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Mit Foto präsent: Mitglieder der Wormser Domgemeinde reagieren auf das Gottesdienstverbot.

Religionsgemeinschaften

Corona-Lockdown: Seelsorge wird vermisst

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Der Kirchenrechtler Heinig sieht einen erheblichen Grundrechtseingriff und mahnt eine vorsichtige Öffnung von Gotteshäusern an.

Die Lockerungen der Corona-Maßnahmen stoßen besonders bei Religionsgemeinschaften auf Kritik und Unverständnis. „In dem Moment, in dem Herrenboutiquen wieder geöffnet werden, ist es schwer darstellbar, dass keine gottesdienstlichen Veranstaltungen stattfinden dürfen“, sagte der Kirchenrechtler Michael Heinig am Freitagvormittag dem Deutschlandfunk. Das Verbot öffentlicher Gottesdienste berühre den Kern der Religionsfreiheit, sie sei aber ein im Grundgesetz hervorgehobenes Grundrecht ohne Gesetzesvorbehalt, begründet Heinig im Gespräch mit der FR. Deshalb unterscheide sich aus juristischer Sicht eine religiöse Zeremonie wie eine Taufe von einem Grillfest.

Verschiedene Religionsgemeinschaften setzen sich deshalb für die Fortführung von Gottesdiensten ein. Am Freitag berieten sich Repräsentanten der katholischen und evangelischen Kirche, der orthodoxen Christen, des Zentralrats der Juden und des Koordinationsrats der Muslime im Innenministerium (BMI) mit Vertretern der Bundesländer. Zuvor hatten sich die Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet (CDU) und von Thüringen, Bodo Ramelow (Linke), für eine Lockerung ausgesprochen. „In einer Demokratie darf man Meinungsfreiheit nie ruhen lassen“, sagte Ramelow. Er möchte, dass Gottesdienste und öffentliche Demonstrationen wieder zugelassen werden. Doch seit dem Treffen im BMI ist klar: Bis mindestens Anfang Mai wird das Grundrecht auf freie Religionsausübung weiter beschränkt bleiben. Danach sollen strenge Hygiene-Vorschriften Gottesdienste wieder ermöglichen.

Religionsgemeinden werden kreativ

Heinig betonte gegenüber der FR, man befinde sich derzeit „am Ende einer mehrwöchigen Phase, die als intensivster kollektiver Grundrechtseingriff unter dem Grundgesetz in Erinnerung bleiben wird“. Dank dieser extremen Freiheitseinschränkungen seien Massensterben und Zusammenbruch des Gesundheitssystems ausgeblieben. In der anstehenden zweiten Phase gehe es um behutsame Neujustierungen. „Die werden nicht alleine dem ökonomischen Primat folgen können.“ So müssten eben auch Grundrechte wie die Versammlungs- und Religionsfreiheit beachtet werden.

Die Religionsgemeinden sind kreativ geworden: Ein angeleitetes Gebet im Videostream, ein Gottesdienst mit Fotos von Gemeindemitgliedern in Kirchenbänken, Anleitungen für Do-it-yourself- Osterzeremonien, Autogottesdienste, Seelsorge am Telefon und per Chat. „Manche neuen, digitalen Formate haben sich bewährt“, sagt Heinig, verweist aber auf die Notwendigkeit von gemeinsamer, miteinander geteilter religiöser Praxis.

Er räumt zugleich ein: „Gottesdienstliche Versammlungen werden aber absehbar nur unter sehr strengen Bedingungen stattfinden können. Der Infektionsschutz muss gewährleistet bleiben, auch weil mehrheitlich vulnerable Personen hier zusammenkommen.“ Distanzregeln, verpflichtende Mund-Nasen-Barrieren, keine Gemeinschaftsspeisen, wohl auch kein gemeinsames Singen – all das zählt er auf, was für den Fall einer Lockerung verpflichtend sei. Als noch dringlicheres Problem sieht er, dass derzeit Sterbebegleitung und Seelsorg nicht möglich sind. Hier fehle es unter anderem an genügend Schutzausrüstung.

Fastenmonat Ramadan steht an

Für Muslime steht in der kommenden Woche der Fastenmonat Ramadan an. Ein großes Fastenbrechen beim Zuckerfest wird es sicherlich nicht geben. Bekir Altas, Generalsekretär der Islamischen Gemeinschaft Milli Görus, fordert aber, dass „Religionsgemeinschaften so weit vertraut werden sollte, dass auch ihnen unter Auflagen die schrittweise Öffnung erlaubt wird“. Er fände es „nicht nachvollziehbar, wenn Moscheen, Kirchen oder Synagogen geschlossen bleiben müssen, das Shoppen in der Stadt aber erlaubt sein soll“.

Beim informellen Treffen im BMI wurde denn auch verabredet, dass die Glaubensgemeinschaften in der kommenden Woche Konzepte erarbeiten, wie sich Hygiene- und Abstandsregeln in Gottesdiensten gewährleisten lassen. Auf dieser Basis würden Bund und Länder dann am 30. April über eine Lockerung der geltenden Kontaktbeschränkungen beraten, hieß es.

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