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Wie bewegen wir uns? Auch so eine Frage, die neue Perspektiven erfordert.

Die Welt nach Corona

Corona-Krise: Die Rückkehr des Gemeinwohls

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In der Krise stellen viele die Systemfrage: Wollen wir weiter im Hyper-Individualismus leben – oder altertümliche Ideen wie Gemeinsinn rehabilitieren?

  • In Zeiten der Corona-Krise stellen sich viele der Systemfrage.
  • Soll der Hyper-Individualismus beibehalten werden oder ein Kollektivismus ausgebildet werden?
  • Ein Beitrag des Philosophen Philipp Hübl.

Wir sind nicht systemrelevant! Das denken gerade einige Unternehmensberater und Startup-Gründer in Berlin, wie mir ein Freund erzählt hat, der die Szene kennt. Ihre Kinder müssen zuhause bleiben, weil die Kitas nur noch den Nachwuchs jener Menschen aufnehmen, die in systemrelevanten Berufen arbeiten: Krankenpfleger, Ärztinnen, Busfahrer, Journalisten und Polizistinnen. In unseren Nachbarländern ist die Lage ähnlich.

Diese Berufe sehen wir plötzlich mit anderen Augen. Nicht zuletzt daran zeigt sich, dass die Corona-Pandemie gerade in einem Großteil der Gesellschaft einen Wertewandel beschleunigt, der bisher vor allem bei der jüngeren Generation und den urbanen Progressiven zu beobachten war. Viele stellen jetzt die Systemfrage: Wie wollen wir in Zukunft leben? Weiter im Hyper-Individualismus, der die Freiheit jedes einzelnen in den Vordergrund stellt? Oder wollen wir, auch international, mehr Solidarität wagen, einen rationalen, globalen Kollektivismus entwickeln und altertümlich klingende Ideen wie „Gemeinwohl“ und „Gemeinsinn“ rehabilitieren?

Für den zweiten Weg haben sich gerade viele entscheiden. Sie akzeptieren, dass das Kontaktverbot und die selbstgebastelten Gesichtsmasken ihre individuelle Freiheit zum Wohle der Allgemeinheit einschränken. Auch eine Aufwertung der systemrelevanten Berufe ist zu beobachten. Die Krise reduziert das Leben auf seine Essenz und führt uns damit vor Augen, dass wir als Gesellschaft, ohne es richtig zu merken, lange Zeit falsche Prioritäten gesetzt haben. Wir haben die Menschen in der Kreativ-, Tech- und Medien-Szene belohnt, also die Einzelkämpfer, die Lauten, die Entertainer: mit Geld und vor allem mit sozialer Anerkennung, der kostbarsten Währung unserer Zeit. Viel zu wenig haben wir dagegen Berufen der kritischen Infrastruktur unsere Wertschätzung entgegengebracht: der Medizin, der Arbeit in der Pflege und der Familie, den Berufen der Versorgung mit Wasser, Energie, Lebensmitteln und Paketen, dem öffentlichen Dienst, selbst der Wissenschaft, die still und unglamourös in den Laboren und Forschungszentren wirkt.

Scheideweg nach Corona-Pandemie: Hyper-Individualismus oder Kollektivismus?

Die junge Generation der unter 35-Jährigen ist für Fragen des Gemeinwohls und globaler Solidarität besonders sensibilisiert. Das zeigt sich in Bewegungen zum Klimaschutz wie Fridays for Future ebenso wie in einer positiven Einstellung zum Mietendeckel oder zum bedingungslosen Grundeinkommen. Das zeigt sich auch im Impuls, alles Böse in der Welt „dem Kapitalismus“ oder „dem Neoliberalismus“ anzulasten. Der Staat soll nach Ansicht der jungen Progressiven für mehr kollektive Gerechtigkeit sorgen. Je mehr er eingreift, desto besser. Das geht so weit, dass inzwischen die Hälfte der US-Amerikaner zwischen 18 und 29 den Sozialismus positiv sieht, ein Phänomen, das die britische Zeitung Economist „Millenial Socialism“ getauft hat. Die Helden dieses jungen und überdurchschnittlich gebildeten Milieus sind Alexandria Ocasio-Cortez und Bernie Sanders.

Bei genauerer Betrachtung geht es den Jungen aber gar nicht um die Abschaffung des Kapitalismus. Die wenigsten gründen ihre Haltung auf eine ökonomische Theorie. Selbst wenn die Millenial-Sozialisten von „Enteignung“ sprechen, wollen sie nicht grundsätzlich das Privateigentum verstaatlichen. Ihnen geht es um etwas Größeres, aber auch Diffuseres: Sie hadern mit den Ungerechtigkeiten der globalen Wirtschaftsordnung. Sie sind – das zeigen Studien – angetrieben von einem starken Mitgefühl für die Unterdrückten und Diskriminierten, für Tiere und die Natur.

