Die Intensivbehandlung bei Covid-19 kann zu gravierenden Schäden führen.	afp
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Die Intensivbehandlung bei Covid-19 kann zu gravierenden Schäden führen.

Coronavirus

„Wir haben gute Medikamente, die Luftnot und Angst nehmen“

Palliativmediziner Radbruch über Patientenverfügungen bei Covid-19 und die Frage, warum es sinnvoll ist, eigene Wünsche zu konkretisieren.

  • Patientenverfügung legt Willen der Patienten fest. 
  • Intensivbehandlung bei Corona kann zu Langzeitschäden führen. 
  • Therapieziel muss realistisch sein. 

Herr Radbruch, in einer Patientenverfügung können Menschen festlegen, wie sie behandelt werden möchten. Wie bindend sind solche Aussagen?

Wenn jemand in seiner Patientenverfügung bestimmt, dass er keinesfalls ins Krankenhaus möchte, dann fährt der Notarzt wieder weg. Viele Patientenverfügungen enthalten aber Standardformulierungen. Dann wird es für Ärzte schwierig, den Patientenwillen zu ermitteln, weil unklar ist, ob die Festlegungen in der jeweiligen Situation gelten.

Wo liegt das Problem?

Zum Beispiel ist oft nicht klar geregelt, ob die Patientenverfügung nur für den Fall einer unheilbaren Krankheit gelten soll oder auch für akute Erkrankungen. Nehmen Sie das Beispiel Covid-19. Wenn jemand schreibt: „Ich möchte im Endstadium einer unheilbaren, tödlich verlaufenden Krankheit keine künstliche Beatmung“, würde er bei einer schweren Covid-19-Erkrankung künstlich beatmet werden, weil es sich um eine behandelbare Krankheit handelt, die sehr oft nicht tödlich verläuft.

Angststörungen wegen Corona-Intensivbehandlung

Ja und? Viele Menschen wollen mit einer Patientenverfügung doch nur vermeiden, dass ihr Leiden verlängert wird.

Die Intensivbehandlung bei Covid-19 kann nicht nur akut lebensbedrohlich sein, sondern auch zu gravierenden Langzeitschäden führen. Manche Patienten müssen hinterher langfristig beatmet werden, das Herz ist geschädigt oder sie sind auf eine Dialyse angewiesen. Künstlich beatmet werden zu müssen, ist eine lebensbedrohliche Krise. Viele Patienten leiden hinterher unter Angststörungen. Wenn jemand dieses Risiko für sich ausschließen will, vielleicht mit schweren Vorerkrankungen oder in hohem Alter, sollte er seine Patientenverfügung am besten entsprechend mit Bestimmungen für eine Covid-19 Erkrankung ergänzen.

In den vergangenen Wochen wurde viel über die Zahl der Intensivbetten geredet. Man konnte den Eindruck gewinnen: „Wenn wir nur genug Beatmungsgeräte haben, geht alles gut aus.“ Ein Trugschluss?

Die Chance, eine schwere Covid-19-Erkrankung mit invasiver Beatmung zu überleben, ist in Deutschland bisher besser als in einigen anderen Ländern, zum Beispiel in England. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass Erkrankte bei uns früher auf eine Intensivstation kommen, weil wir mehr Kapazitäten haben. Trotzdem: Wenn ein Patient intensivmedizinisch behandelt werden muss, hat er ein hohes Risiko zu versterben. Man kann also nicht aufatmen und sagen: „Wenn wir genug Intensivbetten und Beatmungsgeräte haben, geht alles gut aus.“

Corona: Linderung der Symptome als Alternative

Sind höheres Alter und Vorerkrankungen auch hier Risikofaktoren?

Alter alleine nicht. Auch mit Vorerkrankung kann man eine Intensivtherapie gut überstehen. Aber wenn eines oder mehrere Organe nicht mehr ausreichend funktionsfähig sind, sollte man sich gut überlegen, ob man einen Patienten noch auf der Intensivstation invasiv beatmet.

Wie wird das entschieden?

Die Ärzte müssen zum einen beurteilen, ob eine Behandlung erfolgsversprechend ist. Es gibt aber keine Checkliste, die man abhakt und sagt: „Ab diesem Alter oder mit dieser Vorerkrankung wird das nichts mehr“. Die Einschätzung erfolgt immer anhand der individuellen Situation eines Patienten. Daran sind mehrere intensivmedizinisch geschulte Ärzte beteiligt. Besteht die Chance, dass ein Patient die Intensivstation wieder verlässt, wird erst mal behandelt. In diese Entscheidung fließt aber auch der Patientenwille mit ein. Wenn jemand sagt: „Ich möchte auf keinen Fall beatmet werden“, wird er das nicht.

