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Aufräumen nach der OP: Mediziner ohne anerkannten Abschluss werden als „Pflegekräfte unter Aufsicht“ eingesetzt.

Aufruf

Corona: Nichtdeutsche Ärzte sind jetzt gesucht

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Viele zugewanderte oder geflohene Mediziner folgen dem Aufruf der Ärztekammern und wollen in Kliniken helfen - auch ohne Anerkennung ihres Abschlusses.

Die Idee ist schon Anfang März entstanden, als sich das Coronavirus in Deutschland immer weiter ausbreitete. In Krankenhäusern stieg die Belastung für Ärzte sowie Pflegepersonal zunehmend, und die Sächsische Landesärztekammer fürchtete, „dass bald Personal fehlen könne“, erzählt ihr Sprecher Knut Köhler.

Deshalb hat sich die Kammer außer an Ruheständler und Medizinstudenten gezielt an ausländische Ärzte gewandt, die noch auf eine Arbeitserlaubnis warten, und sie zur Hilfe aufgerufen.

Mit Erfolg: 150 Mediziner, die im Ausland studiert haben, meist als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind und nun in Sachsen leben, haben sich seither gemeldet – insgesamt reagierten etwa 500 Personen. „Die Resonanz ist sehr gut“, sagt Köhler dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Er merke in persönlichen Gesprächen, dass die nach Deutschland migrierten Mediziner unbedingt „tätig werden wollen“.

Internetportal eingerichtet

Sachsen ist aber nicht das einzige Bundesland, das jetzt ausländisches Gesundheitspersonal rekrutiert. Auch die Bayerische Landesärztekammer hat ein Internetportal eingerichtet, über das sich Ärzte mit deutscher Approbation oder Berufsausübungserlaubnis, Ärzte mit ausländischen Diplomen, deren Anerkennungsprozess in Deutschland noch nicht abgeschlossen ist, und Medizinstudierende melden können. Bislang hätten im Freistaat 1700 Personen ihre Hilfsbereitschaft angeboten, sagte ein Sprecher der Bayerischen Landesärztekammer dem RND. Andere Bundesländer und auch das Bundesgesundheitsministerium wollen Zulassungsverfahren für ausländisches Medizinpersonal beschleunigen – vor allem, wenn nur noch ein Sprachtest fehle.

Die von der Bundesregierung unterstützte Online-Plattform „Match4Healthcare“, die im Rahmen des “#WirVsVirus“-Hackathon von Studenten entwickelt wurde, ruft derweil deutsche und ausländische Ehrenämtler, Pflege- und Gesundheitskräfte ebenfalls zur Registrierung auf, um sie an Kliniken und Pflegeheime zu vermitteln, in denen Bedarf besteht.

Einer der Ärzte, die sich bei der Sächsischen Landesärztekammer gemeldet haben, ist Safwan Adnan Ali. Vor seiner Flucht studierte er vier Jahre lang Allgemeinchirurgie in Syrien und arbeitete im Irak als Allgemeinmediziner. „Als der Aufruf kam, wollte ich sofort helfen“, sagte der 37-Jährige dem britischen Guardian. „Ich möchte dem Land, das mich so sehr unterstützt hat, etwas zurückgeben.“

Berufszulassung an hohe Auflagen geknüpft

Weil das medizinische Personal in Sachsen momentan noch gut aufgestellt ist, müssen sich die ausländischen Ärzte gedulden. Für den Fall, dass es in absehbarer Zeit zu einem Engpass kommt, „haben wir aber vorgesorgt“, sagt Köhler.

Ärztliche Tätigkeiten dürfen die nach Deutschland migrierten Mediziner ohne Approbation jedoch nicht übernehmen, auch wenn sie wie Safwan Adnan Ali ein entsprechendes Studium absolviert haben. Die Berufszulassung durch den Staat ist für ausländische Staatsbürger an hohe Auflagen geknüpft, beispielsweise an das sichere Beherrschen der deutschen Sprache. Deshalb werden Adnan Ali und die übrigen Ärzte als „Pflegekräfte unter Aufsicht“ eingesetzt, erläutert Köhler, „wie Medizinstudenten aus höheren Semestern“.

Unkomplizierte Verlängerungen

Eine Vereinfachung des Anerkennungsverfahren für Mediziner, die im Ausland studiert haben, hält Köhler trotz des erhöhten Personalbedarfs angesichts der Corona-Krise nicht für sinnvoll. Die hohen Hürden hätten „ja einen Grund“, sagt er, denn Patienten müssten vor Fehlbehandlungen und Missverständnissen durch Sprachbarrieren geschützt werden.

Politisch steht eine Herabsenkung dieser Hürden nicht zur Debatte. „Schon alleine aus Patientenschutzgründen wird es keine Qualitätsabstriche geben können“, erklärte etwa das nordrhein-westfälische Gesundheitsministerium auf RND-Anfrage. In Nordrhein-Westfalen werde zwar nicht gezielt nach ausländischen Ärzten oder medizinischem Personal gesucht, bestehende Berufserlaubnisse für ausländische Ärzte sollen aber auf unkomplizierte Weise verlängert werden. Deshalb könne „das in Kliniken schon jetzt praktisch eingesetzte, aber noch nicht approbierte Personal auch vorerst bleiben und die Fachsprachprüfung und Approbation zu einem späteren Zeitpunkt nachholen“, so das Ministerium.

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