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Durch den Rückzug in häusliche Bezugsräume sind sie einer viel größeren Kontrolle durch ihre männlichen Mitbewohner oder Partner ausgesetzt.
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Durch den Rückzug in häusliche Bezugsräume sind sie einer viel größeren Kontrolle durch ihre männlichen Mitbewohner oder Partner ausgesetzt.

Pandemie schützt Täter

Im Schatten von Corona: Gewalt gegen Frauen nimmt zu

  • Sabine Hamacher
    vonSabine Hamacher
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Weltweit nimmt die Gewalt gegen Frauen zu. Vieles bleibt verborgen. Die Pandemie schützt die Täter.

Frau Nordmeyer, vergangenes Jahr um den 25. November herum konnte sich der Eindruck einstellen, dass die weltweit und auch in Deutschland verbreitete Gewalt gegen Frauen endlich die nötige Aufmerksamkeit erhält – und dass sich etwas tut. Hat die Pandemie diese positive Entwicklung wieder zurückgedreht?

Eindeutig. Das können wir schon nach zehn Monaten Pandemiegeschehen sagen – und zwar trifft dies weltweit zu. Frauen sind in der Corona-Zeit vielerorts zurückgefallen in häusliche Sorgearbeit, in die Bereiche Erziehung und Pflege. Unglaublich viele haben ihren Job verloren und keiner weiß, ob sie dort je wieder hineinkommen. Durch den Rückzug in häusliche Bezugsräume sind sie einer viel größeren Kontrolle durch ihre männlichen Mitbewohner oder Partner ausgesetzt.

Karin Nordmeyer ist Vorsitzende des Nationalen Komitees der UN Women in Deutschland für die Gleichstellung der Geschlechter und die Stärkung der Frauenrechte. Sie ist Trägerin des Verdienstordens am Bande und als Expertin für Menschenrechtsfragen in nationale und internationale Gremien berufen .

Um es schlicht zu sagen: Sie sind zu Hause eingesperrt …

… und können sich nicht wehren. Diese Isolation hat dazu geführt, dass die Zahl der gewaltsamen Übergriffe gegen Frauen enorm in die Höhe geschnellt ist. Das belegen die tatsächlich angezeigten Gewalttaten, das so genannte Hellfeld; wir gehen aber auch von einem sehr großen Dunkelfeld bei der häuslichen Gewalt aus, was die vergangenen Monate angeht.

Gewalt gegen Frauen nimmt in der Corona-Pandemie zu

Sind Begriffe wie „häusliche Gewalt“ oder „Beziehungsdrama“ nicht unscharf und verharmlosend?

Für „Beziehungsdrama“ stimmt das sicher, aber „häusliche Gewalt“ ist ein spezifischer Gewaltbegriff, der in der Istanbul-Konvention erstmals ganz genau definiert wird (siehe Box auf dieser Doppelseite). Die Gewalttaten gegen Frauen, die sich hinter verschlossenen Türen abspielen, ohne Öffentlichkeit, ohne Zeugen, nennen sich häusliche Gewalt.

Wo ist die Lage besonders schlimm?

Doppelt und dreifach schlimm ist es natürlich für Frauen, die in Regionen leben, die neben Corona noch andere Krisen zu bewältigen haben – als da sind kriegerische Konflikte oder klimabedingte Naturkatastrophen. Und natürlich in den Regionen, wo ungleiche Lebensbedingungen aus der kulturellen Tradition erwachsen und die Zahl der Armen extrem hoch ist. Sprich: in den Regionen, in denen Frauen und Mädchen sowieso schon einen geringeren Wert haben als Männer oder Jungen.

Und wie sieht es in Deutschland aus?

