkrankungen, Alzheimer und andere Formen von Demenz sowie Atemwegserkrankungen verursacht wurden, nahm im gleichen Zeitraum laut CDC ebenfalls zu. Einige dieser rund 100.000 zusätzlichen Todesfälle könnten der Studie zufolge aber falsch klassifiziert worden sein - entweder wegen falscher Diagnosen oder weil die Betreffenden nicht auf das neuartige Coronavirus getestet wurden. Daher müssten womöglich weitere Todesfälle auf die Corona-Pandemie zurückgeführt werden, gaben die Studienautoren zu bedenken.

Scott Atlas: Der neue Lieblingsberater von Donald Trump hat keine Erfahrung in der Pandemiebekämpfung - aber Botschaften, die dem Präsidenten gefallen

Corona in den USA - Donald Trump über Virologen: „Fauci und diese Idioten“

Update Dienstag, 20.10.2020, 14.10 Uhr: Rund zwei Wochen vor der US-Wahl hat Präsident Donald Trump Stimmung gegen renommierte Gesundheitsexperten und die kritische Pandemie-Berichterstattung vieler Medien gemacht. „Die Leute haben die Pandemie satt“, sagte der Republikaner am Montag (Ortszeit) bei einem Wahlkampfauftritt im südwestlichen Bundesstaat Arizona. „Die Pandemie ist bald vorbei“, versprach er seinen Anhängern - obwohl das im Widerspruch zur aktuellen Entwicklung in den USA steht, wo die Zahl der Neuinfektionen zuletzt wieder anstieg.

Zuvor hatte Trump den Top-Immunologen Anthony Fauci Medienberichten zufolge schwer gescholten und ihm Fehler beim Management der Pandemie vorgeworfen. „Der Typ ist eine Katastrophe“, sagte Trump nach Angaben der „New York Times“ in einer Telefonschalte mit seinem Wahlkampfteam. „Die Leute haben es satt, Fauci und diese Idioten zu hören, all diese Idioten, die Fehler gemacht haben.“ Trump dementierte die Berichte nicht. Auf Twitter schrieb er: „Alles, was ich von Tony verlange, ist, dass er bessere Entscheidungen trifft.“

Trump: Die Leute wollen nichts mehr von diesen Idioten hören

Update, 19:30 Uhr: US-Präsident Donald Trump soll während einer Telefonkonferenz mit Mitgliedern seiner Wahlkampagne heftige Kritik an Corona-Experte und Virologe Dr. Anthony Fauci geübt haben. Das berichtet das US-Nachrichtenmagazin CNN.

Trump habe in dem Telefonat betont, er glaube, dass die Menschen in den USA „müde von Covid“ seien. „Die Leute sagen was auch immer. Lasst uns einfach in Ruhe. Sie sind müde, die ganze Zeit nur von Fauci und diesen Idioten zu hören“, sagte Donald Trump, der im Anschluss noch Witze über den seit Jahrzehnten in Diensten des Staates tätigende Fauci machte: „Er ist ein netter Kerl. Er ist ja schon seit 500 Jahren hier.“

Donald Trump attackiert Anthony Fauci: „Wir hätten jetzt schon 500.000 Tote“

Fast zeitgleich zu Donald Trumps Angriffen wurde der hochdekorierte Experte in Sachen Pandemien, Anthony Fauci, einmal mehr mit einer Auszeichnung bedacht - diesmal von der „National Acadamy of Medicine“ für seine herausragende Arbeit während der Corona-Krise.

Das allerdings sieht Donald Trump laut CNN anders. Fauci sei eine einzige „Katastrophe“ und die USA könnten sich glücklich schätzen, dass Trump seinem Ratschlag nicht folge. „Wenn ich auf [Fauci] gehört hätte, hätten wir jetzt 500.000 Tote“, soll Trump im Rahmen des Gesprächs gesagt haben. Später soll er diese Zahl sogar noch auf 800.00 erhöht haben. Infolge der Corona-Krise sind bislang rund 215.000 in den USA gestorben.

CNN schreibt in ihrer Meldung, man hätte von einem Kampagnenmitarbeiter Zugang zu der Konferenz erhalten. Donald Trump störte das offenbar nicht. „Wenn ein Reporter zuhört, sie können das genauso haben. Es interessiert mich nicht“, so der US-Präsident.

Showdown in der Taskforce: Anthony Fauci und Deborah Birx gehen auf Distanz zu Scott Atlas

Erstmeldung von 18:00 Uhr:
USA - Dr. Deborah Birx hat die Faxen dicke. Sie kann und will innerhalb der Corona-Taskforce der USA nicht mehr mit Dr. Scott Atlas, einem Neuroradiologen ohne Erfahrungen auf dem Feld der Epidemiologie, zusammenarbeiten. Das hat Birx nun den formellen Leiter der Taskforce und Vizepräsidenten unter Donald Trump, Mike Pence, wissen lassen.

Corona in den USA: Donald Trump vertraut Scott Atlas

Deborah Birx und Anthony Fauci hatten in der Vergangenheit aufgrund ihrer Arbeit in der Corona-Pandemie landesweit und parteiübergreifend Zustimmung erfahren. Gleichzeitig zogen die Virologin und der Virologe aber immer wieder den Missmut des Präsidenten auf sich, dem vor allem der immer wieder öffentliche mahnende Fauci mitten im Wahlkampf ein Dorn im Auge war und ist.

Ihnen gegenüber steht Scott Atlas. Entdeckt hat ihn Donald Trump auf Fox News, wo der Neurologe Werbespots geschaltet hatte, die dem US-Präsidenten gefielen. Trump heuerte ihn an, und seither befindet sich Atlas in der Rolle eines führenden Beraters der US-Regierung zu Fragen der Bekämpfung der Corona-Pandemie in den USA. Atlas ist Befürworter der sogenannten Theorie der Herdenimmunität. Wenn nur genug Menschen erkranken, wird sich dieser Theorie zufolge durch eine daraus folgende Immunisierung eines Großteils der Bevölkerung von selbst eine Entspannung der Lage ergeben.

Deborah Birx und Anthony Fauci stellen sich gegen den Liebling von Donald Trump, Scott Atlas

Die Herdenimmunitätstheorie ist im Falle von Corona umstritten. Unter anderem im Vereinigten Königreich und in Schweden wurden ähnliche Modelle in Zusammenhang mit dem rapiden Anstieg der Fallzahlen gebracht.

Auch deshalb ist aus Kreisen Corona-Taskforce der USA immer häufiger zu vernehmen, dass Anthony Fauci und Deborah Birx, beide erklärte Gegner der Herdenimmunität, zunehmend rebellieren. Donald Trump aber lässt die beiden erfahrenen Virologen mehr und mehr links liegen und stützt sich zunehmend auf die Ideen von Scott Atlas. Dieser scheint seine Rolle im Weißen Haus durchaus zu genießen, wie eine Anekdote zeigt, die kürzlich nach draußen drang.

Scott Atlas setzte sich an den Tisch des Präsidenten, um Sitzung der Corona Task Force zu leiten

Donald Trump soll Berichten von Quellen aus der Taskforce zufolge das Oval Office während einer Sitzung des Corona-Bekämpfungstabes vorübergehend verlassen haben. Das soll, so die Stimmen aus Reihen der Taskforce, Scott Atlas genutzt haben, um sich selbst an den Schreibtisch des Präsidenten zu setzen und die Sitzung von dort aus weiterzuleiten. Ein Affront gegenüber den anderen Mitgliedern Taskforce, und eine Begebenheit, die Atlas öffentlich entgegen anderslautender Berichte vehement abstreitet.

Virologin Deborah Birx und ihr Kollege Anthony Fauci gehen zunehmend auf Distanz zu Donald Trump.

Deborah Birx möchte nun klare Verhältnisse. Sie habe Vizepräsident und Task Force-Chef Mike Pence aufgefordert, den Radiologen Atlas, der immer wieder öffentlich mit populistischen Ansichten flirtet, nach denen das Tragen einer Maske und Abstandsregeln nutzlos seien, aus der Taskforce zu entlassen. Grund dafür: Scott Atlas, der unter anderem dafür gesorgt haben soll, dass eine geplante Ausweitung landesweiter Corona-Tests ganz im Sinne von Donald Trump abgeblasen wurde, sei aus der Sicht mehrerer Mitglieder der Taskforce schlecht informiert, manipulativ und manchmal unehrlich.

Deborah Brix fordert Vizepräsident Mike Pence auf, Scott Atlas zu entlassen

Birx habe Pence über ihre Einschätzung informiert, der zufolge sie Atlas nicht vertraue und nicht glaube, dass er Präsident Donald Trump fundierte Ratschläge gebe. Vielmehr würde er die Anstrengungen der Taskforce, die Corona-Pandemie einzudämmen, beschädigen. Die anhaltende Präsenz des umstrittenen Radiologen sorge dafür, dass die Reaktion der Bevölkerung der USA auf die Arbeit der Taskforce immer mehr in Misstrauen, Lethargie und Meinungskämpfe ausarte, wo doch gerade in einer solchen Krisensituation Zusammenhalt und einheitliches Handeln gefragt wären.

Die Washington Post kommt in ihrer Einschätzung des Konfliktes der verschiedenen Strömungen innerhalb der Taskforce zu dem Schluss, dass die Reibereien dazu führen könnten, dass die Anzahl der Todesfälle in den USA auf 400.000 innerhalb eines Jahres steigen könnte. (Von Mirko Schmid)

Rubriklistenbild: © STEFANIE REYNOLDS via www.imago-images.de

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