Corona-Pandemie

Virologin aus Hongkong flieht in die USA: Sie sagt, China viel früher von Corona gewusst

  • Anna-Katharina Ahnefeld
    vonAnna-Katharina Ahnefeld
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Eine Whistleblowerin wirft China Vertuschung vor. Aus Angst vor einer Inhaftierung floh sie im April in die USA. Ihr Vorwurf: China habe schon früher als angegeben von der Verbreitung des neuartigen Virus gewusst.

  • Virologin aus Hongkong ist im April in die USA geflohen
  • Sie behauptet, China habe schon früher von der Mensch-zu-Mensch-Übertragung des Coronavirus gewusst
  • Dr. Li-Meng Yan glaubt, dass wertvolle Zeit verloren gegangen ist

Die Hongkonger Virologin Dr. Li-Meng Yan hat in einem Exklusiv-Interview mit dem US-amerikanischen Fernsehsender Fox News schwere Vorwürfe gegen China und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erhoben. Sie behauptet, die Volksrepublik wüsste schon länger als bisher angenommen von dem neuartigen Coronavirus. Die Wissenschaftlerin ist Ende April aus Hongkong an einen bislang unbekannten Ort in den USA geflohen. Sie gibt an, als eine der ersten Wissenschaftler*innen ab Ende Dezember in einem Referenzlabor der WHO in Hongkong an dem Sars-Virus geforscht zu haben.

Corona-Pandemie: Hongkonger Whistleblowerin will Wahrheit über das Virus erzählen

„Der Grund, dass ich in die USA gekommen bin, ist, dass ich die Wahrheit über Covid-19 erzählen möchte", sagt Dr. Li-Meng Yan gleich zu Beginn der Fox-News-Aufzeichnung. Anlass ihrer Flucht sei, dass sie in Hongkong verschwinden und getötet würde, sollte sie dort versuchen, ihre Geschichte zu erzählen.

Ihre Geschichte klingt fast unglaublich, wäre nicht schon zu einem früheren Zeitpunkt vermutet worden, dass China über das erste Auftreten der Lungenkrankheit nicht die Wahrheit gesagt hat. Ein weiterer bekannter Fall ist der Arzt Li Wenliang, der frühzeitig Kolleg*innen vor dem Coronavirus gewarnt hatte. Wochen, bevor die Corona-Pandemie international bekannt wurde. Chinesische Behörden bezichtigten ihn damals der Lüge und der Verbreitung von Gerüchten. Seine Geschichte ist bereits zu Ende erzählt: Li Wenliang verstarb in Wuhan an einer Corona-Infektion, nachdem er sich bei seiner Arbeit ansteckte.

Corona-Pandemie: Schon früher Mensch-zu-Mensch-Übertragung als bisher bekannt

Monate später behauptet jetzt Dr. Li-Meng Yan Ähnliches. Seit dem 31. Dezember habe sie auf Anweisung des Abteilungsleiters, Professor Leo Poon Lit-man, Untersuchungen an der University of Hongkong durchgeführt, um herauszufinden, was in China vor sich gehe. Laut Dr. Li-Meng Yan habe sich die chinesische Regierung zu dem Zeitpunkt geweigert, Expert*innen außerhalb Chinas hinzuzuziehen. Auch die Sonderverwaltungszone Hongkong wurde so vorerst ausgeschlossen. Aus diesem Grund wandte sich Yan befreundeten Wissenschaftler*innen in China zu., die bereits zu diesem Zeitpunkt von einer Mensch-zu-Mensch-Übertragung sprachen.

Als sie sich am 16. Januar 2020 erneut an ihre Kontakte auf dem chinesischen Festland wandte, konnte sie an Informationen herankommen, die sie stark beunruhigten: Die Mensch-zu-Mensch-Übertragung des Coronavirus sei angestiegen, hieß es, es gebe viele Patient*innen, die nicht rechtzeitig eine Diagnose und Behandlung bekämen. Und trotzdem keinen Schutz für das medizinische Personal und Patient*innen. Die Regierung würde es den Menschen verbieten, solche Informationen nach außen weiterzugeben.

