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Coronakrise: Ein Camp im syrisch-libanesischen Grenzgebiet.

Coronakrise

Corona in Syrien und Libanon: „Ausbreitung von Covid-19 in Flüchtlingslagern wäre ein Todesurteil“

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Ein Coronavirus-Ausbruch in Flüchtlingslagern in Syrien und Libanon wäre ein Katastrophe, warnt Jacqueline Flory im FR-Interview und beklagt, dass die Spenden ausblieben.

  • Die Münchnerin Jacqueline Flory baut mit ihrem Verein Zeltschulen für syrische Flüchtlingskinder im Libanon auf.
  • Schon lange beklagt sie die katastrophalen Bedingungen in den Camps.
  • Sie fürchtet, die Coronakrise könnte die Zustände verschlimmern.

Frau Flory, jeder spricht über die Coronavirus-Pandemie - aber die meisten blicken nur auf das eigene Land. Sie sind mit ihrem Verein „Zeltschule“ regelmäßig in Flüchtlingslagern im syrisch-libanesischen Grenzgebiet. Wie ist dort die Situation? 

Den Menschen in unseren Camps ist sehr bewusst, dass einfachste Schutzmaßnahmen, die hier nun seit Wochen propagiert werden, für sie nicht möglich sind. Man kann nicht zuhause bleiben, wenn man kein Zuhause hat. Social distancing in einem Camp, in dem oft nur 30 Zentimeter zwischen den Zelten liegen, ist nicht möglich. Stündliches Händewaschen bei der in den Camps herrschenden Wasserknappheit ist ebenfalls unmöglich. 

Desinfektionsmittel ist teuer und im Libanon auch nur sehr begrenzt vorhanden. Gleichzeitig ist den meisten der Geflüchteten ebenfalls bewusst, dass bei einem Ausbruch von Covid-19 in den Camps so gut wie keine medizinische Hilfe zur Verfügung stünde, denn das libanesische Gesundheitssystem ist ebenso bankrott wie der Staatsapparat an sich und die Versorgung der Flüchtlinge wird die unterste Priorität bei einem Ausbruch einnehmen.0

Corona-Pandemie in Syrien und Libanon: Flüchtlinge besonders gefährdet

Was fehlt für Ihre Arbeit? 

Es fehlen vor allem Spenden, um Präventionsmaßnahmen zu ergreifen. Hier in Deutschland verzeichnen wir einen drastischen Spendeneinbruch, weil viele Menschen selbst - verständlicherweise - in großer Angst vor den wirtschaftlichen Folgen der Ausgangsbeschränkungen leben. Gleichzeitig bräuchten wir aber im Libanon und in Syrien aber mehr Spenden als früher, um die Menschen vor einem Massensterben in den Camps zu beschützen. 

Jacqueline Flory

In Deutschland sind die Schulen wegen des Virus geschlossen, Kontakte zu Mitmenschen sollen auf ein Minimum reduziert werden.  

Die Maßnahmen in den Camps sind sehr ähnlich: die Familien bleiben „zuhause“ in ihren Zelten, was natürlich dort ungleich schwieriger ist als für uns, denn auf 15 Quadratmetern leben nicht selten zehn Menschen. Die hygienischen Bedingungen sind teilweise katastrophal. Wir versuchen gerade, zusätzliches Wasser für die Camps zu bekommen, um häufiges Händewaschen zu ermöglichen. Desinfektionsmittel wird, wie alles im Libanon, ständig teurer und knapper, auch damit versuchen wir, die Camps zu versorgen. 

Syrien hat am Montag den ersten Coronavirus-Fall gemeldet. Welche Auswirkungen hätte eine rasche Ausbreitung des Virus in den Flüchtlingslagern? 

Das Gesundheitssystem in Syrien ist durch die gezielten Bombardierungen von Krankenhäusern durch das syrische Regime und Russland praktisch nicht mehr existent. Eine Ausbreitung von Covid-19 hätte für die syrische Bevölkerung an sich verheerende Folgen, für die Menschen in den Camps wäre sie ein Todesurteil. Ohne Zugang zu rudimentärster Hygiene und medizinischer Versorgung, würde Corona in den syrischen Camps zu einem (weiteren) Massensterben nach dem bereits vollzogenen Genozid durch die eigene Regierung führen. 

Coronakrise: Covid-19 trifft Syrien und Libanon härter als Deutschland

Wie können Menschen in Deutschland helfen? 

Wir sprechen derzeit viel von Solidarität in Deutschland und in der Tat gibt es viele Menschen, die anbieten, für andere einkaufen zu gehen und ähnliches. Das finde ich großartig. Was mir fehlt, ist die Erkenntnis, dass ein globales Problem nicht national, nicht in einzelnen Bundesländern, Städten oder in der Nachbarschaft gelöst werden kann. Genau diese Erkenntnis ist unsere größte Herausforderung. Unsere Solidarität muss daher sehr viel weiter gehen. Covid-19 wird die Flüchtlingscamps im Libanon, in Syrien und in Griechenland ungleich schwerer und härter treffen als uns. Weil wir die Möglichkeit zu Schutzmaßnahmen haben und weil wir vor allem Zugang zu medizinischer Behandlung haben, wenn wir erkranken. Beides trifft auf die Geflüchteten nicht zu.

Interview: Steffen Herrmann

Jacqueline Flory, 44 Jahre, ist Gründerin und Vorstandsvorsitzende des gemeinnützigen Vereins „Zeltschule“, der seit 2015 syrische Familien in den Flüchtlingscamps im Libanon mit Nahrung und Medikamenten versorgt, Schulen baut sowie Lehrerinnen und Lehrer einstellt, damit die Kinder unterrichtet werden können. Sie reist regelmäßig in das syrisch-libanesische Grenzgebiet. Auf ihrer Webseite Zeltschule.org informiert die Organisation über ihre Arbeit.

Bislang ist vor allem der Iran betroffen doch, das Coronavirus breitet sich im ganzen Nahen Osten aus. In Syrien wurde die erste Infektion bekannt – Beobachter warnen vor einer Katastrophe.

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