Leider wenig erfreulich. Um das einschätzen zu können, orientieren wir uns an den Zahlen des inzwischen hervorragend eingeführten Hilfetelefons des Bundesministeriums. Selbst bis in die kleinsten Dörfer des Hochschwarzwalds, wo ich lebe, steht die Telefonnummer jede Woche im öffentlichen Amtsblatt, inzwischen in 18 Sprachen übersetzt und nutzbar. Zurzeit geht im Schnitt alle 20 Minuten eine Anfrage zum Thema Gewalt in Partnerschaften und ehemaligen Partnerschaften ein, seit März dieses Jahres sind das also rund 1000 Beratungen wöchentlich. Eine ungewöhnlich hohe Zahl.

Der Aktionstag

Der Internationale Tag gegen Gewalt gegen Frauen ist ein Gedenk- und Aktionstag, der jährlich am 25. November begangen wird, um Diskriminierung und Übergriffe jeder Form gegenüber Frauen und Mädchen zu bekämpfen.

Wie viele Frauen in diesem Jahr in Deutschland Opfer von Gewalt geworden sind, ist nicht klar; die offiziellen Zahlen für 2020 liegen noch nicht vor. Es ist allerdings davon auszugehen, dass sich die Lage wegen der Corona-Pandemie weiter verschlechtert hat. 2019 registrierten die Behörden 141 792 Fälle von ausgeübter oder versuchter Gewalt unter Partnern und Ex-Partnern, Frauen und Männern also.

Mit rund 0,7 Prozent mehr Fällen als im Vorjahr setzte sich der Trend steigender Zahlen fort. Allerdings ist auch denkbar, dass mehr Opfer die Polizei einbinden. Zwar sind auch Tausende Männer betroffen, doch sind bei allen Delikten – Mord und Totschlag, Körperverletzung, Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, Bedrohung und Stalking oder Freiheitsberaubung – Frauen mit 81 Prozent deutlich häufiger Opfer als Männer.

Zur Umsetzung der sogenannten Istanbul-Konvention hat Deutschland am 1. September 2020 den ersten Staatenbericht beim Europarat eingereicht. Das „Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt“ verpflichtet die Vertragsstaaten, Schritte zu unternehmen, um Frauen vor Gewalt zu schützen und diese zu bekämpfen. Eine unabhängige Gruppe von Fachleuten des Europarats überprüft die Fortschritte. Die Istanbul-Konvention ist seit dem 1. Februar 2018 in Deutschland in Kraft.

Nach Angaben der Dachverbände Frauenhauskoordinierung e.V. und Zentrale Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser stehen bundesweit nur etwa 6800 Frauenhausplätze zur Verfügung; laut Istanbul-Konvention müssten es aber etwa 21 000 sein. Viele Frauenhäuser kämpften zudem fortlaufend um ihre Existenz.

Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen der Bundesregierung ist unter der Nummer 08 000-116 016 rund um die Uhr erreichbar. Auf der Homepage staerker-als-gewalt.de findet sich eine Liste möglicher Hilfen und Anlaufstellen für Betroffene.

Vermutlich höher als vor der Pandemie?

Deutlich höher, es sind etwa 30 Prozent mehr Anrufe. Die häusliche Gewalt ist generell angestiegen eben durch diese besondere Isoliertheit – die Sozialkontrolle durch Schule, Arztbesuche, Sozialarbeiter:innen, Verwandte oder Freunde ist weggefallen.

Anstieg von Gewalt gegen Frauen in Deutschland regional unterschiedlich

Gibt es regionale Unterschiede?

Der Anstieg ist regional unterschiedlich, und offenbar unterscheiden sich hier auch ländliche und städtische Gemeinden voneinander. In Berlin gibt es zum Beispiel 30 Prozent mehr Fälle in Gewaltschutz-Ambulanzen, in Hamburg oder Bremen sind alle Frauenhäuser zu 100 Prozent ausgelastet. In meiner Region, im Hochschwarzwald, sind die Zahlen dagegen gleich geblieben. Auf dem Land scheint die Öffentlichkeit eher in der Lage zu sein, wahrzunehmen, was in der Nachbarschaft passiert.

