Die umwickelten Schaufensterpuppen von Dennis Meseg sind als ein „Mahnmal in Richtung Achtsamkeit“ gedacht.
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Die umwickelten Schaufensterpuppen von Dennis Meseg sind als ein „Mahnmal in Richtung Achtsamkeit“ gedacht.

Kunst

Corona-Kunst: Wenn der Verdrängungsknoten platzt

  • Jakob Maurer
    vonJakob Maurer
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Das Bedürfnis nach Reflexion schlägt sich in immer mehr Kunstwerken zur Pandemie im öffentlichen Raum nieder. - und zeigt, wie wichtig die Aufarbeitung ist.

In Buenos Aires trägt ein vier Meter großer Bronze-Maradona Mundschutz – so wie unzählige Statuen und Skulpturen weltweit. Doch was passiert, wenn die Maskenpflicht irgendwann endet und auch alle diese Figuren ihren Mundschutz ablegen? Was folgt auf die provisorischen Denkmäler, die den Zeitgeist der Pandemie im öffentlichen Raum reflektieren? Zwei Beiträge der „New York Times“ gaben kürzlich Hinweise, wie ein Erinnern ablaufen könnte.

Viel Aufmerksamkeit erfuhr die „Times“, als sie Ende Mai auf ihrer Titelseite in allen sechs Spalten Namen, Alter, Wohnorte sowie biografische Miniaturen von 1000 US-Bürgerinnen und Bürger veröffentlichte, die an den Folgen des Coronavirus gestorben waren. „Ein unschätzbarer Verlust“ titelte die „Times“ und setzte ihnen ein Denkmal aus Druckerschwärze.

Ein zweiter Beitrag blickte hundert Jahre zurück und zeigte, dass die Aufarbeitung einer Pandemie auch ausbleiben kann. Sein Autor geht der Frage nach, warum in den USA nahezu keine Mahnmäler an die Spanische Grippe erinnern. Von 1918 an kostete diese Pandemie Millionen Menschen auf der ganzen Welt das Leben. Doch ein öffentliches Betrauern der Toten, schlussfolgert der Autor, hätte die Triumphstimmung und Erleichterung nach dem Ende des Ersten Weltkriegs getrübt. Die Katastrophe wurde in den USA ausgeblendet. Was wiederum auf lange Sicht ein „fast völliges Verschwinden aus unserem kollektiven Gedächtnis“ zur Folge gehabt habe. Und das, obwohl etwa 675 000 Amerikanerinnen und Amerikaner starben – mehr als in sämtlichen Kriegen des 20. Jahrhunderts zusammen.

In Deutschland kostete die Pandemie etwa 350 000 Menschen das Leben. An das Massensterben erinnert hierzulande ein einziger Ort – eingeweiht im Oktober 2019 in Wiesloch bei Heidelberg. Ein schmaler, schwarzer Granitblock, der einer jungen Frau von 24 Jahren gewidmet ist, steht seither auf dem Stadtfriedhof als „Denkmal für die Opfer der Grippepandemie 1918/19“. Lange waren er und seine Geschichte in Vergessenheit geraten. Auch in Deutschland wollte man nach dem Krieg „die Bevölkerung nicht demoralisieren“, sagt Karin Hirn, die das Denkmal initiiert und mit ihm zugleich ein Stück Familiengeschichte aufgearbeitet hat. Im Garten des großväterlichen Hauses stieß sie vor Monaten auf den schweren Grabstein, „ein Mordstrumm“, wie sie am Telefon erzählt.

