Spanien

Zweite Corona-Welle trifft Spanien: Zum zweiten Mal Notstand ausgerufen

  • Martin Dahms
    vonMartin Dahms
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In Spanien wird wegen der zweiten Corona-Welle ein zweites Mal ein nationaler Notstand verhängt und das Leben der Bevölkerung erneut eingeschränkt. Eine Analyse.

  • In Spanien wurde zum zweiten Mal der Corona-Notstand ausgerufen.
  • Neue Maßnahmen gegen eine Verbreitung des Coronavirus sind die Folge.
  • Die zweite Corona-Welle hatte das Land besonders früh getroffen – Beide politischen Lager haben versagt.

Madrid - Am Sonntagabend war es ein Wetter in Madrid, dass man keinen Hund vor die Tür jagen mochte. Die Casa Paco, eine dieser Eckkneipen, deren besonderer Charme in der Abwesenheit jedes besonderen Charmes besteht, hatte geschlossen. Hinter den Schaufenstern standen die neu angeschafften Heizpilze, die gegen Wind und Regen auch nichts ausrichten konnten. Dann, um 23 Uhr, trat die Corona-Ausgangssperre in Kraft. Die Menschen blieben, wo sie waren: zu Hause.

25. Oktober 2020: Nichts los auf den Straßen von Barcelona: Vom vergangenen Alarmzustand hat die spanische Bevölkerung vor allem die siebenwöchige Ausgangssperre, von Mitte März bis Anfang Mai, in Erinnerung.

Corona-Krise in Spanien: Zweiter nationaler Notstand angesichts rapide steigender Neuinfektionen

Am Mittag hatte die Regierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez den Alarmzustand verhängt, den zweiten in diesem Jahr. Den ersten hatte sie Mitte März ausgerufen, und er dauerte gut drei Monate. Der Juli danach fühlte sich sehr entspannt an. Im August begannen die Corona-Infektionszahlen erneut stark zu steigen. Seitdem befinden sich die Menschen Spaniens wieder in ihrem ganz persönlichen Alarmzustand, die einen mehr, die anderen weniger. Nun gilt er auch offiziell.

Vom vergangenen Corona-Alarmzustand hat die Bevölkerung in Spanien vor allem die siebenwöchige Ausgangssperre, von Mitte März bis Anfang Mai, in Erinnerung. Die meisten Menschen nahmen sie klaglos hin, weil die Bilder von der Gesundheitsfront einen Eindruck von der Not gaben: die überfüllten Krankenhäuser, in denen Patient:innen manchmal in den Fluren auf dem Fußboden lagen, das Notlazarett in den Messehallen, in denen sich Bett an Bett reihte, der Eispalast, in dem sich die Särge der Todesopfer stapelten. Fast jeder kannte jemanden, der mit dem Tod gerungen hatte oder ihm erlegen war. Jeden Abend beklatschten die Menschen das heldenhafte Personal der Kliniken und Pflegeheime und sangen: „¡Resistiré! – Ich werde durchhalten.“

Spanien: Zweite Corona-Welle traf das Land besonders früh – Politik versagt

Sie hielten durch, Spanien erholte sich, nur gelernt hatte es nichts. Überall fehlten Rastreadores, die Nachverfolger:innen der Ansteckungsketten. Deswegen kam die zweite Welle besonders früh. Natürlich gibt es auch Menschen, die sich für unverletzlich, und einige, die das Coronavirus für eine Erfindung halten. Aber wahrscheinlich sind sie nicht weiter verbreitet als im Rest Europas.

Dafür sitzt in Spanien die ideologische Lagermentalität besonders tief. Versagt haben in diesen Monaten beide politischen Lager. Unangenehm hervorgetan hat sich die konservative Regionalpräsidentin von Madrid, Isabel Díaz Ayuso, die alles Corona-Übel der linken nationalen Regierung von Pedro Sánchez zuschrieb und dabei vergaß, selbst eine bessere Politik zu machen.

Corona-Krise: Zweiter nationaler Notstand im Land – Regierungschef übernimmt Verantwortung

Die Verhängung des Alarmzustands in Spanien ist ein guter Schachzug des Regierungschefs: Er übernimmt Verantwortung für die Gesundheitspolitik – die in normalen Zeiten Sache der 17 Regionalregierungen ist –, überträgt diese Verantwortung aber zugleich wieder in großen Teilen zurück an die Regionen. Das klingt verwirrend, hat aber einen Vorteil: Die Eingriffe in die Freiheitsrechte der Bürger:innen sind gerichtsfest.

Der Sozialdemokrat Sánchez möchte diesen Zustand ein halbes Jahr beibehalten. Als Chef einer Minderheitsregierung ist Sánchez auf die Unterstützung der Opposition angewiesen. Oppositionsführer Pablo Casado sprach sich am Montag allerdings für einen höchstens achtwöchigen Notstand bis Mitte Dezember aus. So könne man „Weihnachten retten“, sagte der Chef der Volkspartei (PP). Vorerst bleibt der Alarmzustand zwei Wochen in Kraft.

Statt einer allgemeinen gilt nun im ganzen Land (außer auf den Kanaren) eine nächtliche Ausgangssperre von elf Uhr abends bis sechs Uhr morgens. Das fröhliche spanische Nachtleben ist vorerst tot. Nur in den Krankenhäusern herrscht rund um die Uhr Hochbetrieb. In Spanien sind in diesem Jahr schon 58.000 Menschen mehr gestorben, als zu erwarten gewesen wäre. Das ist der eigentliche Alarmzustand. (mit dpa)

Rubriklistenbild: © Emilio Morenatti/dpa

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