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Einschulung mit Maske: Auch in Lankow in Mecklenburg-Vorpommern sind die Sommerferien zu Ende. Jens Büttner/dpa
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Einschulung mit Maske: Auch in Lankow in Mecklenburg-Vorpommern sind die Sommerferien zu Ende. Jens Büttner/dpa

Coronavirus

Corona-Politik wird auf dem Rücken von Kindern und Jugendlichen ausgetragen

  • Nina Luttmer
    VonNina Luttmer
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Das Wohl und die Rechte von Kindern und Jugendlichen werden in der Corona-Pandemie brutal missachtet – dabei sind sie die Zukunft. Eine Brandrede von Nina Luttmer.

Frankfurt – Ich bin wütend. Dabei bin ich kein Mensch, der wahnsinnig schnell wütend wird. Ich würde mich als sehr anpassungsfähig und ausgeglichen beschreiben – schöne Momente kann ich genießen und schlechte Phasen mit viel Optimismus gut meistern. Aber die Art und Weise, wie in unserem Land seit fast eineinhalb Jahren mit Kindern und Jugendlichen – und mit den Eltern, zu denen auch ich gehöre – umgegangen wird, macht mich nur noch fassungslos. Ich fühle mich ohnmächtig, von der Politik ungehört, im Stich gelassen – und das Gefühl der Ohnmacht erzeugt Wut.

Ich kann nicht den einen Grund benennen, der zu diesem Gefühl geführt hat. Es kommen so viele Dinge zusammen. Aber mein Fazit ist klar: Die deutschen Politikerinnen und Politiker interessieren sich nicht für das Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen. Sie behaupten das zwar, aber es sind leere Worthülsen – am Ende werden immer und immer wieder Entscheidungen auf dem Rücken der Jüngsten dieser Gesellschaft gefällt.

Corona: Die Politik hat die Zeit nicht genutzt, um sich Konzepte für die Schulen zu überlegen

Den ersten Lockdown im Frühjahr 2020 haben viele Familien noch halbwegs gut hinbekommen. Viele dachten ja, dass der Spuk dann bald vorbei ist. Aber müde waren dennoch fast alle. Kinder bespielen, Homeschooling, nebenbei arbeiten, kochen, den Haushalt schmeißen, streitenden Nachwuchs trennen und dabei möglichst wenig vor die Tür gehen – Spielplätze und alles, was Kindern sonst Spaß bereitet, waren ja sowieso abgesperrt und geschlossen – das hat auch bemühte Eltern geschafft. Und die Kinder sowieso. Kinder waren damals öffentlich als potenzielle Virenschleudern gebrandmarkt; wie oft habe ich meine Kinder im Supermarkt oder anderswo gemaßregelt, weil sie zu nah an andere Menschen rangingen und sich böse Blicke einfingen.

Dabei muss ich sagen: ich war privilegiert. Nach einigen Wochen Lockdown durfte ich meine Kinder in die Notbetreuung von Schule und Kita bringen. Was die Kinder genossen haben: Endlich wieder raus, endlich andere Kinder sehen! Viele Freundinnen haben mich um den Anspruch auf Notbetreuung beneidet – und ich habe mich deswegen schuldig gefühlt.

Dann aber kam der Herbst. Und man merkte schnell: Die Politik hatte die Zeit nicht genutzt, um sich auch nur ansatzweise Konzepte für die Schulen zu überlegen. Es hieß: Die Schulen sollen nicht mehr schließen. Statt dessen wurden sie monatelang dicht gemacht. Luftfilter gibt es bis heute in den wenigsten Schulen. Eine Freundin erzählte mir kürzlich, in der Grundschule ihrer Tochter hätten die Eltern einzelner Klassen dazu aufgerufen, Geld für Luftfilter zu spenden. Ein Vater habe 3000 Euro gegeben – und sei dafür von den anderen Eltern der Klasse auf dem Schulhof laut beklatscht worden.

