Berittene Polizisten kontrollieren - ob ein anonymer Anrufer dahintersteckt? Anne-Christine POUJOULAT/AFP
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Berittene Polizisten kontrollieren - ob ein anonymer Anrufer dahintersteckt?

Corona-Krise

Ausgangssperre in Frankreich oder die Zeit der Denunzianten

  • Stefan Brändle
    vonStefan Brändle
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Viele Franzosen wählen den Notruf, wenn sich Menschen nicht an die Ausgangssperre zur Eindämmung des Coronavirus halten.

  • In Frankreich herrscht wegen Corona die Ausgangssperre.
  • Nicht alle halten sich daran.
  • Viele haben Angst vor einer Ansteckung mit Covid-19.

Paris – Man muss sich Monsieur Dupont vorstellen, wie er hinter dem Vorhang steht und den spielenden Kindern auf der leeren Straße zuschaut. Dann greift er zum Telefon und wählt die 17 – den Notruf der Polizei. Oder er schreibt ihr einen anonymen Brief, in dem er sich über die Missachtung der Ausgangssperre durch gewisse Nachbarn beklagt.

Corona-Krise in Frankreich - Viele halten sich nicht an die Ausgangssperre

Manchmal gehen die Denunzianten auch subtiler vor. Monique (Name geändert), neu in einem kleinen Dorf im Süden von Paris wohnhaft, erhielt vergangene Woche Besuch von einer Nachbarin, die es „gut meint“. Sie wollte ihr nur mitteilen, dass sie von anderen Nachbarn „gehört“ habe, dass sie sie dem Bürgermeister melden wollten. Denn Moniques Mann verlasse häufig die Wohnung und kehre spätabends zurück.

Was stimmt: Moniques Lebenspartner ist Polizist und hat unregelmäßige Einsatzzeiten. Den „Nachbarn“ – welchen, wollte die direkte Nachbarin nicht sagen – passt das nicht. Seither hat Monique, wie sie am Telefon erzählt, selbst Angst, einen Fuß vor die Tür zu setzen, um auch nur einkaufen zu gehen.

Denunzieren in der Corona-Krise? Thema in Frankreich tabu

In Frankreich ist das Thema Denunzieren ziemlich tabu, auch wenn nicht ganz selten. Die Polizeigewerkschaft „Alternative“ hat im Bereich Ostfrankreich ausgerechnet, dass an einzelnen Orten 70 Prozent der aktuellen Notrufe Denunziationen ausmachten. Dieses unerwünschte Verhalten banalisiere sich zunehmend, meint Alternative-Sprecher Sylvain André. Um die drei wichtigsten Beispiele aufzuzählen: „Sie teilen uns mit, eine Person sei an einem Tag vier- oder fünfmal mit dem Hund Gassi gegangen; eine andere Person sei mehrmals einkaufen gewesen, oder Jugendliche trieben Sport.“

Das Motiv hinter diesem Verhalten ist natürlich die Angst vor einer Ansteckung mit Covid-19. Die meisten der selbst ernannten Wächter der öffentlichen Ordnung bleiben anonym. Ein wenig wie die legendäre Figur des „corbeau“, des Raben, der in französischen Kriminalfilmen häufig eine üble Rolle spielt.

Frankreich: Kritik an den Denunzianten in Zeiten von Corona

Andere Citoyens stehen offen dazu, dass sie sich über allzu sorglose Nachbarn beschweren. Die Pariser Gemeinde Montgeron ruft ihre Einwohner sogar dazu auf. „Wenn Sie Zeuge der Nichtbefolgung der Ausgangssperre werden, bitte ich Sie, dies der städtischen oder nationalen Polizei zu melden“, schrieb Bürgermeisterin Sylvie Carillon in einem öffentlichen Aushang. Als das Lokalblatt darüber berichtete, rechtfertigte sie sich, die Aufforderung gelte für zwei Wohnviertel, in denen die Regeln nicht befolgt würden: „In den Treppenhäusern bilden sich jeden Tag Gruppen von 15 Personen, und das bisweilen bis zwei Uhr morgens. Die anderen Einwohner sind traumatisiert, sie können nicht mehr schlafen.“

Andernorts mehrt sich die Kritik an den Denunzianten. Twitterkommentare bemühen den vom Vichy-Regime geförderten und finanziell unterstützen Verrat jüdischer Nachbarn im Zweiten Weltkrieg. Dieser Vergleich geht sicher zu weit, gilt es doch angesichts einer hochansteckenden Krankheit durchaus, wachsam zu sein. Doch schließt das auch das Denunzieren ein?

Corona in Frankreich: Vertreter des Pflegepersonals werden attackiert

Der Stadtrat des 20. Bezirks von Paris fordert seine Mitbewohner offen auf, vom Anschwärzen anderer abzusehen. „Wir erhalten eine Lawine von Denunziationen, Anrufen, Mails, sogar Fotos“, berichtet Bürgermeisterin Frédérique Calandra von der Macron-Partei LRM. „Ich verstehe zwar Augenzeugen, die sich über die Präsenz von Drogenhändlern oder fliegenden Zigarettenverkäufern empören. Aber es ist schlicht verboten, Eltern vom Fenster aus zu fotografieren, die sich mit ihren Kindern die Beine vertreten.“ Die Notrufrummer 17, so Calandra, müsse für dringende Einsätze reserviert bleiben

Opfer anonymer Rabenbriefe werden in Frankreich zunehmend auch Vertreter des Pflegepersonals. Am Freitag wurde in Bayonne am Atlantik ein Paar zu 120 Stunden Gemeinschaftsarbeit verurteilt, weil es drei in der Nähe lebenden Krankenschwestern anonyme Briefe geschickt hatte. Sie gipfelten in der Aufforderung, wegzuziehen, um der Virusverbreitung keinen Vorschub zu leisten

In der Nähe von Saint-Etienne machte eine Krankenschwester nun ein solches Schreiben publik. „Hinter Ihrem Rücken beklagen sich alle Mieter über Ihre Präsenz“, steht in dem handschriftlichen Brief, gefolgt von der Aufforderung: „Verlassen Sie den Wohnblock so schnell wie möglich!“ Und weiter heißt es: „Außerdem wirken Sie sehr arrogant.“

Und noch eine andere Seite der Ausgangssperren zeigt sich. In den Vorstädten gehrt es erneut - und das, während viele Menschen wegen des Coronavirus eigentlich zuhause bleiben sollten.

Von Stefan Brändle

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