Corona zwingt uns gerade alle, in diesen globalen Dimensionen zu denken, denn das Virus kennt keine Staatsgrenzen. Der Individualismus des Westens wird durch eine winzige Proteinstruktur von 125 Nanometern herausgefordert, die nur durch mehr Kollektivismus bekämpft werden kann. Das Virus zwingt uns, unseren progressiven Freiheitsbegriff zu überdenken, bei dem es immer mehr um Selbstverwirklichung und Singularisierung ging, um ein Leben, das immer ausgefallener und hedonistischer wurde.

Philipp Hübl

Freiheit war ein Leitbegriff nach dem Fall der Mauer und dem Ende des Kalten Krieges. Und tatsächlich hat die Welt in den letzten 30 Jahren eine beispiellose Demokratisierungswelle erlebt. Auch im Westen haben wir insdividuelle Freiheitsrechte dazugewonnen, beispielsweise durch die Legalisierung der Ehe für Homosexuelle und durch Gleichbehandlungs- und Antidiskriminierungsgesetze in vielen Ländern. In der Wirtschaft wurde Freiheit allerdings auf dem „dritten Weg“ von Clinton, Schröder und Blair primär als Privatisierung von damals öffentlich angebotenen Gütern uminterpretiert: Energieversorgung, Mobilfunk, Paketdienste, Bahn, Krankenhäuser, Schulen und Universitäten. In Deutschland kam mit der Agenda 2010 die Liberalisierung des Arbeitsmarktes hinzu. All diese Maßnahmen haben zwar sicherlich Vorteile mit sich gebracht: Die Energie- und Telefonkosten sind gesunken, die Hartz-Reformen haben nachweislich Arbeitsplätze geschaffen. Doch die Ärmsten und Schwächsten der Gesellschaft konnten kaum davon profitieren, alleinerziehende Mütter zum Beispiel oder Langzeitarbeitslose und Kranke. Die ökonomische Freiheit hat weltweit die Ungleichheit vergrößert, zudem noch auf Kosten der Natur und des Klimas. In diesem Punkt steht das progressive Prinzip der Freiheit mit den anderen zwei progressiven Prinzipien „Solidarität“ und „Gerechtigkeit“ im Widerspruch.

Corona-Krise bedroht Sicherheiten und deckt Ungerechtigkeiten auf

Wie weltweite Studien zu der Entwicklung moralischer und politischer Werte zeigen, kommt es den Menschen in Entwicklungsländern vor allem auf materielle Sicherheit an („survival values“), die Rolle im Kollektiv ist entscheidend, die Religion prägt den Alltag. Sobald sich Länder industrialisieren und sich die Lebensbedingungen verbessern, gewinnt die Individualisierung immer mehr an Bedeutung: die Autonomie rückt in den Vordergrund („self expression values“), die Menschen wollen sich mit ihrem Beruf persönlich verwirklichen, eine säkulare Weltordnung verdrängt die alte Stammesmoral und die Wissenschaft tritt an die Stelle der Religion. An diesem Punkt stehen die jüngeren Generationen im Westen. Sie sind mit einer historisch einmaligen materiellen Sicherheit aufgewachsen. Ihre Werte sind im Vergleich zu früheren Generationen besonders liberal, universalistisch und solidarisch.

Auch in der Serie „Die Welt nach Corona“: Die Pandemie ist eine Chance, Grenzen der Solidarität zu erkennen – und zu überwinden.

Die Pandemie bedroht nun diese Sicherheiten existenziell und hebt gleichzeitig die Ungerechtigkeit der Welt hervor: die Armen leiden am meisten. Gerade in der Corona-Pandemie erleben wir einen starken Staat, der einzelnen Menschen Freiheiten nimmt, um die Schwachen zu schützen. Viele müssen plötzlich konsequentialistischer denken, als sie es gewohnt sind, auch wenn die Klimaaktivisten das schon lange fordern: Welche Folgen hat meine heutige Handlung in den nächsten Tagen, Wochen, Jahren? Wie intensiv darf ich kollektive Güter nutzen und wie sehr schadet mein Verhalten der Allgemeinheit?

Ein moderner, weitgefasster Gemeinwohlbegriff muss festlegen, dass wir Menschen von bestimmten Gütern nicht ausschließen sollten. Neben Straßen, Grünflächen und dem öffentlichen Rundfunk gehören dazu auch solche, die noch vor gar nicht allzu langer Zeit private Luxusgüter darstellten wie Medizin, Bildung und digitale Kommunikation. Das zeigt die Pandemie ebenfalls.

Schon vor der Corona-Krise haben Forscher, Umweltaktivisten und die Demonstranten von Fridays for Future immer wieder betont, dass das Klima ein öffentliches Gut ist, das der ganzen Menschheit gehört und das wir durch unseren Lebensstil schädigen. Die weltweiten Rohstoffe im Prinzip auch: Sie werden von den Industrienationen verbraucht, obwohl sie allen gleichermaßen zustehen sollten. Wenn nun in der aktuellen Krise Quarantäne-Rohstoffe wie Toilettenpapier und Atemschutzmasken knapp werden, spüren wir plötzlich alle, was Ressourcenmangel bedeutet.