Angaben zur Person
Name Dr. Li-Meng Yan
GeburtsortQuingdao, China
BerufMedizinerin, Virologin
InstitutionUniversity of Hongkong

Corona-Pandemie: Hongkonger Wissenschaftlerin gibt an, dass wertvolle Zeit verloren gegangen ist

„Überschreite nicht die rote Linie“, zitiert Yan ihren Vorgesetzten im Interview. Eine Warnung: Lege dich nicht mit China an. Sie wartete ab, ob die Informationen Wirkung zeigten. Nichts passierte. An diesem Punkt ihrer Erzählung bei Fox News nimmt ihre Stimme an Intensität zu: „Sie hätten vieles machen müssen. Es gibt so viele Möglichkeiten, um einen Ausbruch zu kontrollieren.“ In einem weiteren Interview mit Fox News weißt sie darauf hin, wie wichtig der Faktor Zeit bei einer solchen Pandemie sei. Zeit, die, glaubt man ihren Angaben, durch das chinesische Vorgehen verloren gegangen ist. „Wenn wir es früh stoppen können, können wir viele Leben retten.“

Dr. Li-Meng Yan wird zur Whistleblowerin. Die WHO selbst streitet Dr. Yans Vorwürfe ab. Gegenüber Fox News erklärte die Weltgesundheitsorganisation: „Viele Leute arbeiten für uns als Berater ... aber das macht sie nicht zu festen Mitarbeitern und sie repräsentieren nicht die WHO.“ Auch andere Ansprechstellen wie die chinesische Botschaft in den USA wiesen jegliche Kenntnis über Dr. Yan von sich, berichtet Fox News. Die South Chinese Morning Post, eine Hongkonger Tageszeitung, berichtete, dass die Hongkonger Universität ihre Anschuldigungen als „Hörensagen" einstufte und ihr jegliche wissenschaftliche Basis für ihre Behauptungen absprechen würden. Die Zeitung schreibt jedoch auch, dass Dr. Li-Meng Yan früher an der University of Hong Kong’s School of Public Health angestellt war. Dies bestätigte die Universität nach Angaben der Zeitung am Samstag - bestreitet jedoch, dass Yan Untersuchungen jeglicher Art zu diesem Thema von Dezember bis Januar durchgeführt habe.

Ein Blogger, dem sie sich anvertraute, riet ihr, in die USA zu flüchten und ihre Geschichte zu erzählen. „Ich weiß, wie sie Whistleblower behandeln“, nennt sie als Grund. Ihr Leben sei in Gefahr gewesen. China wolle nicht, dass solche Informationen bekannt würden. Ihr Ehemann begleitete sie nicht, aus Angst, wie sie angibt. Am 28. April kann sie mit Hilfe einer Gruppe politischer Exilant*innen einen Flieger in die USA besteigen. Bei ihrer Ankunft in den USA wurde ihren Angaben zufolge das FBI eingeschaltet, das sie stundenlang interviewte, bevor ihr erlaubt wurde, weiterzureisen.

Corona-Pandemie: „Es geht um die globale Gesundheit. Nicht um politische Angelegenheiten“

Ihrem Bericht zufolge wurde ab dem Zeitpunkt ihrer Flucht aus Hongkong ihre Familie bedroht - auch der Zugang zu ihren Arbeits-Accounts und -emails wurde ihr entzogen. Sie behauptet, infolgedessen Cyber-Attacken ausgesetzt gewesen zu sein. Sie führt diese auf die chinesische Regierung zurück, die versuchte, ihre Reputation als Wissenschaftler*in zu diskreditieren und sie unglaubwürdig zu machen. Zu einem Zeitpunkt, an dem sie sich noch nicht in die Öffentlichkeit begeben hatte. Die Universität von Hongkong, ihr Arbeitgeber, hätte versucht, Yan von der Homepage der Institution zu löschen. Fox News gegenüber gab die Universität nur an, dass Dr. Yan nicht länger ein Mitglied sei.

„Es geht um die globale Gesundheit. Nicht um politische Angelegenheiten“, sagt sie. Eine Herdenimmunität zu erwarten, davon rät sie ab. Man wisse noch nicht genug über das Coronavirus. Auch auf eine Impfung dürfe man aktuell nicht hoffen. „Das einzige, was wir tun können, ist zu verstehen, woher es kommt. Die richtige Forschung voranzutreiben und uns gegenseitig zu beschützen.“ Aus diesem Grund gehe sie an die Öffentlichkeit. Sie habe zahlreiche Beweise für ihre Behauptung, wie den Austausch mit chinesischen Kolleg*innen. „Ich warte darauf, alles, was ich weiß, alle Beweise, die ich habe, mit der Regierung zu teilen“, sagt Yan.

Am 20. Januar 2020 bestätigte die Volksrepublik China die Mensch-zu-Mensch-Übertragung eines neuartigen Sars-ähnlichen Virus. (Anna-Katharina Ahnefeld)

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