Lukas Radbruch ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin. Er arbeitet am Universitätsklinikum Bonn als Direktor der Klinik für Palliativmedizin.

Patientenverfügungen sind eine Möglichkeit aufzuschreiben, wie man behandelt werden möchte, wenn man sich nicht mehr selbst äußern kann. Der Bundesgerichtshof hat 2016 geurteilt, dass Patientenverfügungen nur dann ausreichend konkret sind, wenn sie Entscheidungen zu den Themen „künstliche Beatmung“, „künstliche Ernährung“ und „Wiederbelebung“ enthalten. Doch auch dann ist es für Ärzte oft schwierig einzuschätzen, was genau der Verfasser wollte. Ärzte und Verbraucherschützer raten deshalb, auf einem Extrablatt die eigenen Wünsche und Vorstellungen zu konkretisieren. 

Aber ein Laie kann doch kaum beurteilen, wie hoch seine Chancen sind, eine künstliche Beatmung gut zu überstehen. Besteht nicht die Gefahr, dass er eine Behandlung ausschließt, die ihm das Leben retten könnte?

Idealerweise fallen solche Entscheidungen in einem Beratungsprozess. Man muss einen geschützten Raum bieten, in dem Menschen wirklich sagen können, was sie möchten. Manche Menschen wollen auch im hohen Alter alle intensivmedizinischen Möglichkeiten ausschöpfen, andere sagen: „Wenn ich darüber nachdenke, dann will ich eine solche Behandlung nicht.“

Muss es denn immer ein Entweder-oder sein, oder könnte ich auch sagen: „Ich möchte es versuchen, aber wenn Komplikationen auftreten, soll die Behandlung abgebrochen werden“?

Ja, Sie können die Therapie begrenzen. Sie können aber auch beschreiben, welche Folgen für Sie nicht hinnehmbar wären. Wenn jemand sagt: „Für mich käme es nicht infrage, dauerhaft von anderen Menschen abhängig zu sein oder langfristig beatmet zu werden“, muss ich ihn nicht erst monatelang behandeln, wenn klar ist, dass ein entsprechendes Therapieziel nicht mehr realistisch zu erreichen ist.

Gesundheitsamt muss bei Covid-19 entscheiden

Was passiert dann?

Die Alternative ist eine palliative Behandlung, bei der die Linderung der Symptome im Vordergrund steht. Wir haben gute Medikamente, die Luftnot und Angst nehmen. Der Patient bekommt bei Bedarf Mittel gegen Begleiterscheinungen wie Muskelschmerzen oder Husten. Manche werden davon müde oder schlafen viel. In der Begleitung wartet man dann in Ruhe ab. In der Regel setzt der Tod innerhalb von wenigen Tagen ein.

Ist eine solche Behandlung auch zu Hause möglich, damit ich bei meinen Angehörigen bleiben kann?

Im Prinzip ja, über geschulte Hausärzte oder ambulante Palliativteams. Ist ein Patient wie bei Covid-19 ansteckend, muss das Gesundheitsamt entscheiden, ob er zu Hause bleiben kann. Das hängt zum Beispiel von den Räumlichkeiten ab oder ob dort noch andere Risikopatienten wohnen. In der Regel wird aber versucht, den Wünschen zu entsprechen.

Das sind extrem schwierige Entscheidungen. Wer kann dazu beraten?

Viele Pflegeheime haben Mitarbeiter für die gesundheitliche Versorgungsplanung geschult und bieten solche Beratungen an. Ansonsten ist der Hausarzt der richtige Ansprechpartner, weil er Vorerkrankungen kennt und die Chancen und Risiken einer Behandlung einschätzen kann. Viele Ärzte bieten eine telefonische Beratung an.

Muss man eine Patientenverfügung aufsetzen?

Nein, es steht jedem Menschen frei zu sagen: „Ich möchte nicht über diese Themen nachdenken.“

Interview: Carina Frey

Inzwischen ist klar: Das Coronavirus kann zu schweren Langzeitschäden führen. Ärzte sind besorgt.

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