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Hilfe für Geflüchtete

Seenotrettung in der Corona-Krise: „Wir dürfen keinen Menschen ertrinken lassen“

  • Sophie Vorgrimler
    vonSophie Vorgrimler
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Flüchtlingshelfer Joachim Lenz erklärt, warum Leben retten unabhängig von jeder Krise ist. Und warum Verbote oder Hafenblockaden Rettungsschiffe nicht wirklich aufhalten können.

  • Auch während der Corona*-Krise sterben auf dem Mittelmeer Menschen.
  • Mit dem besseren Wetter steigt auch die Zahl der versuchten Überfahrten.
  • Joachim Lenz erklärt, warum Seenotrettung auch in der Corona-Krise wichtig ist.

Joachim Lenz (58) ist ehrenamtliches Mitglied des Vereins United4Rescue und engagiert sich seit Jahren für die Seenotrettung. Der evangelische Pfarrer aus Mönchengladbach war fünf Jahre Direktor der Berliner Stadtmission. Die „Sea-Watch 4“ begleitet er aus dem Backoffice. 

Herr Lenz, auch für die Seenotrettung gibt es eine Saison: Sie beginnt jetzt. Wieso eigentlich?

In den letzten Jahren hat sich das so abgezeichnet. Im Sommer sind die Wetterbedingungen für die Überfahrt einfach besser als im Winter. Aber trotz Wind und Wellen und kaum Rettungsschiffen im Mittelmeer, haben sich in den letzten Wintermonaten Menschen auf den Weg nach Europa gemacht; einige sind dabei ertrunken. Daran zeigt sich, dass Seenotrettung keinen Pull-Effekt hat. Das gängige Argument – Seenotrettung motiviert zur Überfahrt – ist also falsch.

Das Schiff, das Ihr Verein United4Rescue gekauft hat, wird zur Zeit umgebaut. Was muss die „Sea-Watch 4“ können?

Forschungslabors sind zu Schlafkojen umgebaut worden. Es braucht eine Krankenstation und Betten für Schutzbedürftige, also Kinder, Frauen und Alte. Außerdem braucht es kleinere Schlauchboote, um die Menschen aus dem Wasser fischen zu können. Das Personal muss gesundheitlich stabil sein. Seenotrettung ist hart, da muss man zusehen, dass man seelisch nicht untergeht.

Seenotrettung: „Die Kirche ist keine Reederei“

Der Verein United4Rescue scheint gut vernetzt zu sein: Er hat Hunderte Partner; die Organisation Sea-Watch wurde mit der Rettung beauftragt.

Der Impuls für den Kauf kam von der evangelischen Kirche, die sich schon lange für die Seenotrettung einsetzt. Dafür wurden ein Verein gegründet und ein Bündnis eingegangen. Aber es war gleich klar: Die Kirche ist keine Reederei, die operative Verantwortung muss bei Fachleuten liegen. Sea-Watch hat Erfahrung, ihnen haben wir zugetraut, auch ein zusätzliches Schiff zu ihrer „Sea-Watch 3“ betreiben zu können.

Mit welchem Ziel hat Ihr Schiff dann am Rosenmontag Kiel verlassen?

Was wir als Bündnis machen, ist nichts Verbotenes, sondern das, was eigentlich die Staatengemeinschaft machen müsste. Bis vor eineinhalb Jahren hat die Nato mit Militärschiffen Menschen aus dem Meer gerettet. Wir wollen für die Seenotrettung werben und ihren Ruf entkriminalisieren. Viele glauben ja immer noch, Seenotretter würden mit Schleppern kooperieren. Um das zu widerlegen, sind die Schiffe so verkabelt, das alles was passiert, nachvollzogen werden kann. Aber es gibt Reedereien, die andere Wege fahren, damit ihnen bloß keine Flüchtenden begegnen. Auch der Grenzschutz Frontex meidet bestimmte Gewässer. Das hat System. Juristisch ist das eindeutig: Wer jemanden sieht, der zu ertrinken droht, ist verpflichtet, ihn zu retten. Solange andere das nicht tun, übernehmen wir das.

Corona-Krise stellt Seenotrettung auf den Kopf

Und danach?

Wir fordern, dass Geflüchteten sichere Häfen ermöglicht werden. Und das kann nicht in Libyen sein, wo die Vereinten Nationen davon sprechen, dass Menschen in „Concentration Camps“ leben. Stattdessen sollen Städte und Kommunen, die Schutzsuchende aufnehmen möchten, das auch dürfen. Die vergangenen Monate zeigen leider, dass viele die Köpfe einziehen, auch weil sie den Rechtsnationalen keine Argumente geben wollen.

Durch das Coronavirus wird gerade alles auf den Kopf gestellt. Ändert das Ihre Pläne?

Am Hafen von Burriana (in Spanien, d. Red.) konnten die Handwerker eine Zeit lang nicht mit der Arbeit an der „Sea-Watch 4“ weitermachen, weil Lieferungen fehlten. Formal und technisch wird es natürlich schwieriger. Man braucht Atemschutzmasken und die Crew muss geschützt werden. An der rechtlichen Situation hat sich durch Corona aber nichts geändert. Die, die zu ersaufen drohen, haben ein Recht auf Hilfe. Alles andere sind Vorwände. Es darf auch nicht sein, dass Griechenland sagt, wir setzen das Asylrecht aus.

Seenotrettung: Malta und Italien missachten das Seerecht

Trotzdem lag das Rettungsschiff „Alan Kurdi“ mit 150 Geflüchteten tagelang vor Palermo fest, wegen Corona durfte es nicht anlegen. Von der NGO „Alarm Phone“, bei der sich Menschen auf dem Wasser in Not melden können, hieß es jüngst, ein Boot mit Migranten sei sogar von der maltesischen Küstenwache attackiert worden.

Italien kann mit guten Gründen sagen, dass sein Gesundheitssystem an der Grenze ist. Trotzdem darf man keine Menschen ertrinken lassen. Malta und Italien missachten das Seerecht. Sie haben die Information, dass Menschen in Gefahr sind, und reagieren einfach nicht. Eigentlich sollte sich die Europäische Kommission kümmern, die verweist aber auf die einzelnen Länder. Weil man Sorge hatte, die Flüchtlinge könnten Corona haben, hatte man dann die Idee, dass sie auf einem anderen Schiff in Quarantäne gehen. Das kam aber tagelang nicht.

Wie geht United4Rescue mit der Aufforderung des deutschen Innenministeriums um, die Seenotrettung auszusetzen?

Das ist unsäglich. Alle Seenotretter-Organisationen haben vor zwei Wochen ein Schreiben eines Staatssekretärs aus dem Innenministerium bekommen, mit der Aufforderung: Lauft bitte nicht mehr aus. Wir Seenotretter können die Migrationskrise nicht lösen, wir sagen auch nicht, dass alle Geflüchteten für immer hier bleiben sollen. Aber wir stehen dafür: Wir dürfen keine Menschen ertrinken lassen. Es ist doch kein Argument, die einen sterben zu lassen, um andere vermeintlich zu retten. Die Menschenrechte sind durch Corona nicht ausgehebelt. Aber es wirkt sich auf die Seenotrettung aus.

Wenn es mit der „Sea-Watch 4“ dann losgeht – wo sind zur Zeit die „Hotspots“, zu denen die Retter vor allem hinmüssen?

Das gefährlichste Gewässer der Welt ist das Mittelmeer, seit 2015 sind dort laut UN etwa 20 000 Menschen auf der Flucht ertrunken. Die schmalste Stelle ist die Straße von Gibraltar, aber dort gibt es hohe Zäune. Deshalb ist die zweitschmalste Stelle – die Strecke zwischen Libyen und Italien, mit Malta dazwischen – der wichtigste Fluchtweg. Aus Libyen fliehen viele. Dort sind die Lager indiskutabel.

Interview: Sophie Vorgrimler

Info zur Seenotrettung

United4Rescue  ersteigerte ein ehemaliges Forschungsschiff, das umgebaut zur „Sea-Watch-4 powered by United4Rescue“ bald vor Libyen kreuzen wird. Finanziert wird das durch die Spenden-Kampagne #WirSchickenEinSchiff.

Auf der „Alan Kurdi“  spitzt sich derweil die Lage weiter zu. Das Rettungsschiff liegt seit rund zehn Tagen mit 149 Geflüchteten an Bord vor der italienischen Küste. Erst am Sonntag bot Rom an, die Menschen auf einem größeren Schiff in Quarantäne zu übernehmen – seitdem tut sich aber nichts. Drei der Flüchtlinge mussten am Donnerstag evakuiert werden. Andere wollten ins Wasser springen, um Küstenwachboote in der Nähe zu erreichen. 

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