Corona-Pandemie in Südafrika

Corona-Nachzügler: Südafrika ist auf den Höhepunkt der Pandemie schlecht vorbereitet

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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Eigentlich hatte Südafrika den Vorteil, ein Nachzügler der Corona-Pandemie zu sein. Doch das Land ist auf den kommenden Höhepunkt der Corona-Krise schlecht vorbereitet - es hat enorme strukturelle Probleme.

  • Täglich mehr als 13.000 Neu-Infektionen in Südafrika
  • Land galt als Nachzügler der Corona-Pandemie - Jetzt hat das Coronavirus Südafrika fest im Griff
  • Bis Ende 2020 erwarten Expert*innen mehr als 40.000 Corona-Tote

Lynne Wilkinson klingt gehetzt. „Fünf Minuten“, sagt sie, „habe ich Zeit.“ Die Gesundheits-Expertin versucht, das Notaufnahmelager für Covid-19-Patienten in Johannesburgs Messezentrum Nasrec funktionsfähig zu machen. Dort sollen 600, bald sogar mehr als 2000 Infizierte untergebracht werden. 450 liegen bereits am Kopfende der Halle 4. Leichte Fälle, die sich eigentlich zu Hause auskurieren könnten – wenn sie eine angemessene Bleibe hätten und nicht mit Familienmitgliedern in einem Raum leben würden. Den Rest der Halle bereitet Wilkinson für mittelschwere Corona-Fälle vor. Patienten mit Atembeschwerden, die Sauerstoff brauchen. Und damit fängt das Trauerspiel an.

Corona-Pandemie in Südafrika: Vorräte in großen Hospitälern knapp

Als Wilkinson erstmals nach Nasrec kam, stellte sie erschreckt fest, dass nur acht der 600 Betten einer Verbindung zum Sauerstoff-Tank hatten. Für eine Corona-Klinik, in der die Beatmung essenziell ist, ein schlechter Witz. Auch in Südafrikas Distrikthospitälern sucht man Installationen zur Sauerstoffversorgung vergeblich. Und in den großen Hospitälern gehen die Vorräte zur Neige.

Eigentlich hatte Südafrika den Vorteil, ein Nachzügler der Corona-Pandemie zu sein. Das gab dem Land die Chance, aus Erkenntnissen anderer zu lernen. Etwa, dass Kranke schnell mit durch die Nase zugeführten Sauerstoff zu behandeln sind, um nicht irgendwann an ein Beatmungsgerät angeschlossen werden zu müssen, denn das ist häufig tödlich. „Wir haben diese Chance verspielt“, so Virologe Françoise Venter von der Johannesburger Witwatersrand-Universität.

Corona-Pandemie in Südafrika: Virus hat Südafrika im Griff - täglich mehr als 13.000 Neu-Infektionen

Die Hoffnung, dass das Corona-Virus einen Bogen um das Land machen könnte, haben sich zerschlagen. Der Erreger hat Südafrika im Griff. Täglich werden mehr als 13.000 Neuansteckungen gemeldet, die Zahl der Corona-Infektionen verdoppelte sich innerhalb einer Woche. Galten zunächst Kapstadt und die Ostkap-Provinz als Hotspot, ist jetzt die Gauteng-Provinz mit Johannesburg an der Reihe. Dort leben mehr als 20 Millionen Menschen, mehrheitlich in Townships oder Slums. „Der Sturm ist über uns gekommen“, sagte Präsident Cyril Ramaphosa am Sonntag in einer Ansprache.

Überraschend kam das Unwetter nicht. Als die Regierung im März mit weniger als 100 Corona-Infizierten einen Lockdown verhängte, hatten höchstens Optimisten die Hoffnung, damit die Ausbreitung des Corona-Virus stoppen zu können. Angesichts beengter Verhältnisse in Slums und Townships stellte sich das als Illusion heraus. Daraufhin rechtfertigte Pretoria die drakonischen Maßnahmen mit der Notwendigkeit, Zeit zur Befestigung des staatlichen Gesundheitswesens zu gewinnen. Heute fragen sich viele, was in diesen vier Monaten eigentlich passiert ist.

Corona-Pandemie in Südafrika: Fast alle Krankenhausbetten belegt - Corona-Test dauert bis zu einer Woche

In der Gauteng-Provinz stehen noch immer nur 30.000 Krankenhausbetten zur Verfügung - der Bedarf könne bald auf 80.000 hochschnellen, sagt Jeremy Nel, Chef für Infektionskrankheiten am Johannesburger Helen-Joseph-Hospital. Schon jetzt seien so gut wie alle Betten belegt. Ärzte müssen stundenlang telefonieren, um ein freies Bett zu finden. Auch bei den Tests hapert es: Patienten müssen bis zu einer Woche auf Ergebnisse warten – für die Fahndung nach Ansteckungsketten ist es dann zu spät. Trotzdem wird noch immer getestet: „Ressourcenverschwendung“, schimpft Virologe Venter.

Lynne Wilkinson hat einen Weg gefunden, wenigstens ein paar weitere Betten mit Sauerstoff zu versorgen. Mit „Konzentratoren“, die Sauerstoff aus der Luft gewinnen. Die Maschinen sind mit umgerechnet 1000 Euro sogar erschwinglich – bloß dass sie auf dem Markt nicht mehr zu haben sind, weil sie entweder von wohlhabenden Personen oder geschäftstüchtigen Verleihfirmen aufgekauft wurden. Wilkinson appellierte an die Bevölkerung, die Maschinen leihweise zur Verfügung zu stellen. So kamen immerhin 20 Geräte zusammen, weitere 50 will sie von Verleihfirmen mieten. Das Geld muss sie selbst aufbringen - der Staat gibt vor, bankrott zu sein.

Corona-Pandemie in Südafrika: Ärzt*innen arbeiten ohne Gehalt - Bis Ende 2020 mehr als 40.000 Tote

Wilkinson, Mutter zweier Kinder, muss auch auf Gehalt verzichten: Sie arbeitet wie das gesamte 60-köpfige medizinische Personal in Halle 4 unentgeltlich neben ihrem Beruf. Derweil werden neue Fälle verschwendeter oder der Korruption zum Opfer gefallener Steuergelder in Millionenhöhe bekannt. Auch dass die Regierung womöglich weitere fünf Milliarden Rand in die bankrotte Fluggesellschaft SAA pumpen will, nur um nicht auf den Stolz einer eigenen Luftlinie verzichten zu müssen. Mit der Krise kämen Südafrikas Schwächen noch gnadenloser zum Vorschein, sagen Kenner des Landes und meinen Ineffizienz und Beratungsresistenz. Ein Cocktail, der nach Berechnungen der Epidemiologen bis Ende dieses Jahres mehr als 40.000 Südafrikaner das Leben kosten könnte. (Johannes Dieterich)

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