Informationen Bestandteil der kritischen Infrastruktur wie Wasser, Strom und Nahrung 

Der Autor

Philipp Hübl ist Philosoph. Auf 3sat füllte er sein „Corona-Tagebuch“. Zuletzt sind von ihm erschienen „Die aufgeregte Gesellschaft“ und „Bullshit-Resistenz“.

Auch die Frage, wie wir uns in der Stadt begegnen, rückt durch die Pandemie auf einmal ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit. Die Nutzung der Stadt war bisher ebenfalls eher unter den Jungen und den Progressiven ein Thema: Wie wollen wir in der Stadt zusammenleben? Benötigen wir Autos? Ist Straßenwerbung nicht visuelle Umweltverschmutzung? Warum gibt es so viele seelenlose Orte vor Bahnhöfen und Einkaufszentren? Wem gehört der Wohnraum? Die Frage, wie wir uns in den Dörfern und Städten begegnen, erscheint plötzlich relevanter denn je.

Die vermutlich bisher am wenigsten geklärte Frage zum Gemeinwohl lautet: Wem gehören die Daten? Die Pandemie zeigt auf fatale Weise, dass man die Infektionskurve nur dann abflachen kann, wenn man international alle Daten austauscht. Hätten die Länder im Februar besser kommuniziert, hätte man die Verbreitung schon früh nachhaltig dämpfen können. Die Pandemie macht also deutlich, dass Informationen zentraler Bestandteil der kritischen Infrastruktur sind so wie Wasser, Strom und Nahrung. Mehr noch: Es sind Güter, die weder exklusiv noch umkämpft sein sollten. Daher ist es umso skandalöser, dass Monopolisten wie Facebook und Google den alleinigen unkontrollierten Zugriff auf unvorstellbar viele Daten haben, von deren Nutzung alle profitieren könnten. Genauso skandalös: Universitäten und damit Staaten, die sie finanzieren, zahlen gewaltige Summen an die großen Wissenschaftsverlage, um Zugang zu Forschungsartikeln zu erhalten, die überhaupt nur durch öffentliche Mittel entstanden sind.

Auch in der Serie „Die Welt nach Corona“: Nach Corona werden in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sicher wieder alte Mechanismen greifen. Wir sollten Kräfte bündeln und neue Wege beschreiten.

Die Anbieter erwirtschaften so Gewinnmargen, die man sonst nur aus dem Drogen- und Waffenhandel kennt. Auch dieses Wissen sollte kostenlos allen Menschen zustehen. Daten und Wissen, oder allgemeiner: Informationen sind nämlich nicht der „Rohstoff“ des 21. Jahrhunderts, wie es oft heißt, sondern etwas Wertvolleres: ein abstraktes Investitionsgut, das man im Prinzip unendlich oft nutzen kann. In der Krise zeigt sich ihr Wert besonders deutlich, daher kann die Krise helfen, die Erkenntnis zu verbreiten, dass man systemrelevante Informationen nicht privatisieren darf.

Weil Gesellschaften eine Trägheit innewohnt, wird nach der Krise wieder vieles beim Alten sein. Das Leben wird sich einpendeln, die Menschen werden wieder arbeiten, konsumieren, ihren Urlaub nachholen, neue Unternehmen gründen, und die Börsenkurse werden sich erholen. Wenn wir jedoch aus der Pandemie etwas lernen, dann könnte sie den kontinuierlichen progressiven Wertewandel beschleunigen, indem die Idee einer globalen Solidarität und der Wertschätzung des Gemeinwohls dauerhaft virale Verbreitung findet. Dann werden wir auch nach der Krise Pandemie-Apps auf dem Smartphone installieren, unseren eigenen Lebenswandel mit CO2-Zählern überprüfen, mehr in die Entwicklungshilfe investieren, die Berufe der kritischen Infrastruktur aufwerten und das Wissen der Welt allen zugänglich machen. Und wir werden mehr dafür sensibilisiert sein, was wirklich relevant ist für unser System – und unser Leben.

von Philipp Hübl

Zur Serie „Die Welt nach Corona“

Mitten in der Krise  über die Welt danach zu reden – ist das eine Zumutung? Haben wir nicht alle genug damit zu tun, die Beschränkungen des alltäglichen Lebens, die Angst vor der Erkrankung und den materiellen Folgen zu bewältigen? Wir haben uns entschieden, den Blick in die Zukunft dennoch zu wagen. Wir sind überzeugt, dass wir jetzt überlegen müssen, was auf Dauer anders werden muss, damit es für alle besser wird.

Sehr unterschiedliche Aspekte  soll diese Serie abdecken: von der Erfahrung der fehlendsen Verfügbarkeit über das eigene Leben bis zu einer grundlegenden Neugestaltung der Wirtschaftsordnung.

Viele Gastautorinnen und -autoren  haben ihre Teilnahme zugesagt, etwa die Philosophinnen Nancy Fraser und Rahel Jaeggi sowie der Erfolgsautor Paul Mason.

Mit einem Phasenmodell macht die indische Ärztin Monika Langeh Mut, die Corona-Krise als Chance für die persönliche Entwicklung zu nutzen. Sie erklärt, worauf es dabei ankommt.

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