Russland

Corona-Zahlen wecken Zweifel: Sowjetische Zählung in Russland

Die Corona-Zahlen aus Russland lassen sich kaum nachvollziehen. Die Statistik wird offenbar aus politischen Gründen manipuliert.

  • Russland leidet unter den Folgen der Coronavirus-Pandemie.
  • Die Statistiken zu Covid-19 sind widersprüchlich.
  • Russlands Präsident Wladimir Putin macht Druck auf Regionalpolitiker.

Moskau - Premierminister Michail Mischustin liegt im Krankenhaus, auch der Bauminister, sein Stellvertreter und zwei Duma-Abgeordnete haben sich infiziert, drei Bischöfe der russisch-orthodoxen Kirche sind gestorben. Und Kremlsprecher Dmitri Peskow beruhigt die Öffentlichkeit: Wladimir Putins Gesundheit schütze man auf höchstem Niveau.

Aktuelles zur Corona-Krise: PK mit Angela Merkel - Bund kurz vor „zweitem großen Öffnungsschritt“

Das Coronavirus greift nicht nur nach Russlands Elite. Am Sonntag stieg die Zahl der neuen Fälle erstmals über 10.000, gestern waren es 10.581, insgesamt sind jetzt mindestens 145.268 Russen infiziert. Und noch ist kein Gipfelpunkt abzusehen. Auch, was das Virus in Russland wirklich anrichtet, bleibt unklar. Informationen sind rar und widersprüchlich wie zu Sowjetzeiten.

Corona-Krise in Russland: Mehr Infektionen und mehr Erklärungsversuche

Das offizielle Moskau liefert gleich mehrere parallele Begründungen für die rasant wachsenden Zahlen. „Der Hauptgrund für den Anstieg der nachgewiesenen Corona-Infektionen ist die Zunahme von PCR-Tests“, schreibt Sergej Boizow, Chefkardiologe des Gesundheitsministeriums. „Außerdem entwickelt sich der epidemische Prozess in den Regionen.“ Aber auch die mangelhafte Disziplin der Bürger spiele eine Rolle.

Wladimir Putin verkündete noch vergangenen Dienstag zufrieden, man habe die Corona-Tests seit Anfang März um das Sechzigfache auf 150.000 täglich erhöht. Die Zahl der Neuinfizierten stieg in diesem Zeitraum gerade um das Dreizehnfache. Also sei das Verhältnis der Erkrankten zu den Getesteten um mehr als das Vierfache gesunken, von Epidemie könne also kaum die Rede sein. Aber Putin sagte auch, Russland habe die Tagesproduktion von Schutzmasken seit Anfang des Jahres von 800.000 auf 8,5 Millionen erhöht – während sich vor allem in der Provinz Ärzte weiter über einen Mangel an Schutzmasken und anderer Ausrüstung beschweren.

Wladimir Putin ist zufrieden - dabei gilt Russlands Gesundheitssystem als mangelhaft

Mit bisher insgesamt 1356 Todesopfern ist die Sterblichkeitsrate in Russland zehnmal niedriger als etwa in Deutschland. Obwohl das russische Gesundheitssystem als mangelhaft gilt. So war nach einem Report des Rechercheportals „proekt.media“ die Zahl der Intensivstationsbetten mit 12.000 vor der Epidemie dreimal niedriger als vom Gesundheitsministerium vorgeschrieben.

Corona-Krise: Russland hat strenge Ausgangsregeln. Und so üben die Mitglieder des Bolschoi-Balletts zuhause.

Es herrscht Zahlensalat. Auf dem Gasprom-Förderfeld Tschajadinskoe in Jakutien wurden vergangene Woche über 3000 Arbeiter positiv getestet, aber bis gestern tauchten sie in keiner Statistik auf. Reihenweise gehen Provinzkrankenhäuser in Quarantäne, weil sich das Personal infiziert hat.

Corona-Krise in Russland: Zahlensalat und Druck durch Wladimir Putin

Die meisten Regionen beziffern die Corona-Kranken noch mit drei- oder zweistelligen Zahlen. Experten vermuten, die Gouverneure versuchten mit allen Mitteln, diese Zahlen niedrig zu halten: Mitte April hatte Putin gedroht, Regionalchefs, die sich schlecht auf die Epidemie vorbereitet hätten, „nicht nur verwaltungstechnisch“ zu Verantwortung zu ziehen.

„Es gibt keine genauen Zahlen“, sagt die Moskauer Ärztin Jelena Spiridonowa. „Die meisten Corona-Opfer leiden an zusätzlichen Krankheiten. Wenn das Diabetes war, wird als Todesursache nicht Covid-19, sondern Diabetes angegeben.“ So lasse sich die Corona-Statistik drücken. Dazu kommen die Lungenentzündungen, unter der viele leiden. Die BBC berichtet unter Berufung auf die Aufsichtsbehörde Ruspotrebnadsor, die Zahl der Lungenentzündungen sei in Moskau schon im Februar um 54 Prozent gestiegen.

Von Stefan Scholl

Der Shutdown in Russland geht mit der Forderung nach totaler Überwachung einher. Moskau steht wegen der Corona-Krise unter Quarantäne.

Schon lange hat Russland ein Problem mit Straßenhunden. Immer wieder greifen Rudel Menschen an. Betrüger machen sich nun die Furcht vor den Tieren zunutze.

Die ehemalige österreichische Außenministerin Karin Kneissl, die international vor allem dadurch bekannt wurde, dass sie Wladimir Putin im August 2018 zu ihrer Hochzeit in der Steiermark einlud, schreibt nun für den russischen staatlichen Medienkonzern „Russia Today“.

Statistiken in der Corona-Krise werden oft ge- und auch benutzt: Was Corona-Zahlen sagen – und was nicht. Ein Interview mit dem Psychologen und Risiko-Experten Gerd Gigerenzer.

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion