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Franziskanermönche auf der Via Dolorosa.

Jerusalem

Corona-Krise an Ostern: (Un)heilige Stille in Jerusalem

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Ein Streifzug zur Osterzeit durch die Jerusalemer Altstadt im Ausnahmezustand.

  • Das Coronavirus hat längst Israel erreicht.
  • Kein Tourismus mehr seit Mitte März.
  • Religiöse Großereignisse sind abgesagt. 

Die Souvenirläden sind mit schweren Metalltoren verriegelt, wie sonst nur in der Nacht. Ein paar Straßenkatzen räkeln sich in der Sonne. Kaum eine Menschenseele lässt sich blicken. Derart still und verlassen hat man die Jerusalemer Altstadt noch nie erlebt, erst recht nicht zur Osterzeit, wenn sich normalerweise wahre Ströme von Pilgern durch die Gassen drängen. Jetzt hallen bloß die eigenen Schritte auf dem Weg vom New Gate zur Grabeskirche über das steinerne Pflaster.

Corona - Freidhofsruhe an Ostern

Auf dem Vorplatz des Heiligtums herrscht geradezu Friedhofsruhe, eigentlich auch recht passend für diese Stätte, erbaut über dem Hügel Golgatha, wo nach christlichem Glauben der Gekreuzigte aus seinem Felsengrab wieder auferstanden ist. Kein Laut ist zu hören bis auf das muntere Zwitschern von Vögeln, die in den Ritzen des uralten Gemäuers nisten.

Die Szenerie hat etwas Surreales, so dass man sich später auch nicht wundern wird, auf der Via Dolorosa, der „Straße der Schmerzen“, einem einsamen Jesusjünger mit graublondem Wallehaar und Pilgerstock zu begegnen. Er stellt sich als James Joseph vor, stammt aus Detroit im US-Bundesstaat Michigan und ist barfuß, gehüllt in ein weißes, mit Kordel zusammengehaltenes Pilgergewand, unterwegs auf den Spuren des Herrn. James Joseph, ehemals von Beruf Nationalgeograf, verbringt jedes Jahr die Osterwochen in Jerusalem, um spirituell aufzutanken. Aber in diesem Jahr, erzählt der 60-Jährige sanftmütig lächelnd, fühle er sich „persönlich ganz speziell mit Jesus verbunden“. Das Kreuz mit Corona, jener um die Welt tobenden Pandemie, vertiefe gewissermaßen „die Trauer um seinen Schmerz“.

Kein Verdienst für Tour-Guides, Basarhändler und Kreuzträger

Die Leute in der Altstadt mögen James Joseph, der von Spenden lebt und unterm Bogen der Neunten Leidensstation, der letzten außerhalb der Grabeskirche, nächtigt. Er ist einer der nettesten, der vom „Jerusalem Syndrom“ befallenen Pilger, derzeit aber auch der einzige weit und breit. Seit Mitte März kommen so gut wie keine Touristen mehr ins Heilige Land. Noch vor kurzem galt Jerusalem im internationalen Vergleich als die Stadt mit der am schnellsten wachsenden Besucherzahl. Nun stehen rund 20 000 Hotelbetten leer, einige Quartiere wurden in Quarantäne-Zentren für leichte Fälle umgewidmet.

Auch Tour-Guides, Basarhändlern und Kreuzträgern ist das Geschäft komplett weggebrochen. „So schlimm war es nicht mal in der Intifada“, klagt Farraj, Besitzer eines Gemischtwarenladens. Im Suk des christlichen Viertels ist er der Einzige, der noch offen hat. Wie man da Ostern feiern wolle? „Na, mit Bibel-Lesen in der Familie“, meint Daoud, sein über Nacht arbeitslos gewordener Nachbar, der sich aus Langeweile zu ihm gesellt hat.

Der Schutz vor dem Coronavirus geht vor

Alle religiösen Großereignisse, wie die Prozession am Palmsonntag vom Ölberg runter zur Altstadt, wurden abgesagt. Der Schutz vor dem Virus geht vor. Gottesdienste werden noch gehalten, aber in minimalistischer Besetzung mit höchstens zehn Personen, die Geistlichen eingerechnet. In seltener Eintracht haben sich auch die drei Hauptkonfessionen der Grabeskirche – Römische Katholiken, Griechisch-Orthodoxe und Armenier – auf eine versetzte Abfolge ihrer Festmessen an Karfreitag und Ostersonntag verständigt, damit man sich nicht gefährlich ins Gehege kommt. Die Gläubigen können sich online zuschalten, etwa über die Website des Lateinischen Patriarchen in Jerusalem (www.lpj.org).

„Nicht mehr als zehn und bitte Abstand halten“ – das Corona-Gebot, erlassen von der israelischen Regierung, gilt ebenso auf dem Platz vor der Klagemauer. Verwaist stehen jede Menge weißer Plastikstühle herum, auf denen sonst fromme Juden im Angesicht des Relikts aus Tempelzeiten sich in Thora und Talmud versenken. Nur noch über das Dung-Tor ist das höchste jüdische Heiligtum zu erreichen. Die beiden anderen Einlässe vom jüdischen und moslemischen Altstadtviertel her sind zu.

Das soziale Kontaktverbot in Israel wurde verschäft 

Pünktlich zu Passah, wenn gewöhnlich halb Israel der Klagemauer einen Besuch abstattet, hat die Regierung das soziale Kontaktverbot noch mal verschärft und einen landesweiten Lockdown verhängt. Keiner darf den Wohnort verlassen und auch das eigene Haus möglichst nicht. Am Sederabend zum Auftakt des Passah-Festes, an dem der Auszug des Volkes Israel aus der Sklaverei in Ägypten gefeiert wird, trat sogar eine generelle Ausgangssperre von 15 Uhr bis zum nächsten Morgen in Kraft, ausgenommen blieb nur die arabische Minderheit. Angesichts der hochgeschnellten Infektionsraten unter den versammlungsfreudigen Ultraorthodoxen sah Premier Benjamin Netanjahu keine Alternative.

Die nächste Herausforderung steht im Ramadan bevor, dem muslimischen Fastenmonat, der Ende April beginnt. Die Freitagsgebete finden seit Wochen nicht mehr in der Al-Aksa-Moschee statt, sondern allenfalls draußen auf dem Haram al-Scharif, dem „Erhabenen Heiligtum“, auf abgezirkelten Plätzen in Zwei-Meter-Distanz. Aber ob TV-Serien in den Ramadan-Nächten reichen werden, die Leute vor dem Fernseher in den eigenen vier Wänden zu fesseln, wo doch Geselligkeit nach dem Fastenbrechen großgeschrieben wird?

Karfreitagsprozession in Corona-Zeiten im Miniformat

Auf der Al-Wad-Straße, die vom Damaskustor quer durchs muslimische Viertel verläuft, patrouillieren schon jetzt verstärkt israelische Polizeistreifen. Zwischen ihnen üben palästinensische Kinder unbekümmert Radfahren. Der Ausnahmezustand macht’s möglich. Sonst ist hier an hohen Feiertagen – ob Ostern, Passah oder Ramadan – kaum ein Durchkommen.

Eigentümlicherweise geht an diesem Nachmittag im doch gähnend leeren Jerusalem plötzlich für die Franziskaner-Pater, angeführt von Francesco Patton, dem Kustos im Heiligen Land, nichts mehr voran. Sie sind weniger als zehn, halten Abstand, tragen Mundschutz und blaue Gummihandschuhe, die sich recht seltsam zusammen mit ihren braunen und schwarzen Kutten ausnehmen. Aber an der Ecke des Österreichischen Hospizes verbauen ihnen Grenzpolizisten den Weg. „Ihr seid zu viele, nur zwei sind erlaubt“, herrscht ein Uniformierter sie an. Plötzlich liegt Spannung in der Luft. Erst nach diversen Telefonaten mit der Einsatzzentrale wird den Franziskanern schließlich Durchlass gewährt.

Ihr wöchentliches Ritual, vor jeder Leidensstation auf der Via Dolorosa ein Gebet auf Arabisch, Englisch und Italienisch zu sprechen, kann nun beginnen. „Ave Maria“ schallt aus der Lautsprecherbox, die ein Mönch umgeschnallt hat, über die leere Gasse. Auch die Karfreitagsprozession, die sonst auf eine wahre Heerschar an Gläubigen anschwillt, muss sich coronabedingt auf ein Mini-Format beschränken.

Nur James Joseph, der amerikanische Jünger, eilt den Franziskanern flugs hinterher, um in ihrem Schlepptau unbesehen den nächsten Checkpoint der Polizei zu passieren.

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