Der eingemeißelte Name ist der der ersten Frau ihres Großvaters, die im Oktober 1918 starb. Ein Fieber habe sie dahingerafft, erinnert Hirn sich an Erzählungen des Großvaters. Doch nach dem Fund des Steins durchforstet die Kunsthistorikerin Archive und kommt zu dem Schluss, dass es sich um die Spanische Grippe gehandelt haben müsse. In der Familienbibel entdeckt sie eine Notiz des Witwers: „Infolge einer kurzen, schweren Krankheit (Grippe) unerwartet durch den Tod entrissen.“ Allein in Wiesloch seien damals etwa 220 der rund 6000 Einwohner gestorben – doch in den Dokumenten der Zeit findet Hirn kaum Hinweise auf eine öffentliche Wahrnehmung.

Ändern soll das nun der mit Hilfe der Stadt Wiesloch und dem lokalen „Kulturverein Johann Philipp Bronner“ aufbereitete Grabstein. Für Hirn soll es „ein öffentlicher Ort für die Erinnerungskultur“ sein. Die Fertigstellung zog sich bis in den Februar – als plötzlich eine neue Pandemie die Welt heimsuchte. Deshalb weist die Gedenktafel nun auch auf das Coronavirus hin. Der Ort, so will es auch Karin Hirn, soll die Covid-19-Opfer einschließen.

Vereinzelt fließen Tränen

Im deutschsprachigen Raum wird der Wieslocher Grabstein nicht das einzige Corona-Denkmal bleiben. Im österreichischen Bundesland Steiermark läuft ein Wettbewerb für die Gestaltung eines Denkmals „in Reflexion auf die Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen“, wie es in der Ausschreibung heißt. Elisabeth Fiedler vom Institut für Kunst im öffentlichen Raum (Kiör) vom Universalmuseum Johanneum in Graz in betreut diesen als Kuratorin und gibt zu bedenken: „Ob der Denkmal-Begriff hier stimmt, wird sich erst mit der Zeit zeigen.“ Die Welt sei noch mittendrin in der Pandemie. Deshalb erhoffe sie sich Kunstwerke, die Raum für Fragen ließen: Was bedeutet die Pandemie für uns? Mit was haben wir es zu tun?

Die Idee für die Aktion habe ein Mitarbeiter der auflagenstarken „Kronen Zeitung“ gehabt. Kulturlandesrat Christopher Drexler von der konservativen ÖVP gefiel sie scheinbar so gut, dass er das Kiör kurzum mit dem Wettbewerb beauftragte. Die „Steirerkrone“, wie sich das umstrittene Boulevardblatt im Bundesland nennt, schreibt von einem „Corona-Denkmal-Fieber“ und preist das Projekt als einziges seiner Art im Alpenstaat an. Zahlreiche Künstlerinnen und Künstler mit Bezug zur Steiermark – was wohlgemerkt Voraussetzung ist – hätten sich bereits mit Konzepten gemeldet.

In Deutschland sind derlei Pläne noch nicht bekannt. Doch tauchten mitten in Bonn, Nürnberg, Limburg und zuletzt Frankfurt Gestalten auf, die statt Mundschutz ein anderes Corona-Symbol zur Schau stellten: rot-weißes Flatterband, das inzwischen von den Spielplätzen verschwunden ist. Dennis Meseg hat 111 Schaufensterpuppen von Kopf bis Fuß damit eingewickelt und tourt mit ihnen durch die Republik.

Seine Installation „It is like it is“ sei anfangs eine Guerilla-Aktion gewesen, erzählt der Kunststudent aus Alfter bei Bonn am Telefon, inzwischen gebe es aber auch Anfragen von Galerien. Sie soll ein „Mahnmal in Richtung Achtsamkeit“ sein. Bei manchen platze beim Durchschreiten der stummen Flatterband-Hundertschaft an den öffentlichen Plätzen „ein Verdrängungsknoten“. Tränen seien vereinzelt gar geflossen. Anderen falle auf, dass einzelnen Figuren Arme und Beine fehlen, sie sähen darin Kritik an der Beschneidung der Grundrechte. Meseg freut diese Vielfalt und setzt seine Tour fort. Ihm sei schlicht wichtig, dass man die aktuelle Situation „nicht abfrühstückt und gleich wieder vergisst“.

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