Corona-Maßnahmen

Corona-Krise in Deutschland: Fachleute verteidigen Teil-Lockdown

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Rund 40 Virologinnen und Virologen verteidigen den Teil-Lockdown zur Bekämpfung von Corona in Deutschland.

  • Rund 40 Virologinnen und Virologen verteidigen den Teil-Lockdown zur Bekämpfung von Corona in Deutschland.
  • Damit widersprechen sie anderen Fachleuten der Virologie, die in Deutschland unter anderem auf ein Ampelsystem setzen.
  • Ein Lockdown sei alternativlos zur Bekämpfung der Corona-Pandemie in Deutschland.

Deutschland – Mehr als 40 Virologinnen und Virologen haben in einer Stellungnahme den derzeitigen Teil-Lockdown als notwendig bezeichnet und das gemeinsame Positionspapier ihrer Kollegen Hendrik Streeck und Jonas Schmidt-Chanasit mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) hart kritisiert. Unterzeichnet wurde das Schreiben vom Vorstand der Gesellschaft für Virologie, deren deutschen Beiratsmitgliedern sowie mehreren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, darunter bekannte Namen wie Christian Drosten (Berlin), Sandra Ciesek (Frankfurt), Melanie Brinkmann (Braunschweig) oder Ulf Dittmer (Essen).

Der rasante Anstieg der Neuinfektionen führt zu einer Zunahme der schweren Verläufe, so die Virologinnen in ihrem Papier. Kontakte müssten eingeschränkt werden, um Covid-19-Kranke und alle anderen Patient:innen weiterhin optimal versorgen zu können.

Ihnen sei bewusst, dass der von der Politik angeordnete Teil-Lockdown „erhebliche Einschränkungen und wirtschaftlich negative Folgen“ mit sich bringe und deshalb „nur temporär“ eingesetzt werden könne. Eine Alternative dazu sehen die Virologinnen und Virologen allerdings nicht. Trotz aller Appelle an die Bevölkerung zur Beachtung der „AHA+L+A-Regeln“ (Abstand/Hygiene/Alltagsmaske, regelmäßiges Lüften und Warn-App) sei der „rasante Anstieg“ der Neuinfektionen nicht aufzuhalten gewesen. Mit zeitlicher Verzögerung werde das zu einer Zunahme der schweren Verläufe führen.

Kontakte müssten deshalb eingeschränkt werden, um Covid-19-Kranke und alle anderen Patient:innen weiterhin optimal versorgen zu können. „Die Zeit zu handeln, ist jetzt, bevor ein Punkt erreicht wird, an dem jede Maßnahme zu spät kommt“, heißt es. Die jetzigen Beschränkungen „können viele Menschenleben retten und einen weitergehenden Lockdown mit noch mehr Schäden für die öffentliche Gesundheit und Wirtschaft verhindern, wenn sie konsequent umgesetzt werden.“

Entwicklung von Corona in Deutschland

Virologen widersprechen Forderungen anderer Forscher und setzten auf einen Lockdown in Deutschland

Die Virologinnen und Virologen distanzieren sich auch ausdrücklich von „von der Art und Wiese, wie verschiedene Vorschläge zur Pandemieeindämmung vorgebracht werden und auch einigen Inhalten“. Gemeint ist insbesondere das am 28. Oktober von Hendrik Streeck (Universität Bonn) und Jonas Schmidt-Chanasit (Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin Hamburg) sowie Vertretern der KBV vorgestellte Positionspapier. Darin hatten diese einen Strategiewechsel in der Corona-Krise gefordert.

Kernpunkte waren unter anderem die Fokussierung auf den Schutz von Risikogruppen sowie die Einführung eines Ampelsystems, das nicht nur die Zahl der Infektionen, sondern etwa auch die Zahl der belegten Intensivbetten einbeziehen sollte. Statt auf Verbote solle die Politik bei der Bevölkerung zudem mehr auf Gebote, also Freiwilligkeit, setzen. Die Virologinnen und Virologen kritisieren, dass ihre beiden Kollegen und die KBV-Vorsitzenden in ihrer Pressekonferenz „den Anschein erweckt“ hätten, dass es sich „um die gesammelte Meinung von Wissenschaft und Ärzteschaft“ handele: „Dies gilt für die Mehrzahl der Virolog:innnen sowohl aus wissenschaftlicher als auch als ärztlicher Sicht ganz sicher nicht.“ Von dem Papier hatten sich zuvor bereits verschiedene Fachgesellschaften wie die der Anästhesisten, Intensivmediziner und Rheumatologen distanziert.

Laut Virologen ist Eigenverantwortung zur Bekämpfung von Corona in Deutschland unzureichend

Die Virologinnen und Virologen sehen es als unzureichend an, nur auf die „eigenverantwortliche Umsetzung“ der AHA+L+A-Regeln durch die Bürgerinnen und Bürger zu setzen. Was den besonderen Schutz der Risikogruppen angehe, sei das zwar ein „zentraler Punkt der Pandemiebekämpfung“. Es müsse aber berücksichtigt werden, dass diese Menschen nicht nur in Heimen, sondern auch „in der Mitte unserer Gesellschaft leben“.

Die Autor:innen weisen darauf hin, „dass zirka 30 Prozent der europäischen Bevölkerung mindestens einen bekannten Risikofaktor für einen scheren Infektionsverlauf haben“. Als Risikofaktoren gelten neben dem Alter etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder bestimmte Lungenerkrankungen. „Diese Personen besser zu schützen, wird unserer Ansicht nach nur über die Reduktion von Infektionen in der Gesamtbevölkerung gelingen.“ (Pamela Dörhöfer)

Rubriklistenbild: © Fabian Strauch/dpa

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