Corona in China

Corona-Gefahr aus dem Großmarkt: Epidemiologe warnt vor neuem Virus-Typ

  • vonFabian Kretschmer
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Gesundheitswächter in Peking finden einen neuen Corona-Strang und versetzen die Stadt in Angst. 

  • Peking: 46 neue Corona-Infektionen in zwei Tagen
  • Epidemiologe untersucht neuen Typ des Coronavirus
  • Angst vor zweitem Lockdown: Corona-Maßnahmen wieder verstärkt

Peking – Während die gleißende Junisonne allmählich hinter den Bürotürmen von Pekings Zentrum verschwindet, wischt der Manager einer Bar im Ausgehviertel Sanlitun die staubigen Stühle seiner Terrasse blank. Die Kundschaft bleibt aus. „Peking wird schon wieder extrem streng“, sagt der Mann in sein Handy.

Peking: Corona-Maßnahmen wieder strenger durchgesetzt

Was der Gastronom mit „streng“ meint, lässt sich gleich in der Nähe bei einem Supermarkt beobachten: Mehrere Mitarbeiterinnen ermahnen die Kundschaft vorm Eingang per Megafon, Gesichtsmasken aufzuziehen und einen QR-Code zu scannen. Und in den Wohnsiedlungen der Stadt achten die Nachbarschaftskomitees wieder penibel darauf, niemanden hereinzulassen, der nicht seine Handynummer und Ausweisdaten hinterlässt. 

Fast zwei Monate lang war Peking ohne Neuinfektion. Nun jedoch haben die Gesundheitsbehörden der 21-Millionen-Metropole in den vergangenen zwei Tagen 46 Fälle gemeldet. Was in vielen anderen Ländern wohl ein Erfolg wäre, löst in der Volksrepublik die Angst vor einer zweiten Coronavirus-Welle aus.

Epidemiologe aus Peking: Coronavirus hat sich verändert

Und diese zweite Corona-Welle wäre etwas ziemlich anderes als die erste: So sieht das Zeng Guang, Epidemiologe des Gesundheitsamts, nach der vorläufigen Sequenzierung des Genstamms. Er ist anders als der Typ, der das Land vorher heimgesucht hat. Die Sequenzierung soll nun mit Analysen aus anderen Ländern verglichen werden, um die Herkunft zu ermitteln. 

Das Virus wurde bis zu einem Hackbrett auf dem Xinfadi-Großmarkt – größter Umschlagplatz für Landwirtschaftsprodukte in ganz Asien, deckt 80 Prozent von Pekings Nahrungsbedarf – zurückverfolgt, wo importierter Lachs verarbeitet wurde. Andere Experten aber winken ab: Sie glauben nicht, dass toter Fisch das Virus transportieren könnte.

Peking: Corona auf einem Hackbrett auf Großmarkt

Da mindestens zwei von drei Infizierten nachweislich den Xinfadi besucht hatten, ist der Markt nun geschlossen. Hunderte bewaffnete Polizisten schotteten das umliegende Viertel ab. Haarklein haben dann die Behörden Tausende Proben ausgewertet und 40 Spuren des Virus gefunden – auch auf dem Hackbrett.

Wenige Stunden später nahmen mehrere Supermarktketten alle Lachsprodukte aus dem Sortiment. Gleichzeitig werden die Inspektionen sämtlicher Märkte Pekings verstärkt, der für Montag geplante Unterrichtsbeginn an den Grundschulen ist erneut auf unbestimmte Zeit verschoben und Fernbusse dürfen nun doch nicht wieder ins Umland. Zudem sollen rund 10.000 Mitarbeiter des Xinfadi-Markts getestet werden – und jeder Kunde der vergangenen zwei Wochen.

Drastische Corona-Maßnahmen in Peking

Die drastische Vorgehensweise zeigt, wie riesig die Fallhöhe für das 1,4-Milliarden-Menschen-Land und sein nur rudimentär entwickeltes Gesundheitssystem ist: Die Behörden konnten zwar durch den radikalen Lockdown seit Februar das Virus weitgehend unterdrücken – führten so aber auch den größten Wirtschaftseinbruch fürs erste Jahresquartal seit über 30 Jahren herbei.

Die Regierung kämpft nun mit Investitionspaketen darum, den Arbeitsmarkt im Niedriglohnsektor für die Millionen Arbeitsmigranten aus den Provinzen zu stabilisieren. Ein zweiter Lockdown hätte da katastrophale Folgen.

Corona in Peking: Zweiter Lockdown wäre katastrophal

Für solche Szenarien sei es aber „noch zu früh“, der Ausbruch sei schließlich „nur auf einen Stadtteil Pekings beschränkt“, sagt Jörg Wuttke, Leiter der europäischen Handelskammer in Peking. Den neuen Infektionsstrang findet er erwartbar. Wuttke stößt da in ein Horn mit den Staatsmedien, die Panik für unbegründet halten. Die parteitreue „Global Times“ verweist etwa auf Südkorea, das bereits Erfahrungen mit einer zweiten Welle gemacht habe und sie schlussendlich doch wieder unter Kontrolle bringen konnte.

Auf der privaten Newsplattform „Toutiao Xinwen“ ist hingegen Besorgniserregendes zu lesen: Einer der Infizierten meint, er habe schon vor zehn Tagen Symptome bemerkt. Wie lange also der Infektionsstrang wirklich wütet, weiß niemand. Ende Mai meinten Ärzte, dass Infizierte im Nordosten an der Grenze zu Russland den Erreger wohl länger in sich trügen als bisher dokumentiert – weil die Symptome ausblieben. 

mit dpa

Rubriklistenbild: © Mark Schiefel bein/AP/dpa

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