Corona-Krise

Russland: Corona-Zahlen steigen auf Rekordhoch - „Leichenhallen sind voll“

  • Stefan Scholl
    vonStefan Scholl
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In Russland droht die zweite Corona-Welle außer Kontrolle zu geraten. Doch anders als im Frühjahr bleibt die Staatsmacht zögerlich.

  • In Russland gibt es immer mehr Corona-Neuinfektionen.
  • Ein deutlicher Rückgang der Infektionszahlen wird erst im Februar oder März erwartet.
  • In der Moskauer U-Bahn halten sich die Bürger nicht immer an die Maskenpflicht.

Moskau - Anna Pawlowna hat es geschafft. Die 71-jährige Rentnerin lag zehn Tage mit hohem Fieber und Lungenentzündung in einem Moskauer Krankenhaus. Es gelang den Ärzten, sie mit Antibiotika-Spritzen zu kurieren. Aber Anna Pawlowna sagt, das Coronavirus breite sich schnell aus. „Als ich eingeliefert wurde, herrschte in der Station noch Leere. Bei meiner Entlassung waren alle Betten voll, die ersten Patienten lagen schon im Flur.“

Russland: Höchstmarke der ersten Welle übertroffen

Die zweite Welle der Covid-19-Pandemie droht auch in Russland zum Tsunami zu geraten. Nach Angaben der Behörden stieg die Zahl der Neuinfizierten gestern auf die Rekordzahl von 14.231, deutlich über die Höchstmarke der ersten Welle von knapp 11.700 am 11. Mai. Anfang September hatte sie noch bei 4.700 gelegen. Laut dem staatlichen Epidemiologen Alexander Gorjelow werden diese Zahlen noch 20 Tage ansteigen. Ein wesentlicher Rückgang der täglichen Infektionen werde erst im Februar oder März zu erwarten sein.

Die hohe Zahl der Infizierten überfordert das russische Gesundheitssystem.

Corona-Krise: Intensivstation und Leichenhalle in Russland sind voll

Offiziell starben gestern 239 Russen an Corona, mehr waren es nur am Vortag, als 244 Patienten dem Virus erlagen. Viele Statistiker und Mediziner behaupten, die tatsächlichen Zahlen seien mindestens doppelt so hoch. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums sind 90 Prozent der Krankenhausbetten belegt. Anastasia Wassiljewa, Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Aljans Wratschej, twittert, tatsächlich seien es schon 200 Prozent. Ein Arzt aus der Region Krasnodar sagte der Internetzeitung meduza.io, jeder Kollege in seiner Abteilung müsse 45 Kranke statt der Norm von 20 Patienten behandeln. Die Leute warteten in der Notaufnahme drei bis vier Stunden, weil nur ein Computertomograph da sei. „Die Intensivstation ist voll, die Leichenhalle auch.“

Das Virus trifft vor allem Ärzte und Pfleger. Auf einer „Liste des Gedenkens“, die ihre Kollegen im Internet führen, sind schon 733 tote Mediziner aufgeführt. Das sind mehr als doppelt so viele Corona-Opfer, wie Finnland insgesamt zu beklagen hat.

Moskau: Herbstferien um eine Woche verlängert

Moskaus Bürgermeister Sergei Sobjanin äußerte angesichts von täglich über 1.200 hospitalisierten und fast 5.000 neuen Corona-Patienten in der Hauptstadt „gewaltige Besorgnis“. Aber während im Frühjahr in Moskau und anderen russischen Regionen ein strenger Lockdown und teilweises Ausgehverbot herrschte, begnügen sich die Behörden bisher mit Einzelmaßnahmen. Der Kreml ernannte Ex-Premierminister Dmitri Medwedew zum Leiter einer neuen Kommission zur Bekämpfung von Viruserkrankungen. Der schon existierende operative Stab zum Kampf gegen Covid-19 rief die Russen auf, keine öffentlichen Plätze aufzusuchen. Und die Herbstferien der Moskauer Schulen wurden um eine Woche verlängert. Danach sollen alle Schüler ab der sechsten Klasse zwei weitere Wochen Fernunterricht bekommen.

Dmitri Medwedew ist neuer Leiter der Kommission zur Bekämpfung von Viruserkrankungen.

Bars, Fitnessstudios und Kirchen bleiben geöffnet und werden gut besucht. In der Moskauer U-Bahn trägt auch in Stoßzeiten kaum die Hälfte der Passagiere die vorgeschriebenen Masken. Aber die Staatsmacht will offenbar einen neuen Lockdown und dessen wirtschaftlichen Folgen vermeiden.

Medien in Russland berichten von entwickelten Corona-Impfstoffen

Ihre Medien berichten hoffnungsvoll von den zwei inzwischen in Russland entwickelten Covid-19-Impfstoffen, die allerdings die obligatorischen Massentests noch nicht durchlaufen haben. Industrieminister Denis Manturow kündigte an, im Dezember würde man die ersten 1,5 Millionen Impfdosen auf den Markt bringen. „Ein paar Monate“, sagte Sobjanin, „müssen wir noch aushalten.“

Anna Pawlowna sitzt auf ihrer Datscha in einem Dorf südlich von Moskau ihre zweiwöchige Quarantäne ab. Sie hat Probleme mit dem Magen und fühlt sich schwach. Aber jetzt sind auch hier viele Leute krank geworden. Im Nachbarhaus hätten alle das Coronavirus, sogar die Kinder. Am schlechtesten ginge es der Mutter, einer Krankenschwester, sagt die Rentnerin. „Und wissen Sie, die offiziellen Zahlen stimmen nicht. Selbst mir haben sie in der Klinik kein Covid-19 diagnostiziert.“ (Stefan Scholl)

Rubriklistenbild: © Yuri KADOBNOV/AFP

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