Ja. Das hat im Übrigen nichts damit zu tun, dass dort etwa mehr Migranten leben. Es sind ganz klar die deutschen Männer, die Frauen Gewalt antun: 77 Prozent der männlichen Tatverdächtigen haben die deutsche Staatsbürgerschaft. Und: Die Gewalt gegen Frauen ist ein Problem aller gesellschaftlichen Schichten. Worüber wir übrigens noch gar nicht gesprochen haben: Was vor allem die jungen Frauen bedrängt, ist die enorm angestiegene Gewalt im Internet, die digital ausgeübte Gewalt. Die ist ein überaus ernstzunehmender Faktor in der Betrachtung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen.

Sie meinen Beschimpfungen, Erniedrigung …

… Beleidigungen, Bedrohungen. Die digitale Gewalt hat inzwischen entsetzliche Wirkmächtigkeit erreicht. Da gibt es eine bedenklich hohe Zahl: 70 Prozent der jungen Frauen in Deutschland haben im Internet solche Bedrohungen und Beleidigungen erfahren.

Weibliche Opfer von Gewalt

Was lässt sich tun gegen die Gewalt, wo sehen Sie Ansätze, die Situation für Frauen zu verbessern?

Aus unserer Sicht, aus feministischer Sicht ist es das wichtigste, ein Umdenken männlicher Gewalttäter zu erreichen. Dazu würde zum Beispiel beitragen, wenn die Bestrafung der Täter deutlicher wäre, wenn es überhaupt zu einer Bestrafung käme. Möglicherweise ändern sich Verhaltensmuster eher, wenn sie mit Sanktionen geahndet werden.

Gewalt gegen Frauen: Durch Erkenntnis eine Veränderung herbeiführen

Also auf Bestrafung setzen?

Das ist nicht meine persönliche Meinung. Ich würde immer erst versuchen, einen emotionaleren Weg zu gehen, nämlich bei Männern eine Veränderung hin zu beherrschten, gewaltlosen Reaktionen durch Storytelling zu erreichen.

Was meinen Sie damit – Plakataktionen?

Zum Beispiel. Alle möglichen Aktionen oder Kampagnen, wie sie auch auf der Webseite von UN Women Deutschland zu finden sind. Wir müssen erzählen, was mit Menschen passiert, wenn sie von Gewalt bedroht sind. Wir müssen Geschichten so erzählen, dass durch Erkenntnis eine Veränderung der Verhaltensmuster entsteht – und zwar bei den Männern, die sich im Falle eines Falles nicht beherrschen und nur Gewalt als Lösung einsetzen. Ohne Schuldzuweisung und erhobenen Zeigefinger. So kann man Storytelling verstehen.

Gewalttätige Männer dazu bringen, gewaltfreie Lösungen zu finden

Können Sie ein Beispiel nennen?

Einer unserer Mitarbeiter hatte einen solchen Moment der Erkenntnis, als seine Freundin abends nach Hause kam und einen Schlüsselbund am Finger trug. Als er fragte, was machst du denn da, sagte sie, das ist doch mein Schutz, wenn ich durch die dunkle Unterführung gehe; ich brauche die Möglichkeit, mich mit dem Schlüssel in der Hand wehren zu können. Der Mann sagte dann, das ist mir noch nie aufgefallen, ihr Frauen müsst wirklich Angst haben! Eine solche Geschichte weist niemandem eine Schuld zu.

Die Frage ist, ob eine solche Geschichte bei den betroffenen Männern ankommt, bei den Schlägern.

Ja, das ist die Frage, aber an irgendeiner Stelle müssen wir mit dieser Erziehungsarbeit zu Nicht-Gewalt beginnen. Wir müssen eine Stelle finden, die funktioniert, die wenigstens ein paar gewalttätige Männer dazu bringt, mal nach gewaltfreien Lösungen, zum Beispiel nach Worten zu suchen und ihre Frauen nicht zu schlagen, wenn sie nicht erreichen, was sie wollen. Das, was man bestimmt nicht tun sollte, wäre zu schweigen.

Interview: Sabine Hamacher

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