Kinderfeindliche Regeln in der Corona-Krise: Mundschutz komplette Schulzeit tragen

Sieht so die Zukunft unseres Bildungssystems aus? Dass nur die Schulen oder sogar Klassen mit essentiellen Dingen ausgestattet werden, die einen edlen Spender finden? Es ist ein Armutszeugnis für ein wohlhabendes Land wie Deutschland. Genau wie die Tatsache, dass so viele Schulen auch heute, eineinhalb Jahre nach Pandemiebeginn, noch kein Wlan haben. Oder die Tatsache, dass wegen der Überlastung der Gesundheitsämter die Schuleingangsuntersuchungen, in denen Kinder vor der Einschulung gründlich durchgecheckt werden, seit eineinhalb Jahren einfach auf ein Minimum reduziert beziehungsweise in vielen Regionen komplett ausgesetzt sind.

Die Regeln, die dann noch kamen, waren oftmals regelrecht kinderfeindlich. So mussten und müssen die Kinder, je nach Region, die komplette Schulzeit über einen Mundschutz tragen – und nachmittags im Hort ebenfalls. Haben Sie schonmal den kompletten Tag, von morgens um acht bis nachmittags um fünf mit Ausnahme der Essenspausen Mundschutz getragen? Die wenigsten Erwachsenen müssen das durchleben – und die, die es müssen, wissen, wie hart das ist. Von Kindern wurde und wird es teils immer noch verlangt. Und zwar sogar im Sportunterricht, auf dem Schulhof oder beim Toben im Hort. In Frankfurt ging es so weit, dass selbst auf den Spielplätzen in der Innenstadt, wohin die Hortkinder nachmittags oft gingen, um wenigstens draußen sein zu können, Mundschutz getragen werden musste.

Corona-Pandemie: Auf dem Schulhof waren rot-weiße Absperrbänder gespannt

Ich bin einmal zufällig zur Pausenzeit an der Grundschule meines älteren Sohns vorbeigefahren. Überall auf dem Schulhof waren rot-weiße Absperrbänder gespannt. So wurden die Jahrgangsstufen monatelang voneinander getrennt – jede Stufe musste in ihrem Quadranten bleiben. Ich sah meinen Sohn an einem der Bänder auf- und ablaufen, er feuerte seine Freunde an, die auf der anderen Seite Fußball spielten – er durfte nicht rüber.

Eine Freundin von ihm, neun Jahre alt, saß weinend am Zaun. Ich habe sie gefragt, was los ist, und sie sagte: „Niemand spielt mit mir. Alle meine Freunde sind auf der andere Seite des Bands, ich darf nicht rüber. Und warum muss ich auf dem Schulhof Mundschutz tragen, obwohl ich heute Morgen getestet worden bin?“ Ich hatte keine Antwort darauf.

Das ewige Testen schmerzt mich. Zwei Mal die Woche – nach den Sommerferien sogar drei Mal – müssen die Kinder morgens in der Schule einen Selbsttest machen. Ich bin nicht dagegen, es erhöht die Sicherheit in den Schulen. Was dann aber einfach zu weit geht, ist, dass Kinder – die bislang ja nun einmal nicht geimpft werden können – auch nachmittags, je nach Region und ihren Regeln, immer und immer wieder getestet werden. Wenn sie ins Hallenbad wollen: Test! Wenn Sie ins Kino wollen: Test! Wenn sie ins Restaurant wollen: Test! Wenn sie ins Theater wollen: Test! Denn die Schulen verteilen keine Testzertifikate.

Viele Familien haben seit Monaten auf den Urlaub hingefiebert

Aber Tests in den Schulen sind ja inzwischen Usus. Warum reicht das also nicht, und man stellt die Kinder, zumindest außerhalb der Ferien, von weiteren Tests frei? Mein Sohn hat teils sechs Mal die Woche ein Stäbchen in der Nase und es belastet ihn sehr. Und er ist da bestimmt nicht der einzige. Warum ist das nötig?

Und nun die Urlaubsregeln. Für viele Familien ist der Urlaub etwas, worauf sie seit Monaten hingefiebert haben. Endlich mal raus, was anderes sehen, Luft holen, Kraft tanken. Nicht wenige – ich gehöre dazu – wollen nun Urlaube antreten, die eigentlich für 2020 geplant und wegen Corona umgebucht werden mussten. Und auch deswegen oft nicht einfach so erneut umgebucht werden können.

Jetzt gibt es Quarantäneregeln für sogenannte Hochrisikogebiete. Und zwar: für Ungeimpfte. Und dazu gehören nun einmal grundsätzlich alle Kinder unter zwölf Jahren und auch die meisten darüber. Was das für Familien bedeutet? Jeden Tag können Gebiete in andere Risikolagen hoch- oder runtergestuft werden, jeden Tag kann die Politik neue Regeln erlassen. Ein vollkommen unberechenbares finanzielles Risiko und eine emotionale Belastung vor allem für Familien mit Kindern. Schön für alle diejenigen, die in Bundesländern leben, deren Sommerferien früh begonnen haben und die ihren Urlaub längst hinter sich haben …

Kinder können nun einmal nicht geimpft werden gegen Corona

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagt dazu: „Für Geimpfte und Genesene sollte es freie Fahrt geben. Damit wird die 4. Welle begrenzt“. Wo aber bleibt in solchen Kommentaren der Hinweis darauf, dass Kinder nun einmal nicht geimpft werden können – und dass sie daher nicht behandelt werden sollten wie Impfverweigerer?

Auf EU-Basis gab es Vorschläge, Kinder von geimpften Eltern nicht in Quarantäne zu schicken. Das wäre nur fair, sozusagen eine Belohnung für all die Eltern, die eine Impfung wahrgenommen haben. Zudem würde es ganz sicher viele impfskeptische, aber reiselustige Eltern überzeugen, sich impfen zu lassen. Ich hätte auch kein Problem damit, wenn man die Kinder sicherheitshalber bei Einreise einmal testet, wie es bei Flugreisen ja ohnehin der Fall ist. Aber es sind ja nicht die Kinder, die das Coronavirus vermehrt aus dem Ausland einschleppen. Es sind eher Erwachsene im Feiermodus, die das tun – nicht die Kleinsten, die am Strand Sandburgen bauen. Dennoch belastet die Politik erneut die Kinder und Familien mit ihren Vorgaben.

Depressionen und Essstörungen haben in der Corona-Pandemie bei Kindern extrem zugenommen

Nun gibt es ja bereits Berichte, dass Eltern, die dennoch mit ihren Kindern den Urlaub antreten und diese dann notgedrungen anschließend fünf Tage in Quarantäne halten müssen, Bußgelder zahlen müssten, wenn die Kinder die ersten Schultage verpassen. Schließlich gelte Schulpflicht. Das liest sich für Eltern wie ein schlechter Scherz. Eineinhalb Jahre lang hat der Staat uns das Gefühl gegeben, dass Schule und Bildung in diesem Land von absolut nachrangiger Bedeutung sind, dass es okay ist, wenn Kinder gar nicht oder nur ab und zu mal zur Schule gehen, wenn sie von Eltern nebenher zu Hause unterrichtet werden – oder bei wenig engagierten Eltern halt auch gar nicht – und nun sollen fünf Tage Quarantäne, die der Staat den Kindern auferlegt, zu Strafzahlungen führen?

Man traut da seinen Ohren nicht mehr. Denn in der Politik wird ja nun auch schon seit Wochen diskutiert, ob es nach den Sommerferien erneut Wechselunterricht geben muss – ein Gedanke, der schon jetzt viele Eltern und Kinder emotional extrem belastet. Da ist die Schulpflicht dann doch nicht mehr so wichtig.

Bildung und die psychische und körperliche Gesundheit von Kindern und Jugendlichen haben in Deutschland keine politische Priorität. Dabei ist inzwischen bekannt, dass Depressionen und Essstörungen unter Kindern in der Pandemie extrem zugenommen haben, dass viele Kinder wegen Bewegungsmangels zu dick geworden und sehr viele vereinsamt sind.

Die Corona-Pandemie verändert die Art, wie Kinder die Welt und andere Menschen sehen

Als ich meinem achtjährigen Sohn im Mai freudig mitteilte, dass er nun wieder jeden Tag in die Schule gehen darf, war er vollkommen entsetzt: „Wie – jeden Tag? Nee Mama, das mache ich nicht“, sagte er. Er war nie ein begeisterter Schulgänger. Aber in seinen bisher zwei Schuljahren gab es auch kaum normalen Unterricht – er kann sich also gar nicht vorstellen, dass man jeden Tag zur Schule gehen muss, und dass „jahrelang“?, wie er entgeistert fragte.

Mit meinem jüngeren Sohn, der fünf ist, las ich kürzlich das Bilderbuch Peter Pan. Auf einer Seite sieht man den Indianerhäuptling, der die verwunschenen Kinder knebelt (um gleich aufgeregten Leserbriefen vorzugreifen: Nein, das ist kein gewaltverherrlichendes Buch. Und die Märchen der Brüder Grimm sind ja auch an manchen Stellen durchaus grausam). „Warum tragen die alle einen Mundschutz?“, fragte mein Sohn. Ich habe ihm versucht zu erklären, dass das Knebel sind, damit die Kindern nicht schreien können. „Ich kann unter meinem Mundschutz aber schreien“, erwiderte er.

Meine Kinder sind psychisch sehr gut durch die Pandemie gekommen. Aber sie macht etwas mit ihnen. Sie verändert die Art, wie sie die Welt und andere Menschen sehen. Ich wünsche mir, dass es keine Zeit wird, die sie sehr negativ prägt – und sehe da auch die Politik in der Pflicht.

Ich bin keine „Querdenkerin“ und war auch nicht auf Corona-Demonstrationen

Nicht alle Eltern teilen meine Gefühle und meine Wut, das ist mir vollkommen klar. Aber ich weiß aus unzähligen Gesprächen mit Freundinnen und Freunden, mit Unbekannten auf dem Markt oder in der Bahn, mit Ärztinnen und Ärzten, alle mit Kindern, dass es sehr vielen genauso geht wie mir. Ich möchte betonen: Ich bin keine „Querdenkerin“. Ich war während der Pandemie auf keinen Demonstrationen, habe mich an keinen Corona-Diskussionen in sozialen Netzwerken beteiligt und bezweifele nicht, dass wir es hier mit einer sehr gefährlichen Krankheit zu tun haben. Und auch die meisten Eltern, mit denen ich mich über das Thema Kinder und Corona unterhalten habe, gehören nicht in die Kategorie Corona-Leugner:innen.

Natürlich möchte ich nicht, dass meine Kinder an Corona erkranken und vielleicht Long Covid bekommen. Aber ich mache mir mehr Sorgen darüber, was die ganzen Beschränkungen und Regeln, die den Kindern auferlegt werden, seelisch und körperlich mit ihnen machen. Die Politik sollte die Kinder und Jugendlichen endlich von der Leine lassen und diejenigen in die Pflicht nehmen, die ohne Not die weiteren Treiber dieser Pandemie sein könnten: Die ungeimpften Erwachsenen. Sie müssten von Freizeitangeboten ausgesperrt werden, auf eigene Kosten dauergetestet – nicht die Jüngsten. Doch die Politik scheint das zu scheuen – schließlich sind bald Wahlen, und man will ungeimpfte potenzielle Wählerinnen und Wähler nicht vergraulen. Kinder dürfen eben nicht wählen.

Ich wünschte, Eltern würden gemeinsam politisch mehr auf sich aufmerksam machen. Sich zusammenschließen und die Rechte ihrer Kinder mehr gegenüber der Politik vertreten. Und ich wünschte, die Politik würde – auch ohne, dass die Eltern auf die Barrikaden gehen – endlich erkennen, dass Kinder und Jugendliche die Zukunft sind und es gilt, diese Zukunft zu schützen und zu fördern. Nicht nur mit Worten, sondern mit Taten. (Nina Luttmer)

Sollen Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren in Deutschland bald gegen Corona geimpft werden? Die Gesundheitsminister von Bund und Ländern beraten am Montag (02.08.2021) über weitere